Finanzamtsleiter Dr. Gerhard Niemeier will mit 65 von Ruhestand noch nichts wissen

In zwei Jahren Abschied zum Jubiläum

Besondere „Aussicht“: Für das Streiflichter-Foto hat Dr. Gerhard Niemeier einmal das Dach des Finanzamts erklommen. Der Amtsvorsteher feiert in dieser Woche seinen 65. Geburtstag, hängt aber beruflich zwei Jahre dran.

Coesfeld. Der Ausblick ist außergewöhnlich. Von ganz oben wird der eifrige Treppensteiger mit einem seltenen 360-Grad-Panorama über Coesfeld belohnt.

Für Dr. Gerhard Niemeier war der „Ausflug“ auf das Dach des Finanzamts (für das Streiflichter-Foto) dennoch eine Premiere – und das nach 13 Dienstjahren als Vorsteher. Überhaupt ist er lieber mittendrin statt über den Dingen. Das ist auch einer der Gründe dafür, dass Niemeier, der in dieser Woche seinen 65. Geburtstag begeht, von Ruhestand noch nichts wissen will und als Finanzamtsleiter zwei Jahre dranhängt.

Es kommen drei Sachen zusammen“, erzählt der Wahl-Coesfelder, der 1978 aus Bielefeld in die Berkelstadt umzog, warum er sich erst mit 67 aus dem Berufsleben verabschieden möchte: „Erstens fühle ich mich im Kreise meiner Mitarbeiter sehr wohl. Ich habe das Gefühl, dass alle ihren Job gerne machen; keiner zieht hier mit Schadenfreude den Menschen das Geld aus der Tasche. Zweitens liegt es daran, dass meine Frau und ich in Coesfeld wohnen. Und drittens ist meine Frau als Mitglied des Stadtrates ehrenamtlich noch voll im Geschehen, so dass wir beide noch gut beschäftigt sind.“

Gut beschäftigt sind auch die 222 Mitarbeiter und neun Auszubildenden auf 5 567 Quadratmeter Bürofläche im Coesfelder Finanzamt, unter denen Niemeier „schon seit vier Jahren der Lebensälteste“ ist. Rund 500 Millionen Euro wurden im vergangenen Jahr an Steuergeldern eingezogen. Für den Laien kurios: Für die „dicksten Batzen“, die Lohnsteuer (rund 150 Millionen Euro) und die Umsatzsteuer (rund 183 Millionen Euro) sind in der Behörde nur einige wenige Mitarbeiter zuständig.

Eine Million Blatt Papier

werden jährlich benötigt

Überhaupt, blickt Niemeier in die Zukunft, sei es „spannend“, die personelle Gratwanderung zu schaffen. Laut Vorgabe der Landesregierung soll es künftig NRW-weit mehr Betriebsprüfungen geben. Der Außendienst in den Finanzämtern soll entsprechend intensiviert werden. „Und trotzdem“, rechnet Niemeier vor, „müssen wir hier im Innendienst weiterhin 35 000 Arbeitnehmerfälle und 15 000 Unternehmer- und Gewerbefälle bearbeiten.“

Eine weitere einschneidende Änderung stehe den Finanzämtern 2014 bevor. Dann wird die Kfz-Steuer, die seit Juli 2009 Bundessteuer ist, aber noch von den Landesfinanzbehörden verwaltet wird, auch rein praktisch von der Bundesfinanzverwaltung erhoben.

Ob im Zuge einer daher vorstellbaren Verschlankung der Finanzämter auch Zusammenlegungen (im Kreis Coesfeld etwa mit Lüdinghausen) denkbar seien? „Das glaube ich nicht“, sagt Niemeier. Gut möglich sei aber, dass vielleicht in 20 Jahren nur noch halb so viel an Räumlichkeiten und Fläche benötigt werde. Denn: „Wenn sich die E-Bilanz für Unternehmer etabliert und die Bilanzen nicht mehr auf Papier, sondern auf Datenträgern archiviert werden, braucht man wesentlich weniger Platz.“ Zur Veranschaulichung: „Wir benötigen pro Jahr zurzeit eine Million Blatt Papier.“

Aus zwei Bildschirmen

wurden 280 Arbeitsplätze

Nicht lange nachdenken muss Niemeier bei der Frage, welche Entwicklung ihn in seiner Zeit als Finanzamtsleiter erstaunt hat. „Die Entwicklung der EDV! 1988 gab es zwei Bildschirme im gesamten Finanzamt, heute haben wir inklusive der Schulungsräume 280 Arbeitsplätze. Das ist die Entwicklung, die am gewaltigsten sichtbar ist.“

Welche Entwicklungen es auch künftig wird – 2013 möchte Niemeier den beruflichen Schlussstrich ziehen. „Es passt auch ganz gut, ich habe dann 25-jähriges Jubiläum als Finanzamtsvorsteher – in fünf Stationen und vier Ämtern.“ In Nordrhein-Westfalen ist Niemeier damit übrigens schon jetzt dienstältester Finanzamtsleiter.

In Coesfeld ist er aktuell bereits zum zweiten Mal Vorsteher. Von 1988 bis 1996 dauerte seine erste Amtszeit, über Stationen in Münster (Leitung der Konzernbetriebsprüfung, dann Leitung der Steuerfahndung) und Lüdinghausen kehrte er 2006 zurück. Gebürtig stammt Niemeier aus der Grafschaft Bentheim – nach dem Abitur 1965 und dem Jura-Studium promovierte er 1973 zum Thema „Steuerliche Begünstigung der Kartelle“, arbeitete in der Finanzverwaltung Bielefeld sowie anschließend als Referent und Justiziar in Münster, weshalb es ihn zurück ins Münsterland zog.

Aktiv bei der Die-La-Hei

und im Presbyterium

Mit Coesfeld verbunden ist er längst über den Beruf hinaus – als Vorsitzender des Presbyteriums der evangelischen Kirchengemeinde und seit zwei Jahren auch als Senatsmitglied der Karnevalsgesellschaft Die-La-Hei. „Das war schon lustig, als ich 2010 an Altweiber zum Gefolge des Prinzen gehörte und beim traditionellen Besuch im Finanzamt als Gast in die Behörde kam“, schmunzelt Niemeier, der 2009 beim Büttabend im Rahmen des stimmungsvollen Wettbewerbes „Die-La-Hei sucht den Superstar“ einen richtig kultigen Auftritt hingelegt hatte – thematisch passend als „Gerd vom Finanzamt“ mit der Performance von „Money, Money, Money“!

Für einen Spaß ist Dr. Niemeier eben immer zu haben. Und so marschiert er für ein Streiflichter-Foto halt auch schon mal aufs Dach …

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