China, Japan, Tomorrowland: Valentin Brunn legt als Virtual Riot vor Tausenden auf

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Die Musik von Virtual Riot bring auf der ganzen Welt Menschen zum Tanzen, wie hier bei einem Auftritt in diesem Jahr in Zacatecas in Mexico.

Los Angeles / Coesfeld. Im Keller der Coesfelder Diskothek Fabrik steht Virtual Riot alias Valentin Brunn 2012 hinter dem DJ-Pult. Der damals 18-Jährige spielt seine erste Show, präsentiert seine Musik zum ersten Mal live. Doch er macht das nicht wie für DJs üblich mit Laptop oder Turntables. Er nutzt den großen Computer, der sonst in seinem Zimmer im Haus der Eltern steht. Auch Maus und Tastatur hat er mitgebracht. Sechs Jahre und viele Shows später fliegt der DJ, der in Lembeck aufgewachsen ist und in Coesfeld Abitur gemacht hat, von seiner Wahlheimat Los Angeles für eine Show quer durch die USA nach Detroit. Im Gepäck hat er für sein DJ-Set meist nur einen USB-Stick mit seinen Tracks. Das Equipment stellen die Clubs. Tausende strömen zu den Partys, bei denen er auflegt. 16 000 Menschen tanzten zu seinem Mix bei seiner bislang größten Show in Antwerpen. Eins gilt damals wie heute: Valentin Brunn lebt für die Musik.

Dass er heute von seiner Musik leben kann, war für Valentin nicht immer klar. „Gerade am Anfang klangen die ersten Sachen, die ich produziert habe, wirklich furchtbar“, lacht der 24-Jährige. Seine Liebe zur Musik sei ihm allerdings durchaus in die Wiege gelegt. „Meine Eltern haben immer viel Musik gehört, das hat mich geprägt. Auch mein älterer Bruder ist sehr musikalisch.“ Er war es auch, der Valentin das erste Keyboard schenkte. Auf die Idee, Musik mit dem Computer zu produzieren, brachte ihn allerdings ein glücklicher Zufall. „Früher gab es in der Verpackung der Froot Loops manchmal Computerspiele oder sowas. Ich hatte damals eine Verpackung, in der eine Demo-Version von EJAY Dance4 war.“ Mit dieser DAW-Software (Digital Audio Workstation) habe er seine ersten Versuche gemacht, Musik am Computer zu mixen. „Es gab Loops mit verschiedenen Instrumenten, die alle in derselben Tonart waren. Die konnte man zusammenschieben und so ziemlich leicht einen kleinen Song bauen“, erinnert er sich.

Musiktheorie als wichtige Grundlage

Sein Leben als DJ führt Valentin Brunn unter anderem nach Japan. Bei einer Autogrammstunde in Tokio traf Virtual Riot auf zahlreiche seiner Fans.

Mittlerweile produziert Valentin Brunn, der sein Abitur auf dem Coesfelder Nepomuc-Gymnasium gemacht hat, seine Beats längst mit Profi-Software. „Ich habe mich immer weiter in die Software hineingearbeitet und habe so lange herumprobiert, bis ich bei jedem Knopf genau verstanden hatte, was er bewirkt.“ Dieses Wissen nutzt er noch heute, wenn er stundenlang an seinen Projekten herumtüftelt, immer wieder etwas Neues probiert. „Am Wochenende spiele ich in den Nächten meine Shows und bin immer unterwegs. Montags entspanne ich meistens und von Dienstag bis Donnerstag arbeite ich an meiner Musik oder drehe Youtube-Tutorials, in denen ich zeige, wie die Software funktioniert.“ Neue Musik macht er nicht nur für sich selbst. Er erstellt auch immer wieder Song-Elemente, die andere DJs nutzen können. Mit diesen Sample Packs und seinen Shows verdient er den Großteil seines Geldes.

Fragt man Valentin, wie viel Musiktheorie man für das Erstellen elektronischer Musik wirklich braucht oder ob man überhaupt ein Instrument beherrschen muss, ist seine Antwort sehr klar: „Es gibt wenige Naturtalente, die so einen guten musikalischen Instinkt haben, dass sie gar keine Musiktheorie brauchen. Aber in der Regel hilft es sehr viel, wenn man sich da auskennt oder ein Instrument spielen kann.“

Auch er habe sich erst vieles aneignen müssen. Deshalb studierte er, bevor er vor drei Jahren in die USA zog, an der Popakademie in Mannheim Musikproduktion. „Allein für die Aufnahmeprüfung musste man einiges können. Wir mussten zum Beispiel nach Gehör die Noten einer vorgespielten Melodie schreiben.“

Von der Orgel zum ersten Vertrag

Dank seiner Mutter war er darauf allerdings schon vorbereitet, bevor er überhaupt über das Studium nachdachte. „Sie hatte mich als Jugendlicher ohne mein Wissen für die Orgelschein-Prüfung angemeldet, damit ich mir mein Taschengeld durch das Orgelspielen in der Kirche aufbessern konnte“, schmunzelt Valentin. „Ich habe das dann tatsächlich gemacht und Orgel spielen gelernt. Und die Orgelprüfung war für mich ehrlich gesagt anspruchsvoller als die Aufnahmeprüfung für das Studium.“ In den Messen habe er anschließend immer wieder beim Spielen improvisiert. „Ich habe ab und an die Tetris-Melodie oder das Intro einer Anime-Serie eingebaut, damit es für mich spannender bleibt“, lacht er. „Aber stark verlangsamt, damit es niemand in der Kirche merkt.“

Auch bei einer Hausparty in Los Angeles heizt der 24-Jährige den Gästen ein.

Während seiner Schulzeit auf dem Nepomucenum lernte Valentin Brunn nicht nur seine Freundin Johanna Sparwel kennen, die ihn jetzt als Assistentin zu seinen Shows begleitet, er veröffentlichte auch immer wieder eigene Songs oder Remixe im Internet. Durch diese seien immer mehr Leute auf ihn aufmerksam geworden. Seine Karriere trieb er schon früh aktiv selbst voran. „Mit 15 fand ich die Musik, die ich produziert hatte, zum ersten Mal richtig gut und hatte den Traum, dass es von einem Label veröffentlicht wird.“ Kurzerhand suchte er sich über Wikipedia ein Label aus und schickte den Verantwortlichen seine Musik zu. „Damals habe ich einfach danach ausgesucht, welcher Label-Name mir am besten gefallen hat“, lacht Valentin. „Es hatmich total stolz gemacht, als sie meine Musik dann tatsächlich veröffentlicht haben. Den Vertrag musste allerdings noch meine Mutter unterschreiben, weil ich zu jung war.“

Umzug über den großen Teich

Dank seiner Youtube- und Soundcloud-Kanäle, die mittlerweile Hunderttausende abonniert haben, wurde der Musiker immer bekannter, seine Musik immer begehrter. „Irgendwann habe ich einen Anruf von einem Label aus den USA bekommen, das ein Album mit meinen Songs veröffentlichen wollte.“ Generell sei der Markt für seine Musik – Dubstep, laut Duden ein minimalistischer, meist instrumentaler elektronischer Musikstil mit starker Betonung des Basses – viel größer. „Deshalb bin ich auch hergezogen“, erklärt Valentin. „Es kamen immer mehr Anfragen für Shows, aber es hat sich nie gelohnt nur für einen Auftritt herzufliegen.“ Außerdem habe er schnell gemerkt, dass es wichtig ist, immer auf Abruf zu sein. „Oft wird man spontan zu Studio-Sessions mit anderen Musikern eingeladen. Wäre ich nicht hier in LA, hätte ich schon viele wahnsinnig coole Möglichkeiten verpasst.“

Auch im neuen Jahr gefüllter Terminkalender

So arbeitete er zum Beispiel schon mit seinem Idol Skrillex zusammen, der weltweit zu den erfolgreichsten DJs und Musikproduzenten gehört. Erst kürzlich hat Valentin außerdem Max Martin getroffen, der hinter vielen der großen Welthits von Britney Spears, Pink, Katy Perry oder der Backstreet Boys steckt. Mit dem international erfolgreichen deutschen DJ Zedd wird er wahrscheinlich in nächster Zukunