SL-Serie Teil 4: Erwin Dickhoff über seine Recherchen zu Josef Roters

Häftling R 4539. Registriert in Buchenwald

Erwin Dickhoff mit seinen Unterlagen, die er zum Leben von Josef Roters zusammengestellt hat.

Coesfeld. Jeder Mensch hinterlässt Spuren in seinem Leben.

Einige verschwinden bald, andere überdauern unbeschadet die Zeit. Häufig sind es winzig kleine Spuren, aus denen sich ganze Lebensgeschichten rekonstruieren lassen. So auch im vierten Teil der Streiflichter-Serie „Coesfelder Geschichte(n)“. Wöchentlich wird ein Exponat aus dem Stadtmuseum „Das Tor“ mit der dazugehörigen Menschengeschichte vorgestellt. Meistens sind es Familienangehörige, Kinder oder Enkelkinder, die die Geschichte eines Angehörigen erzählen. Dieses Mal ist es kein Verwandter, auch kein Freund der Familie oder anderweitig Bekannter, der aus der Zeit von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg berichten kann. Erwin Dickhoff erzählt die Lebensgeschichte von Josef Roters, auf die er vor einigen Jahren zufällig gestoßen ist.

„Übung im Recherchieren

hatte ich also bereits“

Als ehemaliger Verwaltungsleiter beim Vermessungs- und Katasteramt Essen hatte er bereits Erfahrung im Nachforschen von Einzelschicksalen. Um das Essener Straßenregister zu sortieren hatte er sich ausgiebig mit der dortigen Stadtgeschichte beschäftigt, hatte immer wieder neue Straßennamen vorgeschlagen und sogar zwei Bücher veröffentlicht: „Essener Geschichten – Stadtgeschichte im Spiegel der Straßennamen“ und „Essener Köpfe“, in dem 980 Lebensläufe von stadtberühmten Persönlichkeiten veröffentlicht wurden. Im Alter von 72 Jahren zog Dickhoff mit seiner Frau nach Coesfeld. „Eigentlich wollte ich jetzt den Ruhestand genießen – Radfahren und spazieren gehen im beschaulichen Münsterland“, erinnert sich Dickhoff. Doch es kam anders als geplant. Der ehemalige Coesfelder Bürgermeister Josef Vennes bat um seine Mitarbeit im Heimatverein, „so kam dann eine Aufgabe zur anderen.“ 25 Jahre lang war er für die Mitteilungen des Vereins verantwortlich. „Übung im Recherchieren hatte ich also bereits“, schmunzelt der heute 86-Jährige.

Zufällig entdeckte er eines Tages eine kleine Anzeige in der Tageszeitung vom 25. Juli 1942, in der das Seelenamt von Dr. rer. pol. Josef Roters für den 28. Juli angekündigt wurde. Eigentlich nichts ungewöhnliches, eben eine Anzeige für einen Verstorbenen. Aber es gab einen Satz, der Dickhoff stutzig machte. „Es war ihm ein tiefer Schmerz, dass er die letzten Jahre fern von den Seinen verbringen musste“, hieß es in der Mitteilung. „Offenbar hatte Roters also eine Haftstrafe oder ähnliches absitzen müssen“, erklärt Dickhoff. Die Vermutung, dass der in Weimar verzeichnete Tod mit dem Konzentrationslager Buchenwald in Verbindung gestanden haben könnte, sollte sich bald als wahr erweisen. Von da an ließ Dickhoff das Schicksal des in Coesfeld geborenen Sohnes des Geheimrats Professor Wilhelm Roters (ehemals Lehrer am Gymnasium Nepomucenum) und seiner Frau Luise (geborene Werra) nicht mehr los.

Schnell fand er heraus, dass Roters nach seinem Schulabschluss am Gymnasium Nepomucenum in Münster, Köln und Bonn studierte, ehe er seinen Militärdienst ableistete und schließlich zum Ersten Weltkrieg eingezogen wurde. „Dort erlitt er eine schwere Kriegsverletzung. Ein Arm wurde steif“, weiß Dickhoff. Ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz erster und zweiter Klasse wurde Roters seit 1925 als Bankier in Köln verzeichnet.

Im Jahr 1937 kam es dann zu einer Auseinandersetzung mit einem Dachdecker. Roters hatte behauptet, Parteibosse würden keine Steuern zahlen und verstieß damit gegen das „Gesetz gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutz der Parteiuniformen“.

Nachdem das Verfahren gegen Roters zunächst eingestellt worden war, landete er in Schutzhaft. „Am 28. Mai 1938 wurde Roters mit der Häftlingsnummer R 4539 in Buchenwald registriert“, erklärt Dickhoff.

Todesursache bleibt

vorerst ungeklärt

Im Archiv der Gedenkstätte Buchenwald ließen sich weder eine Häftlingsakte noch eine Personal-Karte von Roters finden. „Sie sind wohl bei einem alliierten Luftangriff im August 1944 vernichtet worden“, vermutet Dickhoff. Weitere Recherchen beim Bundesarchiv und beim Internationalen Suchdienst Bad Arolsen brachten keine weiteren Erkenntnisse. Die einzig neue Erkenntnis war, dass Roters wohl bereits seit Juli 1937 in Köln inhaftiert war.

Brauchbare Ergebnisse fanden sich erst wieder im Thüringischen Hauptstaatsarchiv. Dort wurden die Häftlingsnummernkarteikarte und sechs Geldkarten von Josef Roters aufbewahrt. „Daraus konnte ich unter anderem entnehmen, dass Roters im März 1941 zur Beerdigung seines Vaters beurlaubt wurde“, sagt Roters und verweist auf eine Kopie der Geldkarte. Alle Dokumente von und über Josef Roters, angefangen mit der Zeitungsmeldung vom Juli 1942, hat er in einem Ordner abgeheftet. Darunter auch die Todesbescheinigung vom 12. Juli 1942. Als Todesursache wird ein Schlaganfall genannt. „Ob das die wahre Ursache ist, wissen wir nicht“, sagt Kerstin Zimmermann vom Stadtmuseum. „Klar ist, dass es ab 1942 auch in Buchenwald medizinische Versuche gab. Die ersten Opfer waren häufig Kriegsversehrte aus dem Ersten Weltkrieg.“ Die Todesursache des Häftlings R 4539 bleibt somit vorerst weiterhin ungeklärt.

Recherche vor Ort

betrieben

Dickhoff weiß aus Literatur und Medien viel über das Konzentrationslager Buchenwald, dortgewesen ist er jedoch noch nicht. Zimmermann hingegen hat vor Ort für das Stadtmuseum recherchiert. „Der Name Roters ist mir immer wieder in den Belegungslisten begegnet.“ Außerdem habe sie eine Akte einsehen dürfen, die eine Journalistin zusammengestellt hat. Sie enthält Briefe und Postkarten von Roters. „Auf den Briefen wurden stets die Blocknummern der Häftlinge vermerkt. Daraus können wir viel über die Aufenthaltsorte von Josef Roters erfahren und seine Stellung in der Häftlings-Hierarchie erfahren“, erklärt Zimmermann.

Kontakt zu Nachkommen von Dr. rer. pol. Josef Roters konnte nicht hergestellt werden. Karl, der Sohn lebt nicht mehr, die Töchter Hannelie und Annette haben geheiratet und sind ausgewandert.

Streiflichter-Ausgabe vom 16.5.2012

Von Tina Walther

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