Mit Herzflattern über die Grenze: Reiner Murche erlebte die Umbruchphase in der DDR

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Wegen der Liebe zog der gebürtige Sachsen-Anhalter Reiner Murche im April 2008 nach Coesfeld.

Coesfeld. Groß zu werden in einem 150-Seelen-Ort, klingt für den Außenstehenden nach heiler Welt. „War es auch. Ich hatte eine tolle Kindheit, weit ab von Ungemach und mit ganz vielen Kindern“, sagt Reiner Murche, der wegen der Liebe im April 2008 nach Coesfeld zog. Doch auch in seinem Priesitz, Ortsteil von Bad Schmiedeberg, südlich von Wittenberg gab es sie: die Linientreuen, die sich mit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) identifizierten. Sie blieben draußen vor der Tür von Familie Murche, wenn am Samstagabend die Nachbarn kamen, um dort Westfernsehen zu schauen. „Wir waren eine der wenigen Familien, die in den 1960er Jahren bereits einen Fernseher hatten“, so Murche. Offiziell schauten sie nur ostdeutsche Programme. Auf dem Dach war eine Antenne, die Richtung Leipzig ausgerichtet war. „Unterm Dach hatten wir eine weitere, die Richtung Berlin zeigte, um Westfernsehen sehen zu können“, so Reiner Murche.

Trotz dieser Ereignisse und ähnlicher empfand der heute 63-Jährige die Situation in seinem Umfeld im täglichen Leben als nicht belastend. Im Alter von circa fünf Jahren ging er in die Kindertagesstätte. Ein Jahr später kam seine Schwester zur Welt. Früh ging seine Mutter wieder arbeiten. „Meine Mutter war in einer Landesproduktionsgenossenschaft tätig und nahm dort Milchproben“, so Murche. Sein Vater war Maurer. Mit sechs Jahren ging es dann für Reiner Murche zur Schule nach Bad Schmiedeberg. Acht Jahre drückte er gemeinsam mit seinen Schulkameraden die Schulbank. „Erst ab der neunten Klasse wurde wir getrennt“, informiert Murche. Sein Traum war es, Kraftfahrzeugmechaniker zu werden. Dafür besuchte er die polytechnische Oberschule in Wittenberg. Doch dann entwickelte sich seine berufliche Laufbahn anders.

In der Produktionsgenossenschaft des Handwerks erlernte er den Beruf des Gas- und Wasserinstallateurs und blieb nach seiner zweijährigen Lehre dort. Es gab dort 50 Angestellte und jeder hatte einen Anteil an der Genossenschaft“, so Murche.

Auf die Frage, wie das Arbeiten dort war, antwortet er: „Es war ein täglicher Kampf um Ressourcen.“ So gab es einen Kollegen, der ausschließlich für die Besorgung von Material zuständig war. „Zwei Päckchen Kaffee und Ostmark gingen dabei über den Tisch“, erinnert sich Murche. In den 1980er Jahren spitzte sich die Situation nicht nur mit Blick auf die Beschaffung von Lebensmitteln, sondern auch für Materialen für den Bereich Gas- und Wasserinstallationen zu. „Wir haben viel improvisiert und aus alten Sachen neue gemacht“, betont Murche.

Mit 19 Jahren kam Reiner Murche zu den Luftstreitkräften nach Brandenburg und war zuständig für die Waffenkammer. „Ja, es wird über mich eine Stasi-Akte geben“, ist sich Murche aufgrund seiner Zeit bei der Armee sicher. Als die Montagsdemonstrationen Mitte September 1989 in Leipzig losgingen, war er gerade als Reservist in der Kaserne in Bad Düben, rund 35 Kilometer von Leipzig entfernt. Es herrschte in der Kaserne laut Murche eine aufgeheizte Stimmung. „Die lini-ntreuen Offiziere hätten dem Spuk ein Ende gesetzt. Einige Vorgesetzte sagten, wir sollten mit dem Maschinengewehr dazwischen gehen“, so Murche. Ja, es herrschte eine sehr angespannte Situation. Es hätte zum Äußersten kommen können, ist Murche fest von überzeugt. Sein bester Freund nutzt diese Zeit, um über Tschechien in die Bundesrepublik Deutschland zu fliehen. „Er hat sich nicht verabschiedet. War auch nicht möglich“, so Murche mit Blick auf die Repressalien, die die Zurückgebliebenen befürchten mussten. Der enge Kontakt zu ihm besteht wieder, denn dieser wohnt in Bocholt.

Die Ereignisse überschlugen sich insbesondere seit dem 4./5. November 1989, nachdem er aus der Kaserne wieder nach Hause kam. An diesem Wochenende reisen insgesamt 23200 DDR-Bürger über die CSSR in die Bundesrepublik aus. Am 9. November findet die entscheidende Pressekonferenz statt: Reisefreiheit für alle. „Ich habe sie live im Fernsehen gesehen“, sagt Murche und bekommt Gänsehaut, als er dies erzählt. Sein Gedanke: Montag ist die Grenze zu. Wir müssen rüberfahren. „Ich habe mich am Freitag mit Freunden getroffen. Wir haben uns entschieden, gemeinsam mit dem Zug nach Berlin zu fahren“, so Mulche. So standen sie am Bahnhof Wittenberg und warteten auf den ersten Zug: brechend voll. Der nächste Zug rollte an, dasselbe Bild zeigte sich ihnen. Die Passagiere wurden auch über die Fenster ins Zuginnere gezogen. Noch zögerten die Freunde! Doch als der dritte Zug ankam und immer noch viele Menschen da waren, hielt sie auch nichts mehr am Bahnsteig. Rein in den Zug und ab nach Berlin! „Mit Herzflattern bin ich über die Grenze gegangen. Ein Grenzsoldat hat uns einfach durchgewinkt. Ein paar Tage vorher, wären wir erschossen worden, wenn wir einfach so über die Grenze gegangen wären“, sagt Murche, auch heute noch emotional bewegt. „Die Stimmung kann man nicht beschreiben, euphorisch wie zu Karneval“, so Murche.

Priesitz den Rücken zu kehren, war für Reiner Murche damals keine Option: „Es konnte doch nicht jeder weggehen!“ Damals war er bereits Vater. In seinem Beruf konnte er weiterarbeiten. Alle sechs bis acht Wochen besucht er seine drei Kinder, Enkelkinder, seine Freunde und seine alte Heimat.

Zurückkehren wird Reiner Murche dort wohl nicht. Denn mit seiner Frau Monika, einer gebürtigen Duisburgerin, hat er Wurzeln in Coesfeld geschlagen. So gehört Reiner Murche seit Jahren einem Pärchen-Kegelklub in Lette an. Fußball ist auch eine Leidenschaft von ihm. Jahrelang trainierte er Jugendmannschaften der DJK Eintracht Coesfeld. Heute ist er Betreuer bei der dritten Seniorenmannschaft. Auf die Frage, ob er irgendwann in seine Stasi-Akte schauen möchte, sagt er: „Nein! Ich habe Angst, dass einige meiner Bekannten, die ich seit 40 Jahren kenne, mich bespitzelt haben.“ Letzteres möchte Reiner Murche nicht wissen.

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