SL-Serie Teil 5: Der ehemalige Nepo-Schüler Heinz Hermanns im Krieg

Die letzten Habseligkeiten in einer Kiste verwahrt

Eine Vitrine im Stadtmuseum „Das Tor“ erinnert an das kurze Leben von Heinz Hermanns. Für Ludger Wachsmann war es wichtig, dem Schicksal vieler ehemaliger Coesfelder Schüler ein Gesicht zu geben.

Coesfeld. „Meine Lieben!“ So beginnt der Brief, den Heinz Hermanns am 1.

Dezember 1944 an seine Familie schreibt um ihr stolz mitzuteilen, dass ihm einen Tag zuvor das Eiserne Kreuz II. Klasse verliehen wurde. Drei Tage später ist der junge Soldat tot. „Das ist doch schlimm“, sagt Ludger Wachsmann und schüttelt verständnislos den Kopf. Für den fünften Teil der Streiflichter-Serie „Coesfelder Geschichte(n)“ ist Wachsmann ins Stadtmuseum gekommen. Er sitzt vor einem Stapel mit Feldpostbriefen, die der junge Heinz Hermanns im Zweiten Weltkrieg an seine Familie schrieb. Direkt daneben hängt eine Vitrine mit einigen Gegenständen des ehemaligen Coesfelders.

Habseligkeiten in einer

Kiste gefunden

Ludger Wachsmann war derjenige, der diese Objekte dem Museum zur Verfügung gestellt hat. Bis 2002 war er Lehrer für Deutsch, Erdkunde und Sport am Gymnasium Nepomucenum. Inzwischen pensioniert ist er aber immer noch an der Schule aktiv: Als Vorsitzender des Alumni-Ehemaligenvereins und Betreuer des Nepo-Archivs. An die Habseligkeiten von Heinz Hermanns, der frührer Schüler am Nepomucenum war, kam Wachsmann vor nicht allzu langer Zeit. „Vor nicht mal einem Jahr bekam ich einen Anruf. Eine Bekannte hatte bei einer Haushaltsauflösung eine Kiste mit einigen Gegenständen von Hermanns gefunden und bot sie mir für das Archiv an. Da war ich natürlich sofort interessiert.“

Der Inhalt der Kiste erwies sich dann als deutlich umfangreicher als erhofft: Schulbücher, Zeugnisse, eine Schultasche, der Wehrpass und einige private Fotos, sowie zwei Schülermützen, über die sich Wachsmann ganz besonders freute. „Das waren die ersten originalen Mützen, die ich in der Hand gehabt habe.“ Georg Veit habe dann vorgeschlagen, die Objekte ins Stadtmuseum zu bringen. „Das ist sozusagen der Beitrag der Schule zur Ausstellung“, sagt Wachsmann. In diesem Jahr feiert das Nepomucenum sein 385-jähriges Bestehen. Natürlich hat das Schularchiv in dieser Zeit einen umfangreichen historischen Bestand angesammelt. „Darunter gibt es auch viele Gegenstände und Dokumente von ehemaligen Schülern, die später im Zweiten Weltkrieg gefallen sind. Aber von keinem haben wir so detailliertes Material wie von Heinz Hermanns. Mit seinen Gegenständen bekommt das Schicksal Vieler im Museum ein Gesicht“, erklärt Wachsmann.

Heinz Hermanns wurde 1926 geboren. Als einziges Kind lebte er mit seiner alleinerziehenden Mutter in Coesfeld und besuchte das Gymnasium Nepomucenum. „Das Abitur konnte er dort allerdings nicht mehr machen. Stattdessen schloss er die Schule vorläufig mit einem Notabitur ab und wurde in den Krieg eingezogen“, weiß Wachsmann. Er vermutet, dass die anfängliche Kriegsbegeisterung nicht nur von der erfolgreichen Indoktrination durch die nationalsozialistische Propaganda herrührte. „Es könnte sein, dass der Junge die Gemeinschaft des Militärs als eine Art Familienersatz angesehen hat. Schließlich ist er ja ohne Vater groß geworden.“

Eigentlich wollte Hermanns Jura studieren, schrieb an seine Familie, dass er sich auf das bevorstehende Studium in Münster freue. Doch dazu sollte es nicht kommen. Im Einsatz an der Westfront wird er schwer verwundet, stirbt am 4. Dezember 1944 im Elsass, „für Führer, Volk und Vaterland“, wie es in der Todesmitteilung des zuständigen Oberleutnants heißt.

