Gerd und Dustin Waree schlüpfen als Showartisten in unzählige verschiedene Rollen und stehen auch als Vater-Sohn-Duo auf der Bühne

„Wir haben den tollsten Job der Welt"

Coesfeld/Rosendahl. Gut ein Jahr ist es her, dass die zwei übergroßen Stoffpuppen Uschi und Burschi mit ihrem Schlagersong „Oberkante Unterlippe“ im Internet für Furore sorgten; das entsprechende Musikvideo entstand damals in der Coesfelder Kneipe In de Witte Schwan (die Streiflichter berichteten).

Inzwischen ist es um das „Powermadl“ und den „echten Pfundskerl“ wieder etwas ruhiger geworden – ganz im Gegensatz zu Gerd und Dustin Waree, den beiden Männern, die die Puppen beim Videodreh zum Leben erweckt hatten. Seit 2006 stehen Vater und Sohn als Akrobaten und Showartisten gemeinsam auf der Bühne und haben mit ihren Shows schon so manche Firmenevents, Galas und Varieté-Veranstaltungen aufgemischt.

Gleich mehrere Shows gehören zum Repertoire der beiden. Da wäre zum Beispiel die Einrad-Nummer, bei der Dustin Waree seine einzelnen Stunts trotz körperlicher Höchstleistung mit rockigem Live-Gesang kombiniert. Oder die Papiershow, in der Gerd Waree als witzig-genialer Papierkünstler „Doc Shredder“ gewöhnliches Zeitungspapier faltet und knüllt, schnippelt und reißt und damit die verrücktesten Kreationen modelliert. Oder die „Dolls Company“ rund um den Zirkusdirektor Geralde und die beiden Senioren Irma und Paul, die allesamt aus derselben Puppenmacherstube stammen wie Uschi und Burschi. Wer hier an gewöhnliches Puppentheater denkt („doll“ ist das englische Wort für Puppe), liegt falsch: Vielmehr legen die drei eine wilde Tanz- und Akrobatiknummer aufs Parkett, bei der selbst dem Publikum kaum Zeit zum Luft holen bleibt.

Viel Zeit zum Luftholen bleibt auch den Artisten oft nicht, denn es gibt viel zu tun: „Mal eben mit dem Auto 850 Kilometer bis nach Innsbruck fahren für zehn Minuten auf der Bühne, auch das gehört zu unserem Alltag“, erklärt Dustin Waree. „So lernt man die Welt auch kennen“, ergänzt sein Vater mit einem Schmunzeln. Genau davon hat Gerd Waree immer geträumt. In einer Zeit, in der Deutschland noch durch die Mauer geteilt wurde, verbrachte der gebürtige Sachse seine Kindheit in der DDR. „Seit Kindesbeinen wollte ich immer nur weg. Mein Wunsch war es, zur See zu fahren oder Artist zu werden, damit ich die Länder der Welt kennenlernen kann.“ Im Alter von gerade mal 14 Jahren zog er von Sachsen nach Ost-Berlin, um dort an der Staatlichen Schule für Artistik seine Ausbildung zu beginnen. „Das war ein langer Kampf mit meinen Eltern“, erinnert er sich. „Aber ich habe so lange gebohrt, bis ich gehen durfte.“

1977 verließ er die Artistenschule als „Staatlich geprüfter Artist“. Die ersten Jahre arbeitete er in einem Zirkus, seit 1982 verdient er seinen Lebensunterhalt als freischaffender Künstler. Die Artisten-Schule gibt es noch heute, doch Gerd Waree weiß: „Von den vielen Absolventen schaffen’s auf lange Zeit nur die Wenigsten sich zu etablieren.“ Zuverlässigkeit und Kontinuität seien zwei ganz wichtige Voraussetzungen für den langfristigen Erfolg.

