Zeitreise mit den Retro-Nerds

Videospiel-Arcade lockt Spieleinteressierte aus der ganzen Umgebung nach Vreden

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Auf 400 Quadratmetern hat der gemeinnützige Verein Retro-Nerds Münsterland e.V. in Vreden eine Arcade mit Spielen wie Donkey Kong, Pac-Man und Space Invaders aufgebaut.

Kreis Coesfeld/Vreden. Wer kennt sie nicht? Donkey Kong, Pac-Man und die Space Invaders begleiteten Generationen von Spielebegeisterten in Arcades. Ein Stück Zeitgeschichte, das vielerorts verschwunden ist. Für das Münsterland gilt dies jedoch nicht: Spielebegeisterte aus der Region oder auch aus ganz Deutschland zieht es zu dem gemeinnützigen Verein Retro-Nerds Münsterland e.V., um eben diese Kultklassiker wieder aufleben zu lassen. Auf 400 Quadratmetern befinden sich dort Spieleautomaten jeglicher Art, die zum „daddeln“ nach Herzenslust einladen. Eine kleine Zeitreise inmitten von Vreden.

Seit einem Jahr befindet sich der Verein an dem Standort an der Bahnhofsstraße 28, gegründet wurde er 2017. Nicht nur Vredener sind Teil der Retro-Nerds – die Mitglieder kommen zum Teil sogar aus Köln oder Berlin. Die Leidenschaft zu den Retro-Spielen wirkt auch vereinsübergreifend. So statten sich die Vereine und Sammler gerne auch gegenseitig Besuche ab. Flipper-Frank – die Retro-Nerds nennen sich grundsätzlich nur mit Vornamen – unternahm schon viele Reisen durch ganz Deutschland, immer auf der Suche nach neuen Fundstücken. So bugsierte er zusammen mit Vereinsmitgliedern Mike und dem leider verstorbenen Christian beispielsweise einen „Sea Wolf“-Automaten aus einem Partykeller über eine schmale Treppe. „Maßarbeit“ lacht der Vredener, der aufgrund der Arbeit seines Vaters, der Automatenaufsteller war, schon seit seiner Kindheit bestens mit den Spieleautomaten vertraut ist. Schon vor den Retro-Nerds sammelte er jahrelang Flipper. Auch der Vorsitzende Matthias, der in Coesfeld arbeitet, freut sich durch den Verein seine Kindheit wieder aufleben lassen zu können: „In meinem Heimatort Holtwick gab es bei einem Imbiss immer einen Flipper und einen Arcade-Spieleautomaten. Das war damals ein riesiger Spaß. Mit meinen Kumpels versuchte ich damals mit einer Mark möglichst lange zu spielen. In den 1990er Jahren verschwanden die Automaten dann in Deutschland leiter weitestgehend aus der Öffentlichkeit.“

Von Flipper bis hin zu Konsolen

In der Arcade von den Retro-Nerds tummelt sich einiges an Sammlerstücken – darunter auch sehr seltene Exemplare. Eines haben die Maschinen gemeinsam: Mindestens 20 Jahre müssen sie alt sein, um als retro zu gelten. Prinzipiell hat der Verein die Spieleautomaten in verschiedene Bereiche aufgeteilt: Flipper, Elektromechanische Geräte und Arcade-Spieleautomaten sowie Konsolen. An der sogenannten „Game-Box“ wird in einem separaten Raum momentan fleißig gewerkelt. Hier soll ein Bereich entstehen, in dem auf älteren Konsolen wie der Atari 2600, auf Game-Boy’s und Spielecomputer Klassiker, wie den Commodore c64 & Amiga gespielt werden kann. Anfang nächsten Jahres sollen alle Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen abgeschlossen sein, sodass dann monatliche Open-Haus-Tage angeboten werden können, bei denen Besucher gegen ein kleines Eintrittsgeld oder Spende nach Lust und Laune Spiele ausprobieren können.

Um Geld und Gewinne geht es bei den Automaten in der Arcade in Vreden nicht – das ist dem Verein wichtig. Deswegen wurde auch der Münzeinwurf so umgebaut, dass die Spiele stattdessen auf Knopdruck starten.

Das Ziel stattdessen: den Interessenten die alten Spiele näher zu bringen. „Wir wollen den Leuten einfach zeigen, wie es früher war. Den Besuchern die Arcade-Welt näher bringen“, betont Flipper-Frank. Auch generationsübergreifend. Schon jetzt schauen bei den Vereinstreffen am Mittwoch- und Freitagabend häufig Neugierige vorbei. „Ein junges Mädchen war neulich ganz irritiert, dass sich die Automaten nicht per Touchpad oder Touchscreen bedienen lassen. Spaß hatte sie dann allerdings dennoch“, schmunzelt Retro-Nerd André. Eine Beschäftigung, die Eltern und Kinder verbindet.