Was bleibt von dem jungen Soldaten sind seine Briefe, die viel über die Gefühlslage eines jungen Menschen im Krieg verraten. „Es ist ganz furchtbar: Auf der einen Seite ist da die jugendliche und sportliche Begeisterung für den Krieg und die fast kindliche Freude über ein bisschen Schokolade, die die Soldaten bei der Rückeroberung eines Dorfes gefunden haben. Und auf der anderen Seite, manchmal nur wenige Zeilen voneinander getrennt, spürt man die ganze Verzweiflung und die Panik, die der junge Mann verspürt“, beschreibt Wachsmann, was in den Briefen steht.

Gefühl von Angst

und Einsamkeit

Wachsmann spricht von einem Brief, der auf den 29. November 1944 datiert ist. Hermanns beschreibt, welche Leckereien er und sein Kommando bei der Rückeroberung eines Dorfes vorfanden. Nur kurz danach heißt es: „Viele sind gefallen, tot, in Gefangenschaft, und was das schlimmste ist, stiften gegangen oder gar zum Amerikaner übergelaufen.“

„Das Schlimmste,“, wiederholt Wachsmann. „Das Schlimmste waren die Kameraden, die stiften gegangen sind. Davor hatte Hermanns Angst, denn dann wäre er ja alleine gewesen.“ Dass ihm die Geschichte von Heinz Hermanns und den zahlreichen anderen ehemaligen Schülern vom Nepo nahegeht, kann man Wachsmann anmerken. „Das muss man sich aber auch mal vorstellen: Die Jungs waren doch gerade mal 17 oder 18 Jahre alt, die hatten große Pläne und dann kam dieser verdammte Krieg und plötzlich waren sie alleine. Was man beim Lesen dieser Briefen deutlich erkennen kann, dass sind die Lebensentwürfe und Hoffnungen, die zerstört wurden.“

Zum Thema: Soldatenbrief

Die kurzen Briefe, die Heinz Hermanns währnd des Krieges an seine Familie in Coesfeld geschrieben hat, verraten viel über die Eindrücke und Emotionen, denen sich der junge und unerfahrene Soldat an der Westfront ausgesetzt sah. Einige Zitate aus seinen Briefen:

„Dauernd in Schlamm und Dreck, im Hagel der Artillerie, Jabos (Jagdbomber) und Feuer der Scharfschützen. (...) und ich habe Angst, gewaltige Angst. (...) Alle Freunde sind verwundet oder tot, ich bin allein unter noch fremden Kameraden.“

(28. November 1944)

„Wir haben prächtig gelebt hinsichtlich der Verpflegung. Unmengen Schokolade, Zigaretten, Keks, Bonbons, Speck, Schmalz, Corned Beef, und was man sich sonst nur denken kann, haben wir den Yankees abgenommen. Doch leider mussten wir alles zurücklassen, und abhauen.“

(29. November 1994)

„Meine Lieben! Voller Freude möchte ich Euch mitteilen, dass mir gestern vom Bataillonskommandeur persönlich das Eiserne Kreuz II. Klasse verliehen wurde. Stolz trage ich meine erste Auszeichnung und hoffe, dass sie nicht lange allein an meiner Brust blinken wird. “

(1. Dezember 1944 – der letzte Brief, den Heinz Hermanns an seine Familie geschrieben hat. Drei Tage später stirbt er im Elsass.)

Streiflichter-Ausgabe vom 23.5.2012

Von Tina Walther

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare