„Ich kann auch nicht zum Mond“

Von Ost nach West: So erlebte Anne Kuhlmeyer aus Lette die Zeit in der DDR 

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Anne Kuhlmeyer verbrachte ihre Kindheit und Jugend in der Nähe von Leipzig. Heute lebt mit ihrem zweiten Mann in Lette.

Lette. Vier Tage nach ihrer Geburt wurde die Mauer zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik errichtet. „Meine Eltern waren geschockt“, weiß Anne Kerstin Kuhlmeyer. Das war am 13. August 1961. Als einschneidend hat die heute 58-Jährige und ihr Zwillingsbruder diesen Bruch nicht erlebt, wie auch?! Im Gegensatz zu ihren Eltern, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg neu orientieren mussten.

„Meine Mutter stammte aus einer jüdischen Familie, mein Vater war Verkäufer für Bekleidung“, weiß Kuhlmeyer, geborene Günzel, aus Erzählungen. Dann wurden beide Lehrer. Aufgewachsen ist sie mit ihrem Zwillingsbruder in der Nähe von Leipzig. „Dörflich“, so bezeichnet Anne Kuhlmeyer den Ort, in dem sie groß wurde und die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) drumherum. Den Begriff „Heimat“ vermeidet sie dabei tunlichst. Zu negativ besetzt sei dieses Wort aus der Geschichte für sie. In ihrer Kindheit hat sie nichts vermisst. Nach der Schule nahm sie ein Medizin-Studium auf.

„Als ich sechs Jahre alt war, kam eine Verwandte mütterlicherseits aus New York zu Besuch“, erinnert sich Anne Kuhlmeyer an eine besondere Begebenheit. Danach kamen Päckchen. Von dann an war ihr klar: „Es gab den Westen und die Westpakete.“ Ja, Urlaub haben sie auch gemacht: Reisen an die Ostsee. Von ferneren Zielen zu träumen, lag ihr nicht im Sinn. „Ich kann auch nicht zum Mond, habe ich damals gedacht“, so Anne Kuhlmeyer. Zielstrebig machte sie ihre Ausbildung als Medizinerin, heiratete, bekam dann ihren ersten Sohn. Der heute 34-Jährige lebt in Köln. Viel zu jung sei sie damals bei ihrer ersten Ehe gewesen. Doch nur wer verheiratet war, bekam eine Wohnung.

In Leipzig lebte sie damals mit ihrer kleinen Familie und arbeitete bei der dortigen Universität. Die Schichten waren doppelt besetzt, als die Montagsdemonstrationen begannen. „Ich bin damals mitgelaufen“, so Anne Kuhlmeyer. Sie wechselte sich mit ihrem damaligen Mann ab, um an den Demonstrationen teilzunehmen. Die Stimmung, die dort herrschte, machte sie etwas ängstlich. „Ich hatte Angst vor einem erneuten Krieg“, schildert Anne Kuhlmeyer. Umsonst! Die Mauer fiel. Ihre Ehe zerbrach. Doch ein Zusammenhang bestand darin nicht, wie sie betont. Von Leipzig kam sie Silvester 1990/91 nach Billerbeck. In der Paracelsus-Klinik Marl konnte sie als Anästhesistin anfangen. Einfach war der Schritt in den Westen nicht. Hier musste man katholisch sein und sei damit vom Regen in die Traufe gekommen. „Es sind andere Dinge problematisch gewesen und nicht die Jagd nach Brötchen“, sagt Anne Kuhlmeyer mit Blick auf den schlechten Lebensstandard in den 1980er Jahren in der DDR.

Anfang der 1990er Jahre hat sie ihren heutigen Mann kennengelernt, mit dem sie noch einen Sohn bekommen hat. Seit 1994 lebt die Medizinerin und Autorin von Romanen mit historischen Hintergründen in Lette. Doch nicht nur privat, sondern auch beruflich hat sich etwas verändert. So arbeitet sie seit inzwischen 15 Jahren als Psychotherapeutin in ihrer Praxis in Reken.

Rückblickend hätte sich Anne Kuhlmeyer eines gewünscht, dass sich das Land, in dem sie groß geworden ist, als zweites deutsches Land hätte sortieren können, um sich zu einem späteren Schritt zu einem Deutschland zusammenfinden zu können.

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