Seit fast zehn Jahren stehen Gerd und Dustin Waree nun schon gemeinsam auf der Bühne, Vater und Sohn sind längst ein eingespieltes Team. Dabei war es nicht immer absehbar, dass Dustin Waree in die Fußstapfen seines Vaters treten und ebenfalls Artist werden würde. „Als Kind fand ich das natürlich cool, was mein Vater da gemacht hat. Aber wie das so ist mit den Jugendlichen, habe ich den Beruf meiner Eltern irgendwann zunehmend in Frage gestellt.“

„Ich habe sein Potential gesehen. Mit drei oder vier Jahren ist er schon Einrad gefahren, und auch die ganze Selbstdarstellung – das hat einfach gepasst.“

GERD WAREE

über seinen Sohn Dustin

Er entschloss sich zu einer Ausbildung zum Gestaltungstechniker, die er 2005 am Pictorius-Berufskolleg abschloss. „Dann muss ich wohl etwas gescheiter geworden sein, jedenfalls habe ich erkannt, dass der Beruf meines Vaters eigentlich eine super Sache ist. Außerdem haben wir uns gut verstanden, da konnte ich mir durchaus vorstellen, auch mit ihm zusammen zu arbeiten.“ „Für mich war schon vorher klar, dass er irgendwann Artist wird“, wirft Gerd Waree ein. „Ich habe sein Potential gesehen. Mit drei oder vier Jahren ist er schon Einrad gefahren, und auch die ganze Selbstdarstellung – das hat einfach gepasst. Es wäre wohl verschenkt gewesen, wenn er in einem ‚normalen’ Beruf gelandet wäre.“ Seine jahrzehntelange Berufserfahrung gab er gerne an seinen Sohn weiter. „Die Fehler, die ich gemacht habe, brauchte er nicht wieder machen.“

Für Dustins Mutter Heidi war es ebenfalls nicht ungewöhnlich, dass der Sohn in die Fußstapfen seines Vaters trat, schließlich war sie selbst zwischen 1987 und 2006 die Bühnenpartnerin ihres Mannes. Und schon ihre Tante und ihre Oma arbeiteten als Tänzerinnen und Artistinnen, letztere war mit einem Dompteur verheiratet. Die Lust auf das Rampenlicht scheinen die Warees im Blut zu haben...

Doch auch Artisten haben es nicht immer leicht: „Neben dem körperlich anstrengenden Training ist es ein ständiger Kampf, am Zeitgeist zu bleiben und das Publikum mit unserem Programm zu begeistern“, sagt Dustin Waree. Sein Vater sieht das genauso. „Die Empfindungen des Publikums haben sich in den vergangenen Jahren komplett geändert. Die Leute lehnen sich nicht mehr einfach zurück und lassen alles auf sich wirken. Wenn heute zehn Sekunden lang nichts passiert, sind die Leute schnell abgelenkt.“

Dustin Waree vermutet, dass das auch mit den vielen Talentshows im Fernsehen zusammenhängt. „Die Leute kennen einfach schon viel, also verlangen sie auch mehr.“ 

Trotz aller Strapazen und Anstrengungen: „Wir sind uns sicher, den tollsten Job der Welt zu haben.“ Etwa 100 bis 130 Auftritte haben die beiden im Jahr. Die meisten davon verlaufen reibungslos, aber hin und wieder kommt es eben auch unter Profis mal zu kleineren Patzern. „Ich kann mich an eine Halle erinnern, in der die Luft extrem trocken war. Ich sollte Einrad fahren und ‚Song 2’ von Blur singen, aber statt des hohen Tons am Anfang kam nur irgendein tiefes Gegröle aus meiner Kehle. Ich musste selbst total lachen“, erzählt Dustin Waree.

„Oder das Mal, als plötzlich Stromausfall war und die Musik ausging. Dustin hat dann einfach das Publikum dazu animiert, bis zum Ende der Show im Rhythmus mit zu klatschen. Die Leute waren begeistert – und ich ganz stolz auf meinen Sohn“, erinnert sich Gerd Waree. Solche kleinen Pannen nehmen die beiden mit Humor. Improvisationstalent ist bei Artisten eben auch gefragt. „Eigentlich gibt es keinen Moment, in dem wir sagen, wir treten nicht auf“, sagt Dustin Waree. Sogar mit Fieber oder Bänderriss standen sie schon auf der Bühne.

Aber natürlich kennen auch sie Tage, an denen man sich aufraffen muss. „Das ist nicht immer leicht, aber wenn du auf der Bühne nicht 100 Prozent gibst oder nicht mit ganzem Herzen dabei bist, merkt das Publikum das sofort“, weiß Gerd Waree. 

