Der große Traum vom Fliegen in Bitterwasser ging für den Coesfelder Mark Wenning in Erfüllung

Mark Wenning vor einem Segelflugzeug eines Freundes. Das Model (LS-1f) ist baugleich zu seinem eigenen Flugzeug, das er sich nachdem er drei Jahre lang sparte zulegte.

Coesfeld. 12 000 Kilometer entfernt von hier: Namibia. Der Himmel ist bedeckt. Mehrere Quellwolken verdecken die Sonne. Es ist 38 Grad warm. Die Luft ist trocken, die Hitze schwer auszuhalten. Für viele ist hier eine Aktivität am Tag undenkbar. Doch nicht für Mark Wenning. Denn der 25-jährige Coesfelder startet zwei Wochen lang jeden Morgen um 10.30 sein Segelflugzeug am Flugplatz Bitterwasser. Denn als erfahrener Segelflieger weiß er: „Quellwolken sind ein Zeichen für Aufwind. Ein besseres Wetter für das Segelfliegen gibt es nicht.“

Segelfliegen ist die Grundform des Fliegens, nur ohne Motor. Bei dieser Art des Fliegens werden Aufwinde ausgenutzt, deren Energie in Höhe und Fluggeschwindigkeit umgesetzt wird. Der Erdboden wird von der Sonne verschieden stark erwärmt, sodass beispielsweise die Luft über hellen Getreidefeldern stärker erwärmt wird als über Gewässern. Durch die sich so ergebenden Wärmeunterschiede entstehen Aufwinde. „Im Prinzip wie bei einem Papierflieger“, erklärt Wenning, „nur dass man versucht, möglichst lange in der Luft zu bleiben“, lacht er. Dazu werden die Aufwinde genutzt. „Man fliegt quasi von Aufwind zu Aufwind“, so Wenning.

Segelflieger müssen sich auch an die luftrechtlichen Bedingungen halten, was das Fliegen in Deutschland nicht gerade einfacher macht, da es viele große Flughäfen gibt. Um in die Luft zu kommen, gibt es verschiedene Startarten. Beim Windenstart wird das Segelflugzeug mit Hilfe einer Seilwinde in die Luft gezogen, ähnlich wie bei einem Drachen. Beim Flugzeugschlepp wird das Segelflugzeug von einem Motorflugzeug in die Höhe gezogen. Beim Eigenstart hingegen ist im Segelflugzeug ein Motor mit Propeller ausklappbar im Rumpf eingebaut. Zum Start wird der Propeller ausgefahren und der Motor gestartet. Durch den Vorschub wird das Flugzeug immer schneller, kann abheben. „Diese Art von Start wird auch in Namibia angewandt“, erklärt Wenning.

Einmal in Bitterwasser fliegen – der Traum vieler Segelflieger. Für Mark Wenning ist das Realität geworden, denn er war vom 9. bis zum 24. Dezember in Namibia und konnte dort seinem großen Hobby, dem Segelfliegen, nachgehen. Wahrgeworden ist der Traum durch Wilfried Großkinsky, der fünf jungen Segelfliegern pro Jahr die Möglichkeit dazu gibt, indem er sie dorthin einlädt und damit junge Piloten fördert. Wilfried Großkinsky ist selbst ein renommierter Segelflieger und auch unter ihnen sehr bekannt.

Mark Wenning erfuhr von seinem Glück – oder eher Erfolg –, dass er unter den fünfen dabei ist, bei einer Preisverleihung im Oktober in Poppenhausen, bei der er für den sechsten Platz in der deutschlandweiten Wertung im Bereich Streckensegelflug prämiert wurde. „Das war einfach unglaublich“, erzählt Mark Wenning und ist immer noch sprachlos, wenn er daran zurückdenkt. „Ich habe mit einem Preisgeld gerechnet, aber das, das war einfach der Wahnsinn.“

Ausgewählt werden zu der Reise nur die Besten – und zwar mit Blick auf das ganze Jahr. Dies ist anhand von Aufzeichnungen nachzuvollziehen. „Beim Streckensegelflug bekommt man alle vier Sekunden ein GPS-Signal“, erklärt Wenning. Diese werden in einem GPS-Logger gespeichert und können danach auf der Internetseite OLC Online Contest hochgeladen werden, worin die Anzahl der geflogenen Kilometer angezeigt wird und dementsprechend eine Wertung erfolgt. Ebenso unterstützt Großkinsky ausschließlich Piloten bis zum Alter von einschließlich 25 Jahren. „Da habe ich gerade noch mal Glück gehabt“, schmunzelt der 25-Jährige.

