SL-Serie Teil 6: Max Kaup und sein Audiobeitrag zum jüdischen Leben

Einer Figur aus Pappe die eigene Stimme geliehen

Im Ausstellungsraum „Jüdisches Leben“ wurde das Foto der nach Riga deportierten Juden aus Coesfeld im Großformat angebracht. Karl-Heinz Freund wurde im Bild retuschiert und an anderer Stelle im Raum aus Pappe ausgestellt. Dort erfahren die Besucher an einer Audiostation mehr über sein Leben.

Coesfeld. Die Streiflichter-Serie „Coesfelder Geschichte(n)“ stellt wöchentlich ein Exponat vor, dass in den Ausstellungsräumen „Nationalsozialismus“ und „Jüdisches Leben“ im Stadtmuseum „Das Tor“ ausgestellt wird.

Und nicht nur das – auch die dazugehörige Menschengeschichte wird erforscht. Bisher ging es bereits um diverse Feldpostbriefe, einen Bunkerofen und zuletzt um die Überbleibsel des ehemaligen Gymnasiasten Heinz Hermanns. Auch Radio-Kiepenkerl-Mitarbeiter Harald Schönfelder wurde vorgestellt, der die Ausstellungen an verschiedenen Stellen mit Audiobeiträgen unterstützt hat. Und er ist nicht der einzige, der etwas ganz persönliches, nämlich die eigene Stimme, zur Verfügung gestellt hat. Im sechsten Teil der Serie erzählt Max Kaup, wie er als Sprecher für einen Audiobeitrag ausgewählt wurde, wie er sich auf die Aufnahme vorbereitet hat und welche Gedanken er sich zum Nationalsozialismus gemacht hat.

Text zum Leben von

Karl-Heinz Freund

Max besucht die fünfte Klasse am Pius-Gymnasium. Angefangen hat die besondere Geschichte für ihn aber noch in der Maria-Frieden-Grundschule. „Frau Siebert ist in meine Klasse gekommen und hat nach Schülern gefragt, die gut lesen können“, erinnert sich Max. Der Text, von dem ihm dann erzählt wurde, stellte nicht gerade eine leichte Lektüre dar. Es ging um Karl-Heinz Freund, einen jüdischen Jungen, der mit seiner Familie in Coesfeld gewohnt hatte, bevor er von den Nationalsozialisten nach Riga deportiert wurde. Der wahrscheinlich in einer Gaskammer gestorben ist. Aus der Perspektive des Jungen wurden Momente seines Lebens erzählt. Keine realen Momente.

„Es handelt sich um eine fiktive Geschichte“, erklärt Kerstin Zimmermann vom Stadtmuseum. „Allerdings um eine, die auf den Recherchen und Erkenntnissen über das Leben des Jungen basiert“. So, wie es Max auf Tonband gesprochen hat oder so ähnlich könnte es also damals, inden 1930er-Jahren, gewesen sein. „Den Text haben wir immer wieder geprobt. Ich wurde manchmal aus dem Unterricht geholt und einmal kam sogar Herr Veit zu mir nach Hause. Er hat mir erklärt, wie ich bestimmte Wörter noch besser betonen kann und die habe ich mir dann unterstrichen“, sagt Max.

Georg Veit ist Leiter der Projektgruppe des Stadtmuseums. Verena Kaup versucht zu erklären, warum ausgerechnet ihr Sohn für die schwierige Sprecherrolle ausgewählt wurde: „Max war natürlich nicht der einzige gute Leser. Aber er hatte vielleicht schon ein bisschen mehr Erfahrung als andere, weil er bei einem Musical in der Schule mitgespielt hat und dort ebenfalls eine Sprecherrolle hatte. Außerdem ist er etwa im gleichen Alter wie Karl-Heinz Freund damals und seine kindliche Stimme passte wohl sehr gut.“

Damit es keine Schwierigkeiten gab, wurden die Eltern gefragt, bevor Max den Text zu lesen bekam. „Wir haben nicht lange überlegen müssen, ob er die Aufgabe übernehmen darf. Klar ist die Geschichte erschütternd, aber wir haben zu Hause häufig darüber gesprochen“, sagt Verena Kaup. Schmunzelnd sieht sie zu Max hinüber. „Und natürlich ist man auch ein bisschen Stolz, wenn der eigene Sohn so eine Rolle übernehmen darf.“

Mit einem professionellen Tontechniker wurde der Text schließlich in der Musikschule auf Band gebracht. „Wir haben die Aufnahme ein paar Mal wiederholt. Die besten Stellen wurden dann zusammengeschnitten“, erinnert sich Max. Wenn der Besucher heute vor der Pappfigur von Karl-Heinz Freund im Museum steht, scheint es, als höre er den jüdischen Jungen selbst aus seinem Leben erzählen.

Die Ausstellung als

Warnung verstehen

Sport und Biologie sind in der Schule die Lieblingsfächer von Max. Geschichtsunterricht hat der Fünftklässler noch nicht. Den Namen Karl-Heinz Freund hatte er vorher noch nie gehört, auch die Geschichte von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg sind dem Zehnjährigen überwiegend noch fremd. Trotzdem sagt er, dass er die Ausstellung im Museum interessant und die Thematik wichtig findet. „Vielleicht warnt die Ausstellung davor, dass so etwas nochmal passiert“, sagt er nachdenklich.

Streiflichter-Ausgabe vom 30.5.2012

Von Tina Walther

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