„Trotzdem überwiegen ganz klar die schönen Momente. Die Menschen, wie sie feiern, das ist wirklich was ganz Tolles!“ „Am schönsten ist es, wenn richtig viele Leute da sind“, ergänzt Dustin Waree. „Wenn du auf der Bühne stehst und ein paar tausend Menschen feiern mit – da kriegt man echt Gänsehaut. Da fühlst du dich für einen kurzen Moment wie ein kleiner Weltstar“. In Deutschland, Holland, Österreich, der Schweiz, in Belgien und Frankreich waren sie in den vergangenen Jahren unterwegs. Mit seiner Einrad-Nummer hat Dustin Waree es sogar schon bis nach Dubai geschafft.

Abheben, den Boden unter den Füßen verlieren, dafür sind Vater und Sohn allerdings viel zu bodenständig. Dustin Waree (30) ist gerade Vater geworden und hat sich mit seiner kleinen Familie in Coesfeld ein Haus gekauft, Heidi und Gerd Waree (56) haben in einem gemütlichen Einfamilienhaus in Höven ihr zweites Zuhause gefunden. 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung wirkt es auf sie manchmal fast unwirklich, was ihnen als ehemaligen DDR-Bürgern in Ost-Berlin wiederfahren ist. Weil die Tochter im Schulunterricht von einem Onkel erzählte, der nach West-Berlin umgezogen war, wurde die Staatssicherheit auf die Familie aufmerksam.

„Polizisten, die vor der Haustür standen oder durchs Schlüsselloch geschaut haben, Nachbarn und Kollegen, die für die Stasi gearbeitet haben und sogar die Erteilung eines Berufsverbots – das haben wir alles hautnah miterlebt“, erinnert sich Heidi Waree. „Beim Verhör über die uns unterstellten Fluchtpläne wurde mir gesagt, dass ich meine Träume ins Ausland zu reisen jetzt vergessen könne“, sagt Gerd Waree.

„Das war für mich der Augenblick, in dem ich beschloss, einen Ausreiseantrag zu stellen.“

„Den müssen sie dann irgendwann mal runtertragen von der Bühne!“

HEIDI WAREE

über ihren Mann Gerd

Noch dreieinhalb Jahre mussten sie warten, erst am 4. August 1989 durfte die Familie am S-Bahnhof Friedrichstraße legal in den Westen ausreisen. „Tränenpalast wurde der Ort damals genannt, weil dort so viele Leute geweint haben“, weiß Heidi Waree. Während sie mit den Kindern bereits auf der West-Berliner Seite stand, musste ihr Mann noch mehrmals hin- und herlaufen, um das Gepäck der Familie und die Requisitenkoffer durch den engen Durchgang zu schaffen. „Ich glaube, ich werde niemals das Bild von den Puppengesichtern vergessen, das auf dem Bildschirm erschien, als die Koffer durchleuchtet wurden. Die müssen ja gedacht haben, dass wir da Leute versteckt haben“, schmunzelt Heidi Waree.

Nach der Unterbringung in mehreren Durchgangslagern erhielten die Warees durch glückliche Zufälle einen Job und eine eigene Wohnung – beides ausgerechnet am 9. November, dem Tag, an dem die Mauer fiel. „Die Wohnungsnot in West-Berlin war riesig, man kann sich nicht vorstellen, was es da bedeutet hat, eine eigene kleine Wohnung zu kriegen“, erklärt Gerd Waree. „Und als wir dann abends im Fernsehen gesehen haben, dass die Mauer fällt – ich hab vor Freude nur noch geheult“, sagt Heidi Waree. Noch heute strahlen ihre Augen, wenn sie von diesem Moment erzählt. „Im Alltag denkt man über diese ganzen Dinge gar nicht mehr nach, es fühlt sich fast an wie ein anderes Leben“, sagt Gerd Waree. „Aber wirklich vergessen kann man das wohl nie“, ergänzt seine Frau. 

Gerd Waree wollte immer raus aus seiner Heimat1, wollte die Länder jenseits der deutschen Grenzen kennenlernen – und er hat es geschafft. Wenn es nach ihm geht, dann ist an Aufhören noch lange nicht zu denken. „Die Bühne ist für mich wie ein Lebenselexier“, sagt er. „Den müssen sie dann irgendwann mal runtertragen von der Bühne“, scherzt Heidi Waree.

Mehr zu Gerd und Dustin Waree gibt es im Internet unter www.showartist.de.

SL-Coesfeld vom 21.10.2015

​Von Tina Walther

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