Alfred Büchner führt seit zehn Jahren Tagebuch – und notiert die täglichen Wetterdaten

Tagebuch und Wetterdatei

Alfred Büchner an seinem „Arbeitsplatz“. „Den Platz hat er sich reserviert“, erklärt seine Frau Lissie. An der Sitzgruppe im Wohnzimmer mit Blick in den Garten entstehen jährlich etwa 700 handbeschriebene Seiten.

Coesfeld. Das Erlebte noch einmal durchgehen, besonders schöne und prägende Momente festhalten oder sich den angesammelten Frust von der Seele schreiben – Tagebuch führen ist für viele Menschen wichtig.

Für Alfred Büchner hat das tägliche Schreiben noch einen anderen Sinn. „Es ist eine Hilfe gegen das verdammte Kurzzeitverdächtnis, das im Alter immer mehr zum Vorschein kommt“, schmunzelt der 86-Jährige. Schon früher in seinem Beruf als Konstrukteur für Landmaschinen habe er eine Art Tagebuch führen müssen. „Wichtige Dinge wie Kundennamen und Kontaktdaten konnte ich ja schlecht alle im Kopf behalten“, sagt Büchner. Darüber, dass er die vollgeschriebenen Bücher weggeworfen hat, ärgert er sich heute. „Damit ist so viel verloren gegangen“, bedauert er.

Tagebücher aus

den letzten zehn Jahren

Vor zehn Jahren fasste Büchner einen Entschluss. „Ich wollte wieder anfangen Tagebuch zu schreiben.“ Am Ende war das Buch so voll, dass der fleißige Schreiber es kleben musste, damit es nicht auseinander fiel. Seit 2002 ist er dran geblieben am Tagebuch schreiben. Jedes Jahr füllt er zwei Kalenderbücher, das entspricht etwa 700 Seiten. In den letzten zehn Jahren hat er also rund 7 000 Seiten beschrieben – natürlich handschriftlich.

Warum er in gewöhnliche Kalender schreibt? „Wenn ich den Kalender vor mir liegen habe, dann muss ich einfach schreiben. Das Buch zwingt mich dann geradezu, täglich etwas einzutragen“, schmunzelt der Rentner. Andere schreiben in ein Buch, Büchner gleich in zwei. Das eine dient ihm als Tagebuch, in dem er aufschreibt, was er täglich erlebt, aber eben auch, was er in seinem Leben alles erfahren hat. Da waren der zweite Weltkrieg und die Flucht aus der russischen Gefangenschaft, die Wiederkehr in die Heimat in Thüringen, das Maschinenbau-Studium in Mittweida (Sachsen), die nicht ganz legalen Übertritte in den Westen und schließlich erneut eine Flucht – diesmal endgültig in den Westen. Als Konstrukteur hat er bei den Rietbergwerken in Rheda-Wiedenbrück gearbeitet, später bei der Firma Fritzen in Coesfeld, wo er als Konstruktionschef tätig war. Wenn Alfred Büchner aus seinem Leben erzählt, könnte man ihm stundenlang zuhören und er könnte stundenlang erzählen.

Noch heute hat er einige Ordner, in denen sich Skizzen und Beschreibungen der von ihm konstruierten Maschinen befinden, gerne und auch ein bisschen sehnsuchtsvoll sieht er sie an. Der Ruhestand sei ihm nicht leicht gefallen, sagt Büchner.

Über‘s Malen und

Schnitzen zum Wetter

Daher habe er sich nach einem neuen Hobby umgeschaut. „Ich habe in der ersten Zeit vieles ausprobiert“, erinnert sich Büchner zurück. Malen zum Beispiel, oder Schnitzen. Die Ergebnisse dieser Versuche hängen heute im Hausflur, eigentlich schade, denn seine Werke wären ein größeres Publikum wert. Die Kunst sollte dann doch nicht das neue Hobby werden, stattdessen entschied er sich für eine ganz andere, weitaus praktischere Richtung: Seit 2002 misst Alfred Büchner jeden Tag die Wetterdaten – Temperaturen, Barometerwerte, Wind und Witterungsverhältnisse. „Professionell ausgestattet bin ich zwar nicht“, gibt Büchner zu, „aber ich habe verschiedene Thermometer, ein gewöhnliches Barometer und zwei Regenmesser. Zweimal am Tag messe ich die Temperatur, die Wind- und Wetterverhältnisse beschreibe ich so, wie ich sie wahrnehme wenn ich in den Garten schaue.“ Schneit es draußen, wird der Schnee aus dem Regenmesser geschmolzen und aus dem gewonnenen Wasser die Niederschlagsmenge bestimmt.

Im Durchschnitt 800 Liter

Regen pro Quadratmeter

Akribisch werden die ermittelten Daten Tag für Tag im zweiten Kalenderbuch eingetragen. Wieder stellt sich die Frage nach dem „Warum“ und Büchner findet schnell eine Antwort. „So kann ich auf die Frage ‚Wie war an dem und dem Tag denn bloß das Wetter‘ immer schnell antworten“, schmunzelt er. „Außerdem interessiere ich mich für das Klima und dessen Wandel“, fügt er nachdenklich hinzu.

Für jedes Jahr hat Büchner hinten im Buch eine Tabelle angelegt, in der er seine Beobachtungen festhält und dokumentiert. Daraus kann er seine eigenen Erkenntnisse über das Wetter der Region gewinnen. „Zwischen 2005 und 2010 sind vor Ort jährlich fast 800 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen.“

Wenn Büchner erst einmal anfängt zu rechnen, ist er kaum zu stoppen, dabei ist er ohne Taschenrechner oder andere Hilfsmittel zu Gange. „Ich sehe das auch als eine Form von Gehirntraining an“, sagt er. Davon verschreibt sich der 86-Jährige täglich eine eineinhalb- bis zweistündige Einheit.

Medikamente, Brüche

und Russisch-Vokabeln

Neben Tagebuch und Wetterdaten notiert Büchner übrigens auch, welche Medikamente er oder seine Frau Lissie nehmen („für den Notfall“, wie er sagt), rechnet mit Bruchzahlen, fertigt diverse geometrische Skizzen an, notiert Zitate und Sprüche, die ihm gefallen oder wiederholt Russisch-Vokabeln – und das alles mit stolzen 86 Jahren!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare