Als Kind und Jugendliche hatte Esther Bücking Svensk bereits besucht. Nun kehrte sie nach 14 Jahren zurück

„Herzlichkeit war einfach riesig“

23 Betreuer und Gasteltern, die sich in der Vergangenheit für das Gelingen der von der Kinderhilfe Tschernobyl Coesfeld organisierten Erholungsfreizeiten für weißrussische Kinder in Sirksfeld eingesetzt hatten, verbrachten eine Woche in Svensk – hier vor dem Warnschild zur (nicht wirklich abgesperrten) Sperrzone in Bahain.

Coesfeld. Was sie am meisten überrascht hat? Esther Bücking denkt nur kurz nach.

„Eigentlich“, sagt sie, „war für mich das Überraschende, dass sich in den letzten 14 Jahren kaum etwas verändert hat, also festzustellen, wie lange so ein Prozess der Veränderung dauert! Das hat mich schon ein bisschen erschrocken!“ Vor 14 Jahren, da war die Coesfelderin, die am heutigen Mittwoch ihren 30. Geburtstag feiert, zum zweiten und bisher letzten Mal im weißrussischen Svensk zu Besuch. 16-jährig – und wie schon zwei Jahre zuvor in Begleitung ihrer drei älteren Geschwister und ihrer Eltern Thomas und Maria Bücking, die sich seit vielen Jahren für die Hilfsinitiative „Kinderhilfe Terschnobyl Coesfeld“ engagieren.

„Jetzt wollte ich noch einmal hin, um mir ein Bild aus Erwachsenensicht machen zu können“, sagt die Physiotherapeutin, in Coesfeld als Handballerin der DJK-VBRS auch vielen Sportfans bekannt. Mit ihr reisten für eine Woche (vom 12. bis 19. Mai) insgesamt 23 Betreuer und Gasteltern nach Svensk, die sich in der Vergangenheit für das Gelingen der jährlich von der Kinderhilfe Tschernobyl Coesfeld organisierten Erholungsfreizeiten für weißrussische Kinder in Sirksfeld eingesetzt hatten.

„Es war die zehnte Fahrt seit unserer Premiere 1994“, sagt Thomas Bücking, der zu jenen gehört, die bisher bei jeder Tour dabei waren. Drei Ziele verfolgen die Ehrenamtlichen aus Coesfeld und dem Kreisgebiet dabei vorrangig: „Wir wollen bei unseren Besuchen natürlich Hilfsgüter zu den Menschen bringen, Lebensmittel, aber auch Hilfsgüter für die Schule, den Kindergarten oder die Ambulanz.“

Humanitäre Hilfe und

Völkerverständigung

60 bis 70 Pakete seien diesmal überbracht worden, einige zusätzliche noch für Svensker Rentner. „Zudem interessiert uns die Auswirkung der Katastrophe unter medizinischen Gesichtspunkten. Und da wird jedes Mal deutlich, dass das Immunsystem der Menschen in der radioaktiv belasteten Region weitaus nicht so stabil ist wie bei uns. Die Menschen dort sind anfälliger für Krankheiten“, so Thomas Bücking.

Der dritte, vielleicht wichtigste Aspekt: „Wir sehen das als Beitrag zur Völkerverständigung. Vor 25 Jahren wäre so ein Besuch einer deutschen Gruppen dort doch undenkbar gewesen!“ In dieser Hinsicht pikant: Nur drei Tage vor der Ankunft der (Kreis) Coesfelder Gruppe feierten die ehemaligen Sowjetstaaten den Tag des Sieges über den deutschen Faschismus …

Davon war jedoch für die deutschen Besucher in Svensk nichts zu spüren. Im Gegenteil. „Die Herzlichkeit der Menschen und ihre Gastfreundlichkeit uns gegenüber war einfach riesig“, erzählt Esther Bücking, die – wie die übrigen Teilnehmer auch – in einer Gastfamilie wohnte.

