Frauen e.V. im Kreis Coesfeld feiert 20-jähriges Bestehen. Vier Fachfrauen beraten in Kritensituationen

+
Die Beraterinnen Corinna Brandenburger (von links), Monika Aehling, Miriam Harosh-Pätsch und Barbara Borchard blicken zurück auf 20 Jahre Frauen e.V.

Coesfeld. #MeToo. Dieses Hashtag ging im Herbst 2017 um die Welt, als sich im Zuge des Weinstein-Skandals immer mehr betroffene Frauen ermutigt fühlten, auf das Ausmaß der sexuellen Belästigung und sexuellen Übergriffe aufmerksam zu machen.

Millionenfach wurde dieses Hashtag – vor allem in sozialen Netzwerken – in Zusammenhang mit sexueller Gewalt und Missbrauch verwendet, auch jenseits des Weinstein-Skandals. „Vielleicht ist diese Kampagne einer der Gründe, warum Frauen sich vermehrt mit dem Thema sexualisierte Gewalt auch zu uns trauen“, sagt Miriam Harosh-Pätsch von Frauen e.V. Seit 20 Jahren gibt es die Beratungsstelle für Frauen und Mädchen ab 14 Jahren im Kreis Coesfeld. Grund genug für eine Jubiläumsfeier, die am 28. September stattfindet (Programm weiter unten). Ein Anlass aber auch für einen Rückblick: „Früher hatten wir nicht einmal eine Internetseite und eigene Räume, heute sind wir da anders aufgestellt“, schmunzelt Diplom-Sozialpädagogin Corinna Brandenburger, die Leiterin von Frauen e.V.

In diesen Büros in Coesfeld (Gartenstraße 12) und Dülmen (August-Schlüter-Straße 32) verfolgt das vierköpfige Frauen-e.V.-Team ein Ziel. „Wir möchten Frauen und Mädchen so unterstützen und begleiten, dass sie in der Lage sind, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten“, sagt Miriam Harosh-Pätsch. 

1690 Einzelberatungen führten die geschulten Mitarbeiterinnen von Frauen e.V. im vergangenen Jahr in Coesfeld und Dülmen insgesamt durch. In den Gründungsjahren hatte es dagegen anfangs noch vergleichsweise wenige Termine gegeben. 2016 waren es schon 1396 Beratungen, ehe diese Zahl nun nochmal binnen eines Jahres deutlich um 21 Prozent gestiegen ist. 

Zu den offenen Sprechstunden, die Frauen e.V. anbietet, kommen ratsuchende Mädchen und Frauen mit ganz unterschiedlichen Anliegen und Problemen. Vielfach sind Beziehungsprobleme der Antrieb, den geschützten Ort für ein Gespräch mit den Fachfrauen zu suchen. Mitunter auch das Erleben von Mobbing/Cybermobbing, sexualisierter oder häuslicher Gewalt. „Generell gilt: Jede Frau in einer Krisensituation ist mit ihrem Anliegen bei uns richtig“, ermutigt Corinna Brandenburger betroffene Frauen und Mädchen, die Probleme nicht einfach verdrängen zu wollen, sondern das Gespräch mit den geschulten Mitarbeiterinnen von Frauen e.V. zu suchen. Das geht auch anonym. Ohnehin könne jede Frau gerne auch eine Freundin oder Verwandte als Begleitung zum Erstgespräch mitbringen. „Wir bieten einen Schutzraum. Anonymität ist gerade in einer ländlichen Region wie unserer wichtig.“ 

Gegründet wurde Frauen e.V. im September 1998 von sieben Aktivistinnen aus Senden. „Im Jahr 2006 gab es einen Umschwung im Verein, wir haben damals vor allem unsere Angebote ausgeweitet“, berichtet Brandenburger. Die Diplom-Sozialpädagogin arbeitet seitdem in der Beratungsstelle. Genauso lange dabei ist Miriam Harosh-Pätsch. 2011 stieß Monika Aehling hinzu. Barbara Borchard komplettierte das Team 2017. „Ich schätze an meiner Arbeit, eine Ansprechpartnerin für so vielfältige Themen zu sein“, sagt sie.

„Die Gesellschaft sieht, wie wichtig es ist, dass es diesen geschützten Raum für Frauen gibt!“
CORINNA BRANDENBURGER

Zweieinhalb Vollzeitstellen sind aktuell vom Land NRW für Frauen e.V. eingerichtet, denn zu 85 Prozent wird der Verein vom Land gefördert. Die Stellen sind auf die vier Beraterinnen aufgeteilt. „Wir verfügen alle über berufsrelevante Studienabschlüsse, besitzen Zusatzqualifikationen und besuchen regelmäßig Supervisionen“, erklärt Miriam Harosh-Pätsch. 

„Früher mussten wir uns oft Sorgen über die Finanzierung des Vereins machen“, erinnert sich Brandenburger. Heute bestehe dagegen ein stabiles Netz aus Sponsoren und Förderern. Stolz blickt Brandenburger auf Erfolge der vergangenen Jahre zurück: „Ein Meilenstein war für uns die Einführung der ,Anonymen Spurensicherung‘ in den Christophorus-Kliniken am Standort Coesfeld“, sagt sie. Eine Anzeige ist nun noch Jahre nach dem Vorfall möglich – die Spuren können direkt nach der Tat anonym im Krankenhaus gesichert werden. „Wir haben im Kreis Coesfeld den Anstoß dazu gegeben“, betont Harosh-Pätsch. 

Auch die Beratung nach dem Gewaltschutzgesetz (seit 2004) bezeichnet Corinna Brandenburger als einen „wichtigen Meilenstein“. Jede Frau, die Opfer häuslicher Gewalt geworden ist, hat demnach das Recht, zivilrechtliche Schutzmaßnahmen sofort in Anspruch zu nehmen. Neben den Einzelberatungen führt Frauen e.V. auch Kurse – zum Beispiel zur Selbstverteidigung – und Gruppenberatung (unter anderem Trennung/Scheidung) durch, verbreitet Kampagnen wie „Luisa ist hier“ (Streiflichter berichteten) und bietet offene Treffen im 2017 gegründeten Frauenzentrum Courage. 

Neben den Angeboten und der Zahl an Beratungen sei auch die Wertschätzung der Arbeit in der Fachstelle gewachsen. „Unsere Fachstelle erfährt heute eine viel größere Akzeptanz als in den Anfangsjahren“, hat Corinna Brandenburger in vielen Gesprächen festgestellt. „Die Gesellschaft sieht, wie wichtig es ist, dass es diesen geschützten Raum für Frauen gibt!“

www.frauen-ev.de

Zum Thema:
Poetry-Slam, Fachvorträge und Podiumsdiskussion am 28. September

„Für uns stand schon lange fest: Wir möchten unser Jubiläum feiern – allerdings fachlich“, sagt Miriam Harosh-Pätsch. Am Freitag, 28. September, findet nun eine Fachtagung zum Thema „Love Sex, hate Sexism“ in der Kolping-Bildungsstätte Coesfeld statt. Anlass ist das 20-jährige Bestehen von Frauen e.V. „Wir gönnen uns und anderen einen Fachtag“, so Corinna Brandenburger. Der vollständige Titel der Veranstaltung lautet „Eine Gesellschaft ohne Gewalt – eine feministische Utopie“. Gewinnen konnten die Verantwortlichen die Referentinnen Lena Spiekermann und Laura Chlebos. Letztere ist Mitgründerin des Blogs „Feminismus im Pott“. 

„In ihrem Fachvortrag geht es um eine Gesellschaft in der Zukunft, in der es keinen Sexismus mehr gibt und die mit Verwunderung auf unsere heutige Gesellschaft zurückblickt“, erklärt Brandenburger. 

Ebenfalls am 28. September in der Kreisstadt: Johanna Ziemes, die einen Poetry-Slam zum Thema liefert. Es folgt eine abschließende Podiumsdiskussion, unter anderem mit Politikerin Josefine Paul, Rechtsanwältin Ulrike Hemker und dem Polizeibeamten Guido Prause. 

Die Fachtagung, zu der Frauen und Männer eingeladen sind, beginnt um 14 Uhr und endet gegen 16.30 Uhr. Anmeldungen per E-Mail an info@frauen-ev.de.

Zum Thema: 
Frauen e.V.

Das Ziel: Frauen e.V. ist eine Anlaufstelle für Frauen und Mädchen ab 14 Jahren. Ziel ist es, die Hilfesuchenden zu begleiten, zu unterstützen und zu stärken. Gleichzeitig geht es um die Enttabuisierung des Themas „Gewalt an Frauen und Mädchen“.
Das Angebot: In Coesfeld (Gartenstr. 12) und Dülmen (August-Schlüter-Str. 32) bietet Frauen e.V. offene Sprechzeiten – in Coesfeld mittwochs 10 bis 12 Uhr und donnerstags 14 bis 16 Uhr, in Dülmen montags 10 bis 12 Uhr – auch Termine nach Vereinbarung sind möglich. Zudem gibt es Kurse und offene Treffen.
Das Team: Die Beraterinnen sind Miriam Harosh-Pätsch, Corinna Brandenburger, Monika Aehling und Barbara Borchard.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare