Transferlernen: Kreis für kommunale Flüchtlingsintegration ausgezeichnet

Nahmen stellvertretend die Auszeichnungsurkunde von Europaminister Dr. Stephan Holthoff-Pförtner (links) entgegen: Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr (rechts) und Mathias Raabe (Kreis Coesfeld).

Kreis Coesfeld. Mit einem Preis für das Konzept des Transferlernens im Bereich der Flüchtlingsintegration wurde der Kreis Coesfeld ausgezeichnet. 

Der möglichst rasche Spracherwerb ist eine der Schlüsselkompetenzen für eine erfolgreiche Integration von Flüchtlingen – insbesondere in den Arbeitsmarkt. In den Lehrmaterialien der flächendeckend angebotenen Sprachkurse wird dabei in der Regel die Kenntnis der lateinischen Schrift vorausgesetzt. Die im Kreis Coesfeld lebenden Flüchtlinge sprechen zwar oftmals mehrere Sprachen, verfügen jedoch häufig nur über arabische Schriftkenntnisse. Deshalb werden sie den Alphakursen für Analphabeten zugeteilt, was ihrer tatsächlichen Sprachkompetenz nicht gerecht wird. 

Hier setzt das Konzept des Transferlernens an, das von der Alphabetisierungsspezialistin Dr. Dörthe Schilken entwickelt wurde und nun mit Unterstützung des Kommunalen Integrationszentrums (KI) des Kreises Coesfeld und weiterer Partner in die Praxis umgesetzt wird. Für diese Initiative wurde der Kreis am vergangenen Donnerstag, 9. November, in Düsseldorf von Europaminister Dr. Stephan Holthoff-Pförtner als Europaaktive Kommune mit dem Sonderpreis für die kommunale Integration von Flüchtlingen ausgezeichnet.

Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr freute sich über die erfolgreiche Bewerbung des Kreises: „Durch die Auszeichnung erhoffen wir uns vor allem einen noch höheren Bekanntheitsgrad des Transferlern-Konzeptes, das sicherlich auch außerhalb des Kreises Coesfeld Anwendung finden und zur erfolgreichen Integration von zu uns geflüchteten Menschen beitragen kann.“ Denn die bisherige Zuteilung in die Alphakurse führt zu einem deutlich verlangsamten Erwerb der deutschen Sprache und stellt ein bedeutendes Integrationshemmnis dar. „Ausgangspunkt des Transferlernens ist die Tatsache, dass die Grundlagen der Schriftlichkeit nur einmal im Leben erlernt werden müssen und entsprechend nur ein Transfer und kein Neuerlernen erforderlich ist“, erläutert Dr. Dörthe Schilken die Grundidee des Konzeptes.

Wichtige Voraussetzung für diesen Transfer sind Grundkenntnisse der Zielsprache, um es den Lehrenden zu ermöglichen, im Unterricht auf ein Basisvokabular zurückgreifen zu können. „Je nach Bildungsgrad der Teilnehmer können mit diesem Ansatz zum Zweitschrifterwerb die lateinische Schrift und die Grundlagen der deutschen Rechtschreibung im Laufe weniger Wochen erworben werden“, ergänzt Anja Hölscher, stellvertretende KI-Leiterin beim Kreis Coesfeld, die bereits vielfältige Erfahrungen mit der Umsetzung des Konzeptes gemacht hat.

Das von Dr. Schilken erarbeitete Curriculum hat einen Umfang von acht bis 20 Doppelstunden und besteht aus einem Progressionsplan, der die Laute der deutschen Sprache, ihre Schreibweise und in die Rechtschreibung einführt. Zudem gibt es eine individuelle Äquivalenzliste, in der die Kursteilnehmer Entsprechungen zwischen ihrer Erstschrift und dem Deutschen eintragen, sowie dazugehörige Arbeits- und Übungsmappen. Ein zweites intensiveres Curriculum verwendet diesen Ansatz um Lernende, die zwar die einzelnen Buchstaben schreiben können, aber die deutschen Laute, ihre Schreibweise und die Rechtschreibung noch nicht beherrschen, zu unterrichten.

Die erste Umsetzung im Kreis Coesfeld erfolgte im Januar 2016 in einer Vorbereitungsklasse eines hiesigen Gymnasiums. Anschließend wurde das Transferlern-Konzept von einer lokalen Flüchtlingsinitiative eingesetzt; in der Folgezeit wurde es in den Berufskollegs der Kreises, weiteren Schulen und in der Brückeneinrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF) in Seppenrade angewandt. Schulungen in dieser Methode gab es für Lehrer der Sekundarstufe, für Unterrichtende der Integrationskurse im Kreis und der kommunal angebotenen Sprachkurse (VHS, Geba).

Inzwischen informierten sich die im Kreis zuständigen Schulaufsichtsbeamten der Bezirksregierung über das Konzept und auch die Landeskoordinierungsstelle der Kommunalen Integrationszentren (LaKi) zeigt großes Interesse. Der Kreis Coesfeld unterstützt die Umsetzung des Konzepts mit personellen Ressourcen, aber auch finanziell mit insgesamt 20.000 Euro. 

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