1 191 Kilometer Länge hatte der Flug von Wilfried Großkinsky mit Mark Wenning, dessen Aufzeichnung hier zu sehen ist.

Wieso alle Segelflieger zum Flugplatz Bitterwasser wollen? Die Wetterbedingungen, die ganz anders als in Deutschland sind. „Es gibt kaum besseres Wetter für das Segelfliegen, es ist einfach optimal“, stellt Wenning fest. Dies liegt vor allem an den Aufwinden, von denen sich das Segelflugzeug treiben lässt. Rundum sind keine großen Flughäfen, sodass wenig flugrechtliche Bedingungen einzuhalten sind. „Allgemein ist es dort viel großflächiger. In Namibia sind Flüge bis zu 5 700 Meter Höhe möglich, in Deutschland dagegen nur bis zu 2 900 Meter“, erklärt Wenning. Piloten können dort Strecken von bis zu 1 000 Kilometern absolvieren. Für ihn als Streckenflieger eine neue Herausforderung.

Das Abenteuer begann für Mark Wenning und Phil Schulz, die zur gleichen Zeit in Namibia waren, am 9. Dezember am Flughafen in Frankfurt. Nach zehn Stunden Flug in Windhoek angekommen, wurden die beiden Junioren mit einem Taxi zu ihren Tipis gebracht. Denn übernachtet wurde auf dem Flugplatz Bitterwasser. „Überall war Wüste, der Flugplatz sah aus wie eine Oase – und es war unglaublich heiß“, erinnert sich Wenning.

Doch die Zeit in Namibia war kein typischer Urlaub. Die zwei Wochen auf dem Flugplatz Bitterwasser in Namibia dienten als Trainingsmaßnahme und haben den jungen Erwachsenen einiges abverlangt. „Der Wecker klingelte um sieben Uhr“, so Mark Wenning. Nachdem die Flieger kontrolliert und getankt worden waren, ging es zum Frühstück. „Ab neun Uhr wurde in einem Briefing das aktuelle Wetter besprochen und Gewittermeldungen geprüft“, erzählt er weiter, „schon kleinste Unregelmäßigkeiten im Wetter können in der Luft verheerende Folgen haben.“

Auf dieser Grundlage wurden die Tagesrouten mit Wilfried Großkinsky geplant. Ganze neun Stunden waren die drei täglich in der Luft. Da geht einem schon mal der Proviant aus. „Zu den Vorbereitungen für die Flüge gehört darum auch immer, genug Essen und Trinken für sich mitzunehmen, um den Tagesbedarf zu decken“, gibt Wenning zu bedenken.

Das Flugplatzgelände Bitterwasser in Namibia. Hier durch die Luft zu gleiten ist für viele Segelflieger ein Traum. Für Mark Wenning ging er in Erfüllung.

„Von zwölf Flugtagen sind wir elf geflogen, ich selbst über 80 Stunden lang“, so Wenning. Mit zwei Segelflugzeugen sind sie jeden Tag gestartet – ein Doppelsitzer und ein Einsitzer. „Im Wechsel ist einer alleine geflogen, der andere mit Wilfried“, erzählt Wenning. Gelernt haben die beiden vor allem durch die Verbesserungsvorschläge von Großkinsky. „Er hat alles hinterfragt, egal, was man gemacht hat. Das bringt einen zur Selbstkontrolle“, erzählt Wenning. „Streckenweise war es sehr anstrengend, aber ich habe dabei einiges gelernt“, lässt er die Zeit Revue passieren. Danach hat er sich dann umso mehr auf das Weihnachtsfest gefreut. „Passend zum Festtagsessen war ich wieder zu Hause und konnte die selbstgemachten Rouladen genießen“, lacht Wenning.

