Anne Wessling absolviert Freiwilligendienst im Kinderdorf der Franziskaner in Bolivien

Das ganze Jahr Sommer

Coesfeld. Heiligabend bei 30 Grad, blauem Himmel und strahlender Sonne – für die meisten unvorstellbar.

Für Anne Wessling ist es Realität geworden: Seit Ende Juli ist sie Freiwillige im Kinderdorf „P. Alfredo“ in Santa Cruz, Bolivien. Nicht nur das Wetter hat das Weihnachtsfest so ganz anders für die 19-Jährige gemacht: „So etwas wie eine Vorbereitung auf Weihnachten gab es kaum“, berichtet sie. „Auch wenn man Weihnachtsbäume, einige Krippen und die geschmückten Plätze gesehen hat, kam dieses gemütliche Einstimmen auf Weihnachten nicht richtig an.“ Vor dem Gottesdienst an Heiligabend wurde in dem Kinderdorf, in dem rund 80 Kinder ohne Zuhause oder Familie betreut werden, alles aufgeräumt und geputzt. Dann wurde gemeinsam gegessen – draußen natürlich. Der Abend endete mit Tanz und Feuerwerk. „Das war schön, aber ungewohnt“, meint die Freiwillige. Und nach dem ersten Weihnachtstag war am 26. Dezember schon alles wieder wie immer.

„Aldea de Niños Padre Alfredo“ – so heißt das Kinderdorf der Missionszentrale der Franziskaner auf Spanisch. In zehn Häusern sind die Kinder nach dem Modell der SOS-Kinderdörfer mit jeweils einer Hausmutter untergebracht. „Quasi eine kleine Familie“, sagt Anne. Zusammen mit anderen Freiwilligen betreut sie die Kinder oder gibt ihnen Englischunterricht.

Und wieso das alles? „Ich wollte mal etwas ganz anderes erleben und eine neue Sicht auf die Dinge gewinnen“, erklärt sie. Infolge eines zweimonatigen Schüleraustausches nach Peru packte sie das Fernweh – da war Bolivien nicht mehr weit weg. Nach knapp fünf Monaten hat sich ihre Idee des Sichtwechsels bestätigt: „Ich nehme die Möglichkeiten und Chancen, die Kinder in Deutschland haben, jetzt viel intensiver wahr. Dinge wie Musikschule, Sportverein und Schulbildung – das alles ist alles andere als selbstverständlich“, verkündet Anne. Wo in Deutschland schon eine Klasse mit 30 Schülern groß wirkt, sind 50 Kinder in einer Klasse dort ganz normal.

Die Kinder hatten

leuchtende Augen 

So Zuhause wie jetzt hat sie sich in dem südamerikanischen Land nicht sofort gefühlt: „Am Anfang war alles ganz anders“, erinnert sie sich. So zum Beispiel im Straßenverkehr: Verkehrsregeln werden kaum beachtet. Wer zuerst hupt, fährt zuerst. Viel los ist auf den Straßen immer, trotzdem passieren scheinbar wenige Unfälle – „erstaunlicherweise“, findet Anne. So genannte „Micros“ fungieren als Kleinbusse mit etwa 15 Sitzplätzen. „Und unendlich vielen Stehplätzen. Es wird einfach gequetscht.“ Fahrpläne und Haltestellen gibt es nicht. Wer mitfahren will, winkt.

Und dann noch der Nationalfeiertag am 6. August voller rot-grün-gelber Flaggen und Kleidung. Und die Aktion „Techo“, bei dem die junge Coesfelderin an zwei Tagen gemeinsam mit anderen Freiwilligen ein Haus errichtet hat. Und ihre kurze Reise nach Brasilien, in der sie Bekanntschaft mit Krokodilen und Wasserschweinen machen durfte. Und und und – man kann kaum glauben, dass Anne erst fünf Monate in Bolivien ist, so viel hat sie schon erlebt.

Und ihr persönliches Highlight bisher? Ein eher ruhiger Moment im Weihnachtsmonat: „Nach dem Plätzchenbacken haben wir das Licht ausgemacht, Kerzen angezündet und gemeinsam Weihnachtslieder gesungen. Die Kinder hatten leuchtende Augen. Das war irgendwie magisch“, erinnert sich die 19-Jährige.

Anne Wessling hat sich in Bolivien eingelebt. Da, wo das ganze Jahr Sommer ist. Und als sie vor kurzem von ihrer einwöchigen Reise nach Peru zurückkam, stellte sie fest, wie sehr sie die Kinder und das Dorf vermisst hatte. „Ich will mir gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn ich für immer gehe“, sagt Anne. „Aber das dauert ja zum Glück noch ein bisschen.“

SL-Ausgabe vom 30.12.2014

Von Franziska Veit

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