Streiflichter-Serie „Coesfelder Geschichte(n)", Teil 1: Wie Anton „Bubi“ Drüner von seinem eigenen Tod erfuhr

Die Heimkehr eines Toten

Gabriele Kühte mit den Dokumenten ihres Vaters im Stadtmuseum. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte ist der Coesfelderin sehr wichtig.

Coesfeld. Es ist ihr erster Besuch im neu strukturierten Stadtmuseum „Das Tor“ und nicht nur deshalb ist dieser Moment so besonders: Gabriele Kühte ist hergekommen, um die Geschichte ihres Vaters zu erzählen, die Teil der Museumsausstellung ist.

Es ist die Geschichte von Anton Drüner, der mit gerade mal 19 Jahren „für Führer, Volk und Vaterland den Heldentod“ stirbt. So steht es jedenfalls in einem handschriftlich verfassten Brief, datiert auf den 30. Januar 1945.

Für die Eltern ein schwerer Schlag, ist es doch bereits der dritte Sohn, den die Familie im Krieg verliert.

Am 14. Februar erscheint in der Tageszeitung eine Anzeige, in der die Familie mit Hinblick auf das bevorstehendede Seelenamt um „ein stilles Gedenken und ein Gebet für den lieben Gefallenen“ bittet. Was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnt: Anton Drüner lebt.

Im Krieg verwundet,

1951 den Arm verloren

In Belgien durch einen Schuss in die rechte Schulter schwer verwundet, landet der junge Soldat in amerikanischer Gefangenschaft. Aufgrund seiner Verletzung wird er bald in ein Lazarett verlegt. Die Entlassungspapiere der Amerikaner belegen, dass Drüner zur weiteren Genesung in die Heimatstadt entlassen wird. Mit der Bahn, mit Pferdewagen und zu Fuß tritt er die beschwerliche Heimreise an. Abgemagert und schmutzig wird er auf der Dülmener Straße von einem Freund erkannt und bekommt saubere Wäsche. Von dem Mann mit Nachnamen Heming erfährt er auch, dass für das bevorstehende Wochenende sein eigenes Sechswochen-Seelenamt vorgesehen ist …

Das Leben des jungen Anton Drüner im Krieg lässt sich deshalb so gut nachvollziehen, weil sämtliche Dokumente, darunter der Brief mit der Totenmeldung, die Zeitungsanzeige und die Entlassungspapiere noch erhalten sind. Und weil Drüners Tochter, Gabriele Kühte, Nachforschungen angestellt und ihre eigenen Erinnerungen an den Vater aufgeschrieben hat. „Ich fand es einfach wichtig, später den eigenen Kindern davon erzählen zu können“, sagt die Coesfelderin.

Weil die Muskeln im rechten Arm Drüners immer weiter abstarben, erfolgte 1951 die Amputation. „Mein Vater war sehr eitel“, erinnert sich Gabriele Kühte. „Er ging nie ohne Prothese aus dem Haus.“ Zu Hause, im Kreise der Familie, habe es aber keinerlei Berührungsängste gegeben. „Wir Kinder wurden sogar mit dem Armstumpf gekitzelt, für uns war das ganz normal. Unser Vater war schließlich nicht der einzige, der im Krieg ein Körperteil verloren hatte.“ Später habe sie sich manchmal gefragt, wie sich ihre Mutter in den einarmigen Mann verlieben konnte. „Heute glaube ich, das muss Liebe gewesen sein“, sagt die 56-Jährige.

Versuch, die Erinnerung

wegzuarbeiten

Im Jahr 1952 habe ihr Vater mit eigener Muskelkraft ein Haus gebaut, der Garten der Familie sei nicht nur in der Nachbarschaft für seine Schönheit bekannt gewesen. „Trotz seiner Behinderung war ‚Vati‘, wie wir ihn genannt haben, sehr ehrgeizig und hat viel geleistet“, sagt Kühte. Für Georg Veit, der die Projektgruppe des Stadtmuseums leitet, ist dieses Phänomen nicht unbekannt. „Viele Menschen haben nach dem Krieg versucht, ihre schlimmen Erinnerungen einfach wegzuarbeiten.“

Seinen Berufswunsch als Landschftsgärtner konnte Drüner nach dem Krieg nicht erfüllen, stattdessen ging er zur Bundesbahn. „Als Schrankenwärter an der Bahnstrecke Coesfeld-Ahaus hatte er seinen Posten an der Borkener Straße. Ich habe ihn oft dort besucht“, erinnert sich Gabriele Kühte. Ihr Vater sei in der Stadt sehr geschätzt worden, vor allem für seine Geselligkeit sei „Bubi“ Drüner bekannt gewesen.