2017 war für Mark Wenning bisher das erfolgreichste Jahr seiner fliegerischen Laufbahn. Unter den 30 Streckenflügen ist auch der längste seiner Flüge. „811 Kilometer ging der“, erinnert Wenning sich zurück, „von Stadtlohn über Bremerhaven bis an den Niederrhein. Danach eine weitere Schleife in den Norden und die abschließende Landung am Flugplatz in Stadtlohn.“

Seit dem vierzehnten Lebensjahr ist er begeisterter Segelflieger. Seine Begeisterung teilt er mit seiner ganzen Familie. Seine Eltern, sein Bruder und er selbst sind im Coesfelder Luftsport-Verein e.V. „Ich bin in einer Segelfliegerfamilie groß geworden und hatte dadurch immer was mit der Fliegerei zu tun“, erzählt er. Durch eine Ausbildungsgemeinschaf der ansässigen Luftsportvereine Borken, Bocholt und Coesfeld startet der Verein seine Flugzeuge auf dem Sonderlandeplatz Borken-Hoxfeld.

Schon in jungen Jahren ist er mit seinem Vater mitgeflogen: „Ich war dort so klein, dass ich kaum aus dem Fenster des Fliegers schauen konnte“, lacht er. Die Leidenschaft des Segelfliegens verbindet die vierköpfige Familie bis heute.

Mit 16 Jahren hat Mark Wenning zunächst seine Pilotenausbildung absolviert. Die Ausbildung dazu dauert um die zwei bis drei Jahre und erfordert eine theoretische und eine praktische Prüfung. Als er dann endlich alleine fliegen durfte, wurden ihm die Strecken am Flugplatz schnell zu langweilig. „Ich wollte unbedingt mehr sehen, erleben und entdecken“, erzählt er. Und so kam er zum Streckenflug, der ihm genau dies ermöglicht. Seitdem er 21 Jahre alt ist, ist er neben seiner Mitgliedschaft im Verein auch als ehrenamtlicher Fluglehrer für den Nachwuchs tätig. „Ich wollte dem Verein damit etwas zurückgeben.“ Doch nicht nur das ist für ihn wichtig: „Man sieht, wie man selbst angefangen hat und kann seine eigenen Erfahrungen weitergeben“, erzählt er. Vor zwei Jahren erfüllte er sich dann einen großen Traum: ein eigenes Segelflugzeug. „Ich musste zwar drei Jahre dafür sparen, aber es hat sich gelohnt“, so Wenning.

Seine Motivation beim Streckenflug ist die Entdeckerlust, das Abenteuer und der Wettbewerb. „Ich möchte immer größere Strecken fliegen, andere Orte entdecken und mich dadurch persönlich weiterentwickeln“, erzählt Mark Wenning. Diesem Ziel ist er mit der Reise nach Bitterwasser ein ganzes Stück näher gekommen.

Zum Thema:

Coesfelder Luftsportverein

Der Coesfelder Luftsportverein e. V. wurde 1969 gegründet und ist zu Gast auf dem Sonderlandeplatz Borken-Hoxfeld. Der Verein hat um die 40 aktive Mitglieder zwischen 14 bis 60 Jahren. Das Mindestalter für die Segelflugausbildung beträgt 14 Jahre. Die Ausbildung im Segelflug erfolgt seit einiger Zeit in einer Ausbildungsgemeinschaft der ansässigen Luftsportvereine Borken, Bocholt und Coesfeld. Dies zeichnet sich dadurch aus, dass gemeinschaftliche Dienstpläne für die ehrenamtliche Tätigkeit als Fluglehrer eine praktische Ausbildung, sowie den Theorieunterricht in Borken gewährleisten. Die Ausbildung dauert zwei bis drei Jahre. „Die ersten 50 bis 80 Starts werden mit dem Fluglehrer durchgeführt, danach darf man alleine fliegen, aber noch immer nicht ganz eigenverantwortlich. Der Fluglehrer hat per Funk immer noch stetigen Kontakt zu dem Neuling“, erklärt Mark Wenning. Der Verein besitzt fünf eigene Segelflugzeuge, die im Winter in der eigenen Werkstatt an der Holtwicker Straße in Coesfeld unter dem PZ gewartet und überholt werden. Weitere Informationen auch auf der Homepage des Vereins www.coesfelder-luftsportverein.de

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