Ältester Automat ist von 1956

Doch nicht nur das Spielerlebnis ist entscheidend. Auch die Technik interessiert nicht nur die Kenner, sondern zieht auch Laien in ihren Bann. Vor allem vor der Computertechnik mussten sich die Spieleerfinder mit allerlei Ideenreichtum zu helfen wissen. So konnte Raumtiefe beispielsweise durch verschiedene Spiegelungen erreicht werden, eine Intensivierung des Spiels und der Geschwindigkeit durch das einfache Erhöhen der Lautstärke. Ein gutes Beispiel ist „Sega Moto Champ“ von 1973. „Die Motorräder bewegen sich dabei zufällig kreisend durch Magnete gehalten zur Seite um Überholmanöver und Kurven zu simulieren. Ein Gefühl für Geschwindigkeit wird über das immer schnellere Drehen einer Rolle, die das Bodenmaterial darstellt, erreicht“, weiß Flipper-Frank. „Der Mittelstreifen zieht schneller an einem vorbei und ganz selbstverständlich scheint auch das Motorrad mit höherer Geschwindigkeit zu ‘fahren’“. Dass die Arcade mit all der Technik dabei auch ordentlich Strom verbraucht, ist klar: „Ungefähr 20 bis 30 Euro pro Stunde. Aber im Vergleich zu Flatscreens ist der Stromverbrauch immer noch gering“, so der Vredener.

Inzwischen haben die Retro-Nerds dabei so viele Automaten gesammelt, dass trotz der geräumigen Location der Platz knapp wird. „Wir rotieren immer die Automaten. Bei uns gibt es keinen Stillstand“, erklärt Flipper-Frank. Ältester Automat in der Sammlung ist übrigens „Peppy the Clown“ von 1956. „Durch die Maschine können die Arme der Clownspuppe bewegt werden. Damals war das eine enorme technische Leistung und hat die Leute in ihren Bann gezogen“, erläutert Frank. Rund 50 Mitglieder hat der Verein momentan. Positiven Zuspruch bekommen die Retro-Nerds von vielen Seiten – sei es von der Stadt Vreden oder Facebook-Followern.

Momentan Retro-Welle der 1980er Jahre

Für das große Interesse an den Videospielen der Vergangenheit, spielt ihnen sicherlich auch die momentane Retro-Welle in die Hände. Egal ob Filme wie „Ready Player One“, Serien wie „Stranger Things“ oder Neuauflagen von Kultspielen – die Vergangenheit, vor allem die Videospielkultur der 1980er Jahre, boomt. „Leute wie wir bringen durch unser Hobby neuen Generationen die Ära der Arcades näher. So entstehen dann auch leichter Retro-Trends“, erklärt der 2. Vorsitzende André.

Mit den Automaten geht’s zur Gamescom

Für die Zukunft ist so einiges geplant. Zur größten Spielemesse Gamescom geht es im August. Mit hunderttausenden Besuchern ein riesiges Event – und die Retro- Nerds mittendrin. Zusammen mit einem Verein aus Selingsstadt stellen sie einige Automaten in der Halle 10.2 – Retro Area aus. Ein großer Meilenstein für den Verein und bereits jetzt laufen die Vorbereitungen. Dazu gehört auch, alle Automaten darauf zu prüfen ob sei einwandfrei funktionieren. Eine Aufgabe, an der sich Neumitglied Patrick gerne beteiligt. Erst seit einigen Wochen ist er in dem Verein, aber rückt direkt mit dem Werkzeugkasten an und lässt sein Know-How miteinfließen.

Interessenten können am Mittwoch oder Freitagabend ab 19.30 Uhr in das Vereinsgeschehen und die Spielewelt hineinschnuppern. Der Mitgliedsbeitrag im Verein beträgt 15 Euro (7,50 Euro ermäßigt). Außerdem kostet eine Familien-/Partnermitgliedschaft 25 Euro und eine Fernmitgliedschaft (außerhalb eines Umkreises von 50 Kilometern) 10 Euro.

Möglich ist es auch, die Arcade für spezielle Veranstaltungen, beispielsweise Stammtische, Firmenevents, Geburtstage oder Schulausflüge oder Junggesellenabschiede zu nutzen. Weitere Informationen gibt es auf der Facebook-Seite des Vereins „Retro Nerds Münsterland e.V.“

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