Trotz der vielen guten Erinnerungen steht die Küsterin der Maria-Frieden-Gemeinde dem Schicksal ihres Vaters zwiegespalten gegenüber. In stillen Stunden seien in ihm oft die Bilder und Erinnerungen zurückgekommen. Gerade dann sei es nicht einfach gewesen. Vor allem im zunehmenden Alter hätte ihr Vater oft mit Selbstzweifeln zu kämpfen gehabt. „Es war nicht nur ein vermeintlich Toter, der zurückkehrte, es waren auch die Toten in seinem Kopf“, sagt Gabriele Kühte, die selber Mutter und Oma ist.

Die bewegende Geschichte vom totgeglaubten Sohn, der lebend heimkehrt, endet als ein Happy End mit Schattenseiten. 1985 stirbt Anton Drüner mit nur 59 Jahren. Zehn Jahre habe ihn der Krieg gekostet, so die Einschätzung des behandelnden Arztes.

Zum Thema: Die Geschichte hinter den Objekten:

Ein handschriftlicher Brief zum vermeintlichen Tod des jungen Soldaten, die Entlassungspapiere aus der amerikanischen Gefangenschaft und ein Totenzettel – das sind die Dokumente, die die Geschichte des Coesfelders Anton Drüner im Zweiten Weltkrieg belegen.

Seine Tochter Gabriele Kühte hat sich intensiv mit der Biografie ihres Vaters auseinandergesetzt. Ihre Kindheitserinnerungen an das Leben mit ihrer sechsköpfigen Familie in Coesfeld hat sie auf mehreren Seiten niedergeschrieben. Einen Teil der Dokumente hat sie außerdem dem Stadtarchiv und dem Stadtmuseum „Das Tor“ übergeben.

In den beiden Ausstellungsräumen können die Besucher des Stadmuseums nicht nur die tragische Geschichte des totgeglaubten und doch wiedergekehrten Anton Drüner nachlesen. Ein ganzer Stapel weiterer Briefe und Dokumente weist darauf hin, welche tragischen Familienschicksale sich während des Zweiten Weltkriegs in Coesfeld und Umgebung ergaben.

In einer neuen Serie stellen die Streiflichter in Kooperation mit der Projektgruppe des Stadtmuseums wöchentlich ein Exponat vor und erzählen mit Unterstützung derer, die das Objekt zur Verfügung gestellt haben, die Geschichte, die sich dahinter verbirgt.

Zum Thema: Interview mit Georg Veit, Leiter der Museums-Projektgruppe

„Bewegend und tragisch zugleich“

Ende Januar wurden die ersten beiden Räume des neu renovierten Stadtmuseums eröffnet, seitdem haben vor allem Schulklassen, aber auch interessierte Privatpersonen die Möglichkeit wahrgenommen, Geschichte interaktiv zu erleben. Mit Georg Veit, Leiter der Projektgruppe des Stadtmuseums, sprach Streiflichter-Mitarbeiterin Tina Walther über die Ausstellungsobjekte, die Arbeit im Vorfeld der Neueröffnung und die Zukunftspläne der Projektgruppe.

Streiflichter: Herr Veit, wie viele Objekte werden momentan in den Ausstellungsräumen „Nationalsozialismus“ und „Jüdisches Leben“ gezeigt?

Georg Veit (zählt spontan durch): Es kommt natürlich darauf an, wie man den Begriff „Ausstellungsstück“ definiert. Jeden Orden, jeden Brief, jedes Foto und jeden Bombensplitter zu zählen, das würde wohl Stunden dauern. Grob gezählt und teilweise zusammengefasst kommen wir auf ungefähr 180 Exponate. Das ist aber keine verlässliche Zahl.

Streiflichter: Die renovierten Räume sind bei den Besuchern bisher gut angekommen. Was ist das nächste Ziel der Projektgruppe?

Georg Veit: Natürlich soll es weiter gehen. Unser langfristiges Ziel ist es, im gesamten Gebäudekomplex des Walkenbrückentores Ausstellungsräume bis hin zur Prähistorie einzurichten. Als Thema für den nächsten Raum haben wir uns die Zeit der Modernisierung ausgesucht. Vorher muss natürlich die finanzielle Lage gesichert werden.

Streiflichter: Angenommen, dass Geld würde bald fließen, wann könnte der Raum zur Modernisierung eingeweiht werden?

Georg Veit: Das könnte wohl etwa Mitte 2013 sein.

Streiflichter: Hätten Sie mit einer so großen Resonanz gerechnet, was die Bereitstellung von Ausstellungsobjekten angeht?

Georg Veit: Das ist zumindest nicht unüblich. Man fragt hier jemanden, der fragt dort weiter und der wieder woanders – das Schneeball-System hat wirklich gut funktioniert. Natürlich freut man sich über so viel Material. Es ist nur schade, dass man nicht alles sofort ausstellen kann.

