Elvis und Tina Savic träumen davon, mit ihrer Familie in Deutschland bleiben zu können

„Das hier ist unsere Heimat“

Coesfeld. Es ist früher Nachmittag, draußen weht ein frischer Wind um die Häuser.

In einem rund 24 Quadratmeter großem Zimmer sitzt Familie Savic – Mutter Tina, Vater Elvis sowie die beiden Söhne Adriano und Florian. Es könnte alles so friedlich, so normal sein. Doch dass die vier heute überhaupt hier sitzen, ist keinesfalls selbstverständlich. Die Familie hat in den vergangenen Jahren allerhand durchgemacht; eine scheinbar unendliche Geschichte, geprägt von ständiger Angst und dem Gefühl, nirgendwo sicher zu sein.

Angefangen hat alles im Frühjahr 2001. Tina Savic war 19 Jahre alt, als sie Elvis kennenlernte. Kurze Zeit später waren die beiden ein Paar. Mit der jungen Beziehung begannen die Probleme, denn Tina ist Kosovo-Albanerin und ihre muslimischen Eltern wollten nicht akzeptieren, dass ihre Tochter mit einem serbischen Roma liiert war. Was zunächst klingt wie die nicht seltenen Bedenken von Eltern gegenüber den Partnern ihrer Kinder nahm im Falle von Tina und Sven bald schon ganz andere Ausmaße an: „Wir wurden von meiner Familie bedroht, ich durfte Elvis nicht mehr sehen, ihn nicht mal anrufen. Sie haben mir sogar mein Handy weggenommen“, erinnert sich Tina. Es kam zu Handgreiflichkeiten. Einen traurigen Höhepunkt erreichte die Geschichte, als Tina von ihren Eltern zu Hause eingesperrt wurde. Mit Hilfe der Polizei konnte sie entkommen und bei der Familie ihres Freundes unterkommen. 

Auch Gerburg Schwering von der Flüchtlingsinitiative Coesfeld erinnert sich noch gut an diese Zeit. Sie kennt Elvis, seit seine Familie 1989 von Castrop-Rauxel nach Coesfeld zog. „Gemeinsam mit einem Helfer besuchte ich Tinas Familie und versuchte, zwischen den beiden Seiten zu vermitteln – leider ohne Erfolg.“ Als schließlich auch Schwering zunehmend bedroht wurde und sich das junge Paar nicht mehr aus dem Haus traute, riet ihnen ein Verwandter von Elvis zur Flucht. Aus Angst um ihr Leben stimmten die beiden zu.

Noch immer keine Ruhe

– es folgte die Abschiebung

Doch schon kurze Zeit später kehrten sie zurück nach Deutschland. „Wir hatten gehofft, dass sich Tinas Familie beruhigt hätte. Schließlich gab es inzwischen einen Enkelsohn“, erklärt Elvis. Stattdessen kam es wieder zu Drohanrufen und heftigen Versuchen, die Beziehung zu zerstören. Noch dazu wurde der Asylfolgeantrag abgelehnt – die bisherigen Aufenthalte in Deutschland hatten durch die freiwillige Ausreise an Geltung verloren.

Was dann folgte, kann sich Schwering bis heute nicht ganz erklären. „Normalerweise hätte es ein Ausreisegespräch geben müssen, in dem zur freiwilligen Ausreise aufgefordert und andernfalls die Abschiebung verordnet wird.“ Doch Elvis und Tina Savic sind sich sicher: So ein Gespräch habe es nie gegeben. Stattdessen sei es unangekündigt zur Abschiebung gekommen.

„Morgens zwischen vier und halb fünd standen sie bei uns vor der Tür. Wir hatten eine halbe Stunde zum packen, dann ging es ab zum Flughafen. Das war hart...“, sagt Elvis. Man merkt, wie nah ihm und seiner Frau die Erinnerungen gehen. Trotzdem ist es ihnen wichtig, ihre Geschichte zu erzählen. Währenddessen sitzen die beiden Jungs ganz still auf ihrem Bett. Auch für sie ist es schwer, an die Vergangenheit zurückzudenken.

Denn auch in Serbien fand die junge Familie keine Ruhe – im Gegenteil. Als Roma waren vor allem die Kinder ständigen Sticheleien und Ungerechtigkeiten ausgeliefert. „Die Kinder sind häufig weinend nach Hause gekommen. Nicht nur von den Mitschülern, sondern auch von den Lehrern wurden sie gehänselt“, sagt Elvis. „Für uns als Eltern war das unerträglich.“ Und auch für die Erwachsenen waren die Jahre in Serbien belastend. „Ich habe mich manchmal gar nicht getraut, unseren Nachnamen zu nennen, nicht mal beim Arzt“, sagt Tina.

Seit Oktober sind die Savics nun wieder in Deutschland. Seit dem geht es der Familie besser. Die Jungs gehen in die Laurentius-Grundschule, haben Freunde gefunden und machen große Fortschritte.

„Am liebsten mag ich Sachkunde. Da mussten wir Referate halten über die Bundesländer“, erklärt der elfjährige Adriano. Sein kleiner Bruder Florian (9 Jahre) mag am liebsten Kunst und Sport. Und plötzlich klappt es sogar mit Mathe ganz gut. „In Serbien war das undenkbar“, sagt die Mutter der beiden stolz. Mit vier Personen lebt die Familie derzeit auf rund 24 Quadratmetern in einem einzigen Zimmer, Küche und Bad teilen sie sich mit den anderen Bewohnern der Etage.

Der eine große Wunsch

fürs neue Jahr

Doch ob die Savics nun endlich zur Ruhe kommen und sich in Deutschland ein Zuhause aufbauen können, ist ungewiss. „Seit einigen Jahren wird ein Großteil der Asylanträge aus Serbien abgelehnt. Offiziell wird Serbien als sicheres Drittland eingestuft“, weiß Schwering. Für Roma ist das offensichtlich nicht der Fall. Und trotzdem: Im schlimmsten Fall könnte es wieder zur Abschiebung kommen.

Familie Savic hofft jedoch, dass sie bleiben darf. „Wir wollen keine Sozialhilfe. Wir wollen arbeiten, Geld verdienen, unseren Kindern Chancen bieten, die wir nie hatten.“ Elvis und Tina sind beide in Deutschland aufgewachsen, Elvis ist sogar hier geboren. Die Muttersprache der Kinder ist Deutsch. „Das hier ist unsere Heimat, nicht Serbien“, sagen beide. Der eine große Wunsch fürs neue Jahr 2015? „Wir wollen hier bleiben. Unseren Kindern eine sichere Zukunft bieten.“ 

SL-Ausgabe vom 30.12.2014

Von Tina Walter

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