„Wenig Perspektiven für

die jungen Menschen“

Mit der Kommunikation sei sie ganz gut zurecht gekommen. „Ich konnte noch ein paar Brocken Weißrussisch. Und meine Gasteltern waren zum Glück schon ein paar Mal in Deutschland und konnten einige Worte Deutsch. Der Rest ging dann mit Händen und Füßen.“

Was Esther Bücking im Vergleich zu ihren früheren Besuchen im 270 Kilometer von Tschernobyl entfernt liegenden Svensk auffiel? „Das Altersniveau der Menschen ist heute viel höher. Überhaupt ist die Zahl der Einwohner von 3 200 auf 2 100 zurückgegangen. Die jungen Menschen zieht es verstärkt in die Städte.“ Auf dem Dorf (die Gemeinde Svensk setzt sich aus 17 kleinen Dörfern zusammen) sei es schwer, eine Perspektive zu sehen, unter den Menschen herrsche nach wie vor große Armut. „Im Supermarkt gibt es zwar wesentlich mehr Lebensmittel zu kaufen als in den 90er Jahren. Aber die Preise sind für die Menschen aus Svensk auf einem sehr hohen Niveau“, hat Esther Bücking festgestellt.

Was ihr positiv aufgefallen ist: „In der Schule gibt es jetzt Toiletten, wenn sie auch oft defekt sind, weil die Rohre zu klein sind. Zudem gibt es dort neue Fenster und auch einen Computerraum, den eine Stiftung aus der Schweiz ermöglicht hat. Und der Zahnarzt hat einen neuen Untersuchungsstuhl.“

Natürlich zählte ein Besuch in der Schule ebenso zum Reiseprogramm der Gruppe wie eine Stippvisite in der Ambulanz – und ein Abstecher zur Sperrzone des einstigen Dorfes Bahain, zehn Kilometer von Svenk entfernt. „Das war so verseucht, dass man es einfach plattgewalzt hat“, erzählt Thomas Bücking. Ein Warnschild sei vor der Sperrzone zwar angebracht, wirklich abgezäunt sei der Bereich aber nicht …

Die Katastrophe vom 26. April 1986 und ihre Auswirkungen seien in Svensk kein großes Thema. „Die Leute reden nicht darüber“, sagt Esther Bücking. „Das macht für den Besucher den Gegensatz zu dem, was man sieht, natürlich so groß: Ein paar Kilometer entfernt ist die Sperrzone. Und die macht die Katastrophe so präsent.“

Die Coesfelder Reisegruppe war übrigens bunt gemischt – und generationenübergreifend zusammengesetzt: Der jüngste Teilnehmer war Benedikt Wolfers (Anfang 20), der älteste Edmund Böhm (66). Mit dabei war diesmal auch zum ersten Mal Valentina Tropmann. Für die schwerbehinderte gebürtige Kasachin, die im St.-Katharinenstift in Coesfeld wohnt und für die Kinderhilfe Tschernobyl seit über 20 Jahren als Dolmetscherin fungiert, war es eine besondere Freude, mit ihrem Rollstuhl selbst einmal durch Svensk fahren zu können.

150 Schüler winkten

zum Abschied

Wie groß auch bei den Einheimischen die Freude über den Besuch aus Deutschland war, habe eine Aktion der Schule zum Abschied bewiesen. Thomas Bücking: „Der Schulleiter hat den Kindern schulfrei gegeben. Und bei unserer Abfahrt standen 150 Kinder an der Straße und haben uns gewunken.“

Szenen wie diese sind es, die bei Esther Bücking zum Umdenken geführt haben. „Eigentlich wollte ich nur noch ein Mal hin, um für mich damit abzuschließen. Jetzt kann ich sagen, dass ich bei der nächsten Fahrt in zwei Jahren wieder mitfahren werde. Weil ich von der Gastfreundlichkeit so beeindruckt war. Und weil es einfach eine gute Sache ist, die da getan wird!“

Streiflichter-Ausgabe vom 23.5.2012

Von Raphael Haag

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