Per Handy Deutsch gelernt: Familie Houro arbeitet an der Integration in Coesfeld

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Flüchtlingshelferin Nora Schütz (hinten, Mitte) und die Familie Houro, bestehend aus den Eltern (vorne von links) Jihan und Mohamad und den Kindern (von links) Abdul Manan, Fahima, Hivea sowie (von rechts) Ali und Dejila.

Coesfeld. Als sich vor knapp 15 Monaten die Lage in Syrien immer weiter zuspitzte, stand für sieben der zehn Mitglieder von Familie Houro aus Aleppo fest, dass die Flucht der einzige Ausweg ist. Das eigentliche Ziel ihrer Reise: Schweden, wo die ältesten Söhne der Eltern Mohamad und Jihan seit Jahren leben und arbeiten. Zwar führte die Odyssee ihrer strapaziösen Reise nach nur wenigen Wochen ans Ziel – aber das vermeidliche Glück hielt nicht lange. Familie Houro wurde nach acht Monaten in das Land abgeschoben, in der die Ersterfassung stattgefunden hat. Deutschland. Wo andere Menschen enttäuscht den Kopf in den Sand gesteckt hätten, rappelten sich die sieben Syrer auf – vor allem die beiden Töchter Dejila (23) und Fahima (19) zeigten unglaublichen Einsatz ...

Seit fünf Monaten sind die Houros nun in Coesfeld, leben mit über 30 anderen geflohenen Menschen in der Flüchtlingsunterkunft in Harle 1, dem ehemaligen Restaurant Klinke. Für die drei Jüngsten, Ali (17), Abdul Manan (15) und Hivea (14) ist (beinahe) Alltag eingekehrt, alle drei lernen im Nepomucenum Deutsch, gehen täglich in die Schule. Doch vor allem die beiden älteren Töchter Dejila und Fahima haben ein Problem: Sie fallen durch alle Raster. Zu alt für die Schule, noch nicht lange genug in Deutschland, um einen Platz in einem Integrationskurs zu bekommen, kaum Abwechslung in der belebten Unterkunft.

Doch anstelle in Tristesse zu verfallen, starteten die zwei jungen Frauen durch – sie brachten sich selber Deutsch bei. Mit Youtube-Videos und Apps am Handy. „Das ist unglaublich beeindruckend“, weiß Nora Schütz, die beide seit einigen Wochen beim Lernen unterstützt. „Die beiden kannten natürlich nur die arabischen Buchstaben und konnten entsprechend nicht einmal unsere Schrift.“ Mit dem Verständnis für die deutschen Letter folgte der Wortschatz. Mittlerweile sind beide in der Lage, bei Behördengängen oder Arztbesuchen zu übersetzen.

Täglich üben Dejila und Fahima weiter. Doch es gibt einen Haken: Gelernt werden kann nur im großen Gemeinschaftsraum der Unterkunft – woanders gibt es kein WLAN für die Handys. „Es ist meistens lange laut“, berichtet Fahima in beeindruckend gutem Deutsch. „Das macht das Lernen nicht leichter.“

Mit jeder auf Deutsch geführten Konversation steigt das Selbstbewusstsein, sich der fremden Sprache zu bedienen. Doch Nora Schütz übt nicht nur das Sprechen mit den Frauen, sie bestärkt die Familienmitglieder auch dazu, keine Berührungsängste zu haben: „Die Grammatik ist am Anfang halb so wild. Solange die wichtigen Worte sitzen, wird jeder verstehen, was die Houros sagen möchten. Die weiteren sprachlichen Feinheiten folgen dann mit der Zeit.“

Dass die Großfamilie nun „nur“ in Coesfeld gestrandet ist, ist für sie längst eine positive Entwicklung, wie Fahima lachend bestätigt: „Es ist nicht so groß wie Aleppo, aber sehr schön. Viele nette Menschen.“ Dennoch bleiben zwei riesige Wünsche: Eine größere Wohnung und Jobs, um sich mehr in die Gesellschaft einzubringen. Der Haken an Wunsch Eins: Für gleich sieben Personen ist eine große Bleibe notwendig – und aufgrund der Flüchtlingsgesetze darf diese nur in Coesfeld sein. Der Haken an Wunsch Zwei: Zwar liegt bei den erwachsenen Syrern eine Genehmigung zur Ausübung einer Beschäftigung vor, doch ohne Weiteres findet sich kein Job, wie Nora Schütz erklärt: „Das hat zum einen ganz praktische Gründe – beispielsweise, wenn die Sprachkenntnisse noch nicht ausreichen – manchmal sind es aber einfache Vorurteile die verhindern, sich auf die Flüchtlinge einzulassen.“

Zumindest für Fahima geht Wunsch Zwei zeitnah ein wenig in Erfüllung: Schon in Syrien wollte die junge Frau Apothekerin werden – nun darf sie in der Ahorn-Apotheke ein Praktikum machen. „Ich freue mich sehr! So kann ich auch besser üben, Deutsch zu sprechen.“

Vater Mohamad, der in Aleppo als Elektroinstallateur gearbeitet hat, nutzt seine Zeit aktuell immer wieder dazu, Coesfelder Geschäfte in der Innenstadt zu besuchen, um zu überprüfen, ob alle Lampen funktionieren – und, falls er defekte Lichter entdeckt, anzubieten, diese auszutauschen ...

Nora Schütz ist sich auf jeden Fall sicher, dass es ein riesiger Glücksfall war, Familie Houro kennenzulernen und mit ihnen zusammenzuarbeiten: „Ich wurde irgendwie adoptiert. Alle Sieben sind unglaublich herzliche Menschen und ich komme immer wieder gerne her.“

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