Psychische Krankheit in den Fokus rücken

Depressionen das Stigma nehmen: Mut-Tour macht Halt in Coesfeld 

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Anika Sievers und Richard Henrichs wollen mit Aktionen auf das Thema Depressione aufmerksam machen.

UPDATE [19. März, 8.30 Uhr]. Wegen des Coronavirus werden einige Etappen der Mut-Tour leider ausfallen. Das betrifft auch die Route durch den Kreis Coesfeld. Die Veranstalter überlegen derzeit, inwiefern das Event auch virtuell stattfinden kann. Spruchreif sei eine Online-Mut-Tour allerdings noch nicht. Die Veranstaltung soll im kommenden Jahr wiederholt werden. 

Die Streiflichter-Erstmeldung: 
Coesfeld. Einmal durch ganz Deutschland von Stadthagen in Niedersachsen bis Vechta oder Regensburg – und auch Coesfeld wird angesteuert: Die Kreisstadt ist zum ersten Mal offiziell Teil der Mut-Tour, deren Auftakt voraussichtlich am 20. Juni ist. Das Ziel der Radler bleibt auch beim neunten Durchgang den Umgang mit Depressionen offener zu gestalten, das Thema psychische Krankheiten in die Mitte der Gesellschaft zurücken. Ein wichtiges Thema, finden Mitorganisator Richard Henrichs und Coesfelderin Anika Sievers, die einen Selbsthilfetag zum Thema Depressionen für den 2. Mai (aktueller Stand) in Dülmen mitorganisiert.

Gemeinschaftsgefühl auf dem Tandem 

So funktioniert’s: Zwei Teams fahren mit jeweils drei Tandems – also sechs Fahrern – vom gleichen Startort Stadthagen los in zwei unterschiedliche Richtungen. Für die Gruppe der Nordroute endet die Tour in Vechta, die Radler der Südroute beenden ihre Reise in Regensburg. Insgesamt sind die Mitfahrer dann eine Woche unterwegs. 

Ein Austausch zum Thema Depression findet dabei auf zweifache Art statt. Zum einen treten die Teilnehmer untereinander in Kontakt, denn angestrebt ist, dass sowohl an Depressionen Erkrankte als auch nicht-betroffene Menschen mitfahren. Anders als häufig angenommen, geht es allerdings nicht darum, dass das Tandem jeweils aus den beiden Gruppen gebildet wird. „Durch das Tandem werden lediglich physische Unterschiede ausgeglichen und das Gemeinschaftsgefühl gestärkt“, informiert Henrichs.

Übernachtungen in Zelten geplant 

Hinzu kommt außerdem natürlich der Kontakt zu den Bürgern vor Ort. An Informationsständen stellt die Gruppe die Aktion vor und hofft mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch zu kommen. Übernachtet wird meist im Zelt – und das spontan an ganz unterschiedlichen Orten. Auch auf diese Weise werden Kontakte geknüpft. 

So zelteten die Radfahrer in der Vergangenheit schon einmal auf der Wiese von Anika Sievers, die im Coesfelder Außenbereich genug Platz zur Verfügung hat und sich auch in diesem Jahr bereits wieder auf die Tour-Teilnehmer freut. Vor allem, da die Mut-Tour erstmalig Halt in Coesfeld macht. Zwar führte die Route auch schon früher über die Kreisstadt, für dieses Jahr ist am 25. Juni aber zusätzlich eine Aktion auf dem Marktplatz geplant, um auf die Thematik aufmerksam zu machen.

Mitmachaktion von Coesfeld nach Dülmen

Richard Henrichs fährt seit der zweiten Tour jedes Jahr mit und ist inzwischen für die Streckenplanung zuständig. Früher selbst einmal von Depressionen betroffen, ist es ihm ein wichtiges Anliegen mit dem Thema offener umzugehen. Die Tour sei ein geeignetes Mittel dafür. Aber natürlich ist auch seine Leidenschaft für das Radfahren einer der Hauptgründe für die wiederholte Teilnahme. Aufmerksam geworden ist der Stadtlohner auf die Mut-Tour durch eine Adfc-Ortsgruppe.

 Immer wieder starten die Adfc-Radler auch zusammen mit den Tour-Teilnehmern Mitfahraktionen, bei der für einen kurzen Abschnitt der Strecke Radgruppen die Tandems unterstützen. Angedacht ist für dieses Jahr eine Mitmachaktion von Coesfeld nach Dülmen, nähere Planungen gibt es zur Zeit aufgrund der Corona-Krise allerdings noch nicht. Welche Orte für solch die Tour-Stopps ausgewählt werden ist immer unterschiedlich. „Es kommt auch jeweils darauf an, was für eine Bereitschaft und ein Netzwerk vor Ort vorhanden sind.“ Im Kreis Coesfeld sei dieses ausreichend vorhanden.

Selbsthilfemeile in Dülmen geplant

Auch schon vor Start der Tour wird für den 2. Mai (aktuelle Planung) in Dülmen ein Selbsthilfetag organisiert. „Wir wollen eine Selbsthilfemeile erstellen mit möglichst vielen Gruppen, die sich dort präsentieren. Wir hoffen auch, dass der Landrat vor Ort sein wird und wir eine Podiumsdiskussion zu Frauen in der Selbsthilfe auf die Beine stellen können“, erklärt Anika Sievers, die zusammen mit der Paritätische – Selbsthilfe-Kontaktstelle Kreis Coesfeld/ Kreis Borken beteiligt ist. Die Aktion soll zur Marktzeit von 10 bis 14 Uhr auf dem Dülmener Marktplatz stattfinden.

Zwei Aktionen, ein Ziel: einen Austausch über Depressionen zu ermöglichen, dem Thema das Stigma zu nehmen. Denn zufriedenstellend sei die jetzige Situation noch nicht, findet Henrichs: „Zwar wird mehr über Depressionen gesprochen, aber wenn es ums Eingemachte geht, endet meist der Diskurs.“ Auch für Anika Sievers ist weiterhin großer Verbesserungsbedarf da. „Da muss noch eine Menge passieren. Menschen mit psychischer Erkrankung sollten weder auf ein Podest gestellt werden, noch an den Rande der Gesellschaft geschoben werden, sondern mittendrin sein“, fasst sie das Anliegen zusammen. „Oft werden Menschen mit Depressionen als schwach angesehen. Sie werden als nicht belastbar bezeichnet und ihnen wird nur wenig zugetraut.“ Die Muttour beweist das Gegenteil. 

„Die Strecke abzuschließen ist ein tolles Erfolgserlebnis. Da kann jeder Teilnehmer zeigen, was er schaffen kann“, nennt Henrichs einen der Vorteile. Natürlich können jegliche Planungen zur Zeit in Anbetracht der Einschränkungen aufgrund der Corona-Krise nur unter Vorbehalt gemacht werden. Noch ist es unklar, wie die Situation in den Sommermonaten aussehen wird, die Organisatoren hoffen aber, dass ein gemeinsames Radfahren im Juni möglich sein wird. Denkbar sind allerdings auch Einschränkungen, vor allem auch, was die Mitfahreraktionen betrifft. Aktuelle Informationen zu dem Thema werden dann auf www.mut-tour.de veröffentlicht.

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