Heinz Seesing über seine Kindheit, die Bombardierungen und bettelnde Mütter mit Kindern

„In der Not entstanden eigene Gesetze"

Die Bischofsmühle ist sein Zuhause. Heinz Seesing wuchs mit der Bischofsmühle auf und setzt sich bis heute für ihren Erhalt ein. Seine Botschaft: „Die Mühle hat viel zu erzählen.“ Auf dem Foto präsentiert er eine Zeichnung, die die Coesfelder Künstlerin Hety Thier von ihm anfertigte, als sie bei der Familie Seesing lebte. Foto: G. Lüking

Coesfeld. Flugzeuge kreisen am Himmel. Plötzlich schießen sie herunter, direkt auf Coesfeld zu.

Der Vater kommt aus der Mühle gestürmt und ruft: „Ab in den Keller!“ Schnell findet sich die ganze Familie dort ein. Zahlreiche Nächte verbringen sie dort auf Holzpritschen. „Die Flugzeuge über Coesfeld – ein schreckliches Bild“, erinnert sich Heinz Seesing. Der heute 77-Jährige erlebte die Bombardierungen und das Kriegsende in Coesfeld als 6- und 7-jähriger Junge. „Es war entsetzlich und tragisch, aber als Kind konnte ich das noch nicht verstehen. Was ich gespürt habe, war vor allem Angst.“

Eine Stunde nach dem Bombenangriff kamen hundert flüchtende Coesfelder an der Bischofsmühle vorbei. „Verzweifelt, geschockt und schreiend flohen sie schutzsuchend in Richtung des Coesfelder Berges.“

Ein Erlebnis ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: „Einmal kam eine viermotoriges Flugzeug, das von der Flak getroffen wurde, genau auf unser Haus zu. Mein Vater hat geschrien, wir sollten alle aus dem Keller kommen. Doch im letzten Moment drehte die Maschine ab und ging etwa beim Daruper Berg runter – eine heldenhafte Entscheidung des Piloten, die uns gerettet hat.“

Auch Heinz Seesing und seine Familie flohen. „In einer sternenklaren Nacht brachte unser Vater uns auf den Bauernhof der Großeltern bei Rorup.“ Dort erlebte er auch das Kriegsende. „Auf einmal war die Front ganz in der Nähe. Wir Kinder spürten die Gefahr und durften das Haus nicht mehr verlassen.“ Gemeinsam mit seinem Onkel hing Heinz Seesing die weiße Flagge aus dem Fenster. „Plötzlich spürten wir heftige Detonationen: Ein Bauer, nur 300 Meter entfernt, hatte keine weiße Flagge aufgehängt. Sein Hof wurde beschossen.“

„Auf einmal war die Front ganz in der Nähe. Wir Kinder spürten die Gefahr und durften das Haus nicht mehr verlassen.“

HEINZ SEESING

Währenddessen zeigten die Erwachsenen den Kindern, wie sie sich verhalten sollen, wenn die Engländer kommen. „Zitternd und ängstlich standen wir alle auf einem großen Tisch. Dort verharrten wir mindestens eine Stunde und übten, wie wir die Hände hochhalten mussten“, erzählt Seesing. „Schließlich stürmten die englischen Soldaten mit ihren Maschinengewehren hinein, tobten stundenlang im Haus und durchsuchten jeden Winkel nach versteckten Soldaten.“

Heute, 70 Jahre nach dem Kriegsende, fragt sich Heinz Seesing, wie er und seine sieben Geschwister diesen Schrecken überhaupt verarbeiten konnten. „Wahrscheinlich dank meiner Eltern“, sagt Seesing. „Sie haben immer versucht, die Bedrohung von uns Kindern fernzuhalten.“ Daher hat Heinz Seesing auch viele schöne Erinnerungen an seine Kindheit in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Nur drei Wochen ging der damals 6-Jährige zur Schule, bis die Lambertischule zerstört wurde. „Dann entschied meine Mutter, dass wir von nun an Zuhause unterrichtet werden – von Hety Thier.“

Die Coesfelder Künstlerin (in Kürze wird es eine Ausstellung zu Hety Thier in der Bischofsmühle geben, weitere Infos folgen) lebte zu dieser Zeit bei der Familie Seesing. „Hety gab uns den schönsten Unterricht, den man sich vorstellen kann. Wir spielten, tobten auf den Betten und erzählten Geschichten. In schweren Zeiten hat sie uns richtig glücklich gemacht. An diese traumhafte Zeit erinnere ich mich oft zurück.“

Nicht nur Hety Thier lebte in den Jahren 1944 und 1945 bei Familie Seesing. „Unser Haus war immer voll. Zuerst zog Familie Schilling ein. Doktor Schilling hatte uns Kinder alle zur Welt gebracht. Natürlich gaben wir ihm eine Unterkunft, als sein Haus zerstört war.“

Das große Kaminzimmer wurde zum Baderaum und in zwei Räumen wurde eine Praxis eingerichtet. „Meine Geschwister und ich mussten auf den Dachboden ausweichen. Dort baute unser Vater 4-etagige Betten für uns.“ Und bald zog eine weitere Familie hinzu – die Familie des Jakobichorleiters Franke. „Mit so vielen Menschen in einem Haus war es nicht immer einfach. Bei uns lebten vier Frauen, die sich alle an einem einzigen Herd trafen. Das ging nicht lange gut“, erinnert sich Seesing. Eine Frau musste deshalb gar auf den Hühnerstall ausweichen.

„Hier war immer was los. Doch das Tragische war mir als Kind nicht bewusst.“

HEINZ SEESING

„Hier war immer was los. Doch das Tragische war mir als Kind nicht bewusst“, sagt Seesing. „Ich war immer begeistert von den vielen Menschen und Begegnungen und fand es herrlich.“ Diese Erfahrungen prägten ihn für sein Leben: „Als Chef der Bremer Stadthalle war ich ständig unter Menschen und habe Veranstaltungen für tausende Zuschauer geplant.“

Und nicht nur im Haus der Seesings war viel los. Auch an der Bischofsmühle. „Die Mühle war ein Magnet – für Bauern natürlich, aber auch für bettelnde Mütter mit Kindern“, so Heinz Seesing. „Sie kamen mit überfrachteten Zügen aus dem Ruhrgebiet und standen schon morgens da. Die Not, der Hunger und das Betteln haben meinem Vater sehr wehgetan“, weiß Seesing. „Deswegen gab er uns Kindern den Auftrag, aus Zeitungspapier und Mehlkleister Tüten zu kleben, die mit Roggen- und Gerstenschrot gefüllt wurden.“

Viele Jahre später, als sein Vater Heinrich schon über 90 Jahre alt war, fragte Heinz Seesing ihn, woher er das ganze Mehl genommen habe. „Da hat er verschmitzt gelacht und erklärt, dass es von den Bauern kam. Einige gaben es freiwillig und den Reichen nahm er etwas aus den Säcken. Am meisten hat er den Geizigen genommen“, erzählt Heinz Seesing schmunzelnd. „In der Not entstanden eigene Gesetze. Er konnte es mit seinem Gewissen vereinbaren und es hat funktioniert.“

Als Kind habe er nicht immer Verständnis für die Großzügigkeit seiner Eltern gehabt. „Wenn das Essen auf dem Tisch stand und eine hungrige Familie kam, wurden wir Kinder weggeschickt. Ich habe dagegen protestiert“, sagt der heute 77-Jährige. „Als Kind erkennt man nicht die Not, sondern nur seine eigenen Triebe. Heute bewundere ich meine Eltern für das, was sie getan haben, und weiß, dass ich in dieser Zeit viel für das Leben und die Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft gelernt habe.“

SL-Ausgabe vom 6.5.2015

Von Greta Lüking

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