Streiflichter: Hinter jedem einzelnen Exponat verbirgt sich ein bewegendes Einzelschicksal. Gibt es trotzdem eine Geschichte, die Ihnen besonders nah gegangen ist?

Georg Veit: Die Geschichte, die Frau Kühte über ihren Vater Anton Drüner erzählt hat (siehe Seite 3/die Redaktion), hat mich schon sehr bewegt. Als Lehrer am Gymnasium Nepomucenum denke ich aber auch an Heinz Hermanns, der – selber mal Schüler am Nepo – als Luftwaffenhelfer an die Westfront geschickt wurde. Er hat den Krieg nicht überlebt. Einige Privatgegenstände von ihm, darunter die Gymnasiasten-Mütze, sind im Stadtmuseum zu sehen. Auch die Geschichte der jüdischen Familie Oppenheimer ist bewegend und tragisch zugleich.

Zum Thema: Projektgruppe vom Stadtmuseum „Das Tor“ zieht eine erste Bilanz

„Das Museum ist keine statische Ausstellung“

Eigentlich sind es nur zwei kleine Räume, aber mit ihrem Inhalt können sie die Geschichte(n) von zahlreichen Menschen erzählen. Menschen, die zur Zeit von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg mit den härtesten Schicksalsschlägen zu kämpfen hatten. In den neu renovierten Ausstellungsräumen „Jüdisches Leben“ und „Nationalsozialismus“ im Stadtmuseum „Das Tor“ können die Besucher regionale Geschichte hautnah erfahren.

Kerstin Zimmermann, Fachangestellte des Stadtmuseums, weiß, dass es häufig nur Alltagsgegenstände sind, die von den verstorbenen Coesfeldern übrig geblieben sind. „Die Spuren der einstigen jüdischen Bewohner Coesfelds verlieren sich häufig irgendwo im Osten“, sagt Zimmermann. Eine Leihgabe wie der Judenstern, den der Zeitzeuge Joop Levy zur Verfügung gestellt hat, sei daher besonders wertvoll. „Wir können dieses Objekt mit Leben füllen, weil wir die Geschichte dahinter kennen“, erklärt die Historikerin.

Bei anderen Ausstellungsstücken, beispielsweise den Leihgaben der Gedenkstätte Buchenwald in Thüringen, sehe das anders aus. So bleiben einzelne Fotos, Briefe oder Geldbörsen häufig die einzigen Symbole, die die Verstorbenen hinterlassen haben. „Durch die Kontaktaufnahme zu anderen Gedenkstätten und die akribische Forschungsarbeit ist es uns dennoch gelungen, an vielen Stellen die Hintergründe über die Schicksale der ehemaligen Mitbürger zu erfahren“, so Zimmermann. Es sind Geschichten wie die von Heinz Hermanns, Karl Heinz Freund (rechtes Bild) oder Anton Drüner, die das Museumsteam aufgearbeitet hat.

Von der aufwendigen Arbeit der Museumsgruppe haben sich seit Februar bereits rund 1 000 Besucher überzeugt. Das Feedback sei rundherum positiv gewesen. Das liegt wohl nicht zuletzt an den interaktiven Möglichkeiten, die das neu konzipierte Stadtmuseum bietet: Videos, Audiobeiträge und didaktisches Material laden dazu ein, sich auf eigene Faust auf Spurensuche zu begeben, die Exponate auf sich wirken zu lassen oder in Form eines Rundgangs einen Überblick über die Ausstellung zu erlangen. Dieses Angebot haben bisher sowohl interessierte Einzelbesucher und Familien als auch einige Schulklassen wahrgenommen.

„Die meisten Besucher verbringen nicht weniger als eineinhalb Stunden in der Ausstellung“, weiß Zimmermann. Neben der Ausstattung von weiteren Museumsräumen verfolgt die Projektgruppe des Stadtmuseums noch ein anderes Ziel: „Unser Forscherlabor im Obergeschoss befindet sich zur Zeit in der Realisierungsphase“, erklärt Zimmermann. „Vor den Sommerferien können dort wahrscheinlich die ersten Forschungstägigkeiten aufgenommen werden.“

Ausreichend Material wird es für die Hobbyforscher mit Sicherheit geben. Zahlreiche Fotos und Dokumente, die dem Museum als Leihgaben zur Verfügung gestellt wurden, warten noch auf ihre Auswertung. „Über die große Bereitschaft zur Mithilfe unter den Bürgern haben wir uns sehr gefreut“, betont Dorothee Heitz von der Stadt Coesfeld. „Damit haben wir einen unserer Ansätze erreicht. Das Museum ist keine statische Ausstellung und wird stattdessen ständig aus der Region genährt.“

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