Die Gesellschaft aktiv mitgestalten

Dülmener fahren nach Köln zum 100-jährigen Jubiläum des Verbands „Neudeutschland“

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Im Vorfeld des ND-Jubiläumskongresses in Köln blickten Dr. Jürgen Holtkamp, Cläre und Ludger Hillermann, Dr. Annette Höing und Dr. Lothar Moschner (von links) auf das Wirken des ND in Dülmen.

Dülmen. Aus christlicher Überzeugung an der Gestaltung der Gesellschaft mitwirken, sich aktiv einbringen in Diskussionen und in tätiger Hilfe. Standpunkte vertreten und in Gemeinschaft Standpunkte erarbeiten.

Das unter anderem war und ist Antrieb für Cläre Hillermann, sich im „Bund Neudeutschland“ (ND) zu engagieren, wo die Dülmenerin in den Jahren 1997 bis 2000 Bundesleiterin war. Aus ihrer Überzeugung heraus setzte sie sich vor rund 20 Jahren auch für die Gründung des donum-vitae-Kreisverbands Coesfeld ein, in dem sie von 1999 bis 2005 dann Vorsitzende war. Auch vor diesem Hintergrund ist sie prädestiniert, am Freitag nach Ostern bei dem Festakt „100 Jahre ND“ unter dem Thema „Christsein. Heute“ im Kölner Gürzenich mit auf dem Festpodium zu sitzen – neben unter anderem dem früheren Bundesumweltminister Klaus Töpfer und dem früheren Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und Thüringen Bernhard Vogel. Auch sie Mitglied im ND.

Cläre Hillermann ist nicht die einzige Dülmener Teilnehmerin am ND-Jubiläumskongress. Insgesamt werden zehn NDer aus Dülmen nach Köln fahren, wo – wenn man so will – von Dienstag bis Samstag ein Katholikentag im Kleinen stattfindet; rund 900 Personen haben sich hierzu angemeldet. Es gibt Gottesdienste, Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen, lockere Abende mit Begegnung sowie Programm für Kinder und Jugendliche. Im Veranstaltungs-Angebot sind auch 24 Exkursionen – Führungen durch die Stadt, durchs Kölner Stadion, durch Gotteshäuser wie den Dom oder die romanischen Kirchen in Köln, aber auch durch eine Kölner Brauerei und durch Schloss Brühl.

Die jährlichen Bundeskongresse finden in immer unterschiedlichen Städten statt; ebenso zu den überregionalen Veranstaltungen zählen die Pfingsttreffen an jeweils drei Orten in Deutschland. Der Ort für die Treffen der NDer hier aus der Region ist ein Bildungshaus auf dem Bonner Venusberg.

„Die Pfingsttreffen sind etwas für die ganze Familie – viele kommen jedes Jahr“, sagt Dr. Jürgen Holtkamp, seit zwei Jahren stellvertretender Bundesleiter des Verbands ND und mit seiner Frau Monika Mitglied in einer der drei ND-Gruppen in Dülmen, die sich in der Regel einmal im Monat reihum bei einem der Mitglieder zu Hause treffen. Start der Gruppe 3 war vor elf Jahren.

Im November wird immer das Programm für das kommende Jahr besprochen – denn jeder Abend steht unter einem speziellen Thema. „Wir haben immer mehr Themen zur Auswahl als Anzahl von Treffen“, so Jürgen Holtkamp. Die Themen stammen aus den Bereichen Kirche, (Kultur-)Politik oder auch Wirtschaft. „Unser Mitglied Bernd Homann hat uns beispielsweise von seinen Erfahrungen als Kaufmann im Online-Handel und von Gepflogenheiten und Gebaren etwa der Plattform Amazon berichtet. Wir haben aber auch in Münster die Skulptur-Projekte mit dem Rad erkundet und eine August-Macke-Ausstellung sowie das Folkwang-Museum Essen besucht“, so Holtkamp. „Den Wandel im gesellschaftlichen Umgang mit Tod und Sterben haben wir thematisiert und das Krematorium Dülmen besichtigt.“ Zwei- bis dreimal im Jahr stehen speziell christliche Themen auf dem Plan, etwa Bibeltexte. „Wir haben uns aber auch schon mal unsere Lieblingsbücher vorgestellt.“

Die Themen sind vielfältig: „Mit unserer Gruppe haben wir uns mal einen Bio-Bauernhof mit Milchviehhaltung und Molkerei angeschaut“, erklärt Dr. Lothar Moschner, Mitglied einer anderen ND-Gruppe in Dülmen. Und auch das Thema Sterbehilfe wurde beleuchtet. Im Zuge dessen fand vor fünf Jahren eine öffentliche Podiumsdiskussionsveranstaltung zu dem Thema im Kolpinghaus statt, zu dem alle drei Dülmener ND-Gruppen eingeladen hatten. Und kürzlich noch hatten die drei ND-Gruppen Dr. Markus Pieper zu Gast, der als jahrelanges Mitglied des Europaparlements von dessen Arbeit berichtete.

Öffentliche Informations- und Diskussionsveranstaltungen – in Dülmen gehört das seit Jahrzehnten zu den Anliegen des ND. So hatte ND-Mitglied Ludger Hillermann 1960 die Leitung des Sozialen Seminars in Dülmen übernommen – ein Veranstaltungsformat, das es an verschiedenen Orten im Bistum Münster gab mit dem Ziel, gesellschaftliche, vor allem soziale Themen in den Blick zu nehmen. Ab 1975 leiteten Ludger Hillermann und Pfarer Klaus Hüls von der Evangelischen Kirchengemeinde Dülmen das Soziale Seminar Dülmen. Es war das erste ökumenische Soziale Seminar im Bistum Münster und in der Evangelischen Landeskirche von Westfalen. 25 Veranstaltungsreihen führte das Soziale Seminar bis 1999 durch – bis im Jahr 2000 der evangelische Pfarrer Martin Neß und ND-Mitglied Dr. Lothar Moschner die Leitung des Sozialen Seminars übernahmen. Vor ein paar Jahren hat Thorsten Bomm Pfarrer Martin Neß bei der Mitvorbereitung der drei Vortragsabende pro Jahr abgelöst.

Einen anderen Schwerpunkt – speziell religiöse und kirchliche Fragestellungen – verfolgt das 1983 gegründete Theologische Bildungswerk Dülmen, das bis 2018 von ND-Mitglied Bernhard Arens geleitet wurde und seit Gründung über 100 Vortragsveranstaltungen durchführte.

Als Christ mit beiden Beinen in der Welt stehen und sich einbringen – mit offenen Augen. Vielleicht lässt sich mit diesen Worten das Wesen des ND zusammenfassen.

„,ND' heißt Niveauvoll Diskutieren – Nah Dran – Neu Denken.’ Auch in diesen Begriffen finden wir uns wieder“, meint Jürgen Holtkamp. Als stellvertretender ND-Bundesleiter hat er ein Augenmerk darauf, das Image des ND zu modernisieren. „Bund Neudeutschland hört sich für viele antiquiert bis sehr national an.“

Daher hat der ND auch neue Infoflyer entwickelt. Unter anderem Anne Nitsche und Dr. Zita Moschner, beide ND-Aktive aus Dülmen, stellten ihre Gesichter und Statements dafür zur Verfügung. Die Rede ist nun auch nicht mehr vom „Bund“, sondern vom „Verband ND“.

Bis zu 120-köpfige Schülerschar: „Neudeutschland“-Gruppe am Gymnasium Dülmen war zeitweise größte im Münsterland

April-Treffen der Dülmener ND-Gruppe 3 – zwei Mitglieder fehlen – bei Monika und Dr. Jürgen Holtkamp zu Hause. Thema des Abends: „Gerechtigkeit“.

Lockere Runde bei Monika und Dr. Jürgen Holtkamp zu Hause im Wohnzimmer. Monatstreffen der Dülmener ND-Gruppe 3. Bei Käse, Brot, Dips und Getränken steht das Thema „Gerechtigkeit“ auf dem Plan. Gruppenmitglied Dr. Gero Hengst ist diesmal Referent und geht in seiner Darstellung der Begrifflichkeit von „Gerechtigkeit“ nach, wie sie verschiedene Philosophen aufgestellt haben – Thomas Hobbes, John Locke, Immanuel Kant. Sie alle definieren „Gerechtigkeit“ anders. Ausgehend davon steht die Frage im Raum, welche „Gerechtigkeit“ es in Deutschland gibt. Von Steuern über exorbitante Gehälter und soziale Transferleistungen des Staats geht’s bis hin zur Gurt- und potentiellen Fahrradhelmpflicht. Genügend Diskussionsstoff ...

So sieht es in den ersten Jahren des ND – des „Bundes Neudeutschland“ – in Dülmen nicht aus. Denn seit 1919, als der ND in Köln gegründet wurde, sind es speziell Schüler an Gymnasien, die zum Mitmachen eingeladen sind. So auch in Dülmen, wo der ND ab 1920 existiert – mit regelmäßigen Gruppentreffen mit Gesang und Theaterspiel sowie Wanderungen und Zeltlagern, dazu religiöse Unterweisung durch örtliche Geistliche, wie in dem 210-seitigen Buch „Das Lied vom ND – Nicht das eNDe vom Lied! Die Jugendgruppe ,Neudeutschland’ am Städtischen Gymnasium Dülmen von 1919 bis 1960“ von Wolfgang Werp zu lesen ist.

1920 führt die ND-Schülergruppe „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller auf, 1921 im Gesellenhaus Shakespeares Trauerspiel „Julius Cäsar“. Ebenso findet 1921 ein öffentliches Schauturnen der ND-Gruppe mit dem Gymnasial-Turnverein statt – mit parallelem Gesang!

1921 begehen die NDer ihr erstes münsterlandweites Sportfest in Coesfeld.

Im Laufe der 1920er Jahre veranstaltet die Dülmener ND-Gruppe Advents- und Weihnachtsfeiern und bereichert Veranstaltungen etwa der St.-Viktor-Gemeinde und des Gesellenvereins mit Beiträgen. An drei Tagen hintereinander führt der ND 1929 Lambertusfeiern durch – mit Lambertus- und Kirchenliedern, Lambertuspyramiede und Fackeln. An Pfingsten 1930 halten auf Schloss Raesfeld rund 800 Jungen aus ND-Gruppen aus ganz Westfalen ein Zeltlager ab – unter anderem mit Lagerzirkus und Gesangswettstreit. Dem Einsatz des geistlichen Leiters der ND-Gruppe Dülmen ist es maßgeblich zu verdanken, dass Graf Max von Landsberg-Velen und Gemen der ND-Bundesleitung den Hauptturm und einen Teil des Herrenhauses vom Schloss Raesfeld für 30 Jahre zur Verfügung stellt – und damit Platz für 100 Jungen.

Im November 1930 findet in der Aula des Dülmener Gymnasiums ein ND-Elternabend mit Diavortrag statt – Thema: „Das heilige Land“. Pfingsten 1933 ist bei Warendorf ein Zeltlager – 28 der 170 Teilnehmer kommen dabei aus Dülmen. Bei der Inthronisierung von Bischof Graf von Galen in Münster sind Dülmener NDer anwesend; es folgt ein Handgemenge mit der Hitlerjugend. Ab November 1933 steht der rund 30-köpfigen Dülmener ND-Schülergruppe ein eigener Raum am „Treppchen“ zur St.-Viktor-Kirche zur Verfügung – in der früheren Borromäus-Bücherei.

1934 bewerfen NS-Gruppierungen das Dülmener ND-Heim mit Steinen, und ab 1936 ist der ND von den Nationalsozialisten verboten.

1946 findet in Dülmen die Neugründung des ND statt. Die Treffen werden im Turm der Heilig-Kreuz-Kirche abgehalten; später in einem Raum im Keller des Gymnasiums. 13 Dülmener Jungen nehmen am ersten ND-Bundeszeltlager nach dem Krieg bei Warendorf teil; 1947 zählt die ND-Gruppe Dülmen 70 Jungen. Nach Altersgruppen aufgeteilt, finden in den Jahren drauf Zeltlager und Fahrradreisen statt, gemeinsam auch Maigänge. 1953 sind von den Schülern des Gymnasiums 178 Mitglied in Jugendorganisationen: 80 im ND, 25 in der katholischen und 9 in der evangelischen Pfarrjugend, 54 in der Sportjugend und 10 in anderen Organisationen. In späteren Jahren sind bis zu 120 Schüler in Dülmen Mitglied im ND; 1953 ist die ND-Gruppe Dülmen die größte im Münsterland.

1948 und in den späteren Jahren beteiligen sich Dülmener NDer an der jährlichen Werkwoche auf der Jugendburg Gemen, einige Dülmener sind 1948 beim ND-Bundeszeltlager bei Fulda mit 2 000 Jungen. Ein launiges Detektivspiel – einige Jungen dabei in Frauenkleidern – in der Dülmener Innenstadt, das Bundesfest der ND-Münsterlandgruppen in Dülmen und Coesfeld, Nikolausfeier und Christmette sind weitere Aktionen des Jahres. 1950 ist Treffen der ND-Gruppen des Münsterlands in Dülmen, im Sommer sind 100 Dülmener NDer zusammen bei einem Gruppen-Zeltlager auf Borkum.

1951 ist Treffen von 100 NDern im Kloster Gerleve, und in der teilzerstörten Heilig-Kreuz-Kirche führen Mitglieder der Theatergrupe des ND und der katholischen Mädchenorganisation „Heliand“ das Stück „Die Bürger von Calais“ von Rudolf Mirbt auf. 1952 bringt ein achtköpfiges ND-Redaktionsteam in Dülmen die erste Ausgabe der Schrift „Der Weg“ mit 120er-Auflage heraus. Es wird Karneval gefeiert und drei Mal das Singspiel „Ali Baba und die 40 Räuber“ aufgeführt. 85 NDer nehmen am 1. Mai an der Visbecker Kapelle am Gruppentag mit Messfeier, Geländespielen, Gesangswettbewerben und Marienfeier teil.

1953 erscheint die zweite Ausgabe von „Der Weg“, der noch einige weitere Male herausgebracht wird, und die NDer sammeln einen Zentner Fett für Bewohner der DDR; ein Geistlicher in Berlin gibt die Spenden weiter. Die Dülmener gewinnen beim Singwettstreit auf dem vom Coesfelder ND vorbereiteten ND-Münsterlandtag auf Kloster Gerleve – dank des musikalischen Einsatzes von Otto Groll, der später bei der Aufführung von „Der Rossdieb von Fünsing“ von Hans Sachs die ND-Kapelle dirigiert; die Pfarrcaritas St. Viktor sowie 200 ältere Gäste im Kolpinghaus sehen Wiederholungen. Anfang 1954 gestaltet ein ND-Chor unterm Dirigat von Otto Groll in Heilig Kreuz eine Messe nach byzantinisch-slawischem Ritus, die später in St. Viktor, Dortmund, Krefeld und Aachen wiederholt wird. 

Bis Anfang/Mitte der 1960er Jahre ist der ND in Dülmen aktiv; spätestens mit der Umbruchzeit Ende der 1960er Jahre ist die ND-Jungengruppe Dülmen dann aber Geschichte.

Zum Thema

Bund/Verband ND

Parallel zur Verabschiedung der Weimarer Reichsverfassung durch die Weimarer Nationalversammlung wurde der „Bund Neudeutschland“ im Sommer 1919 gegründet – als Bund von Schülern an Oberschulen und Gymnasien. Hintergrund war der Wille der Katholiken – speziell des Jesuitenordens –, nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs und dem Ende des Kaiserreichs die demokratische Nachkriegsgesellschaft aktiv mitzugestalten. Bis 1933 wuchs die Mitgliederzahl auf bis zu 21 000 an. Nach Verbot durch die Nationalsozialisten konnten nur wenige Mitglieder im Untergrund weiter aktiv sein. Nach Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg umfasste der ND auch Studierende und Ältere. Sie verstehen den Bund heute als christliches Netzwerk mit den Themen- und Aktivitätsfeldern „Christsein heute“, „Kreativkultur“, „Kritisch-intellektuell“ und „Personalgemeinde“. Es gibt ND-Ortsgruppen, die sich regelmäßig treffen, und überregionale Zusammenkünfte. So etwa seit Jahrzehnten „Werkwochen“ erst auf der Jugendburg Gemen in Borken, seit etwa 2000 im Franz-Hitze-Haus in Münster, ebenso mehrtägige regionale Pfingsttreffen sowie den jährlichen Bundeskongress. Außerdem „Burgtage“ auf den beiden als Jugendbildungsstätte geführten Burgen des ND in der Eifel und bei Stuttgart. Der ND gehört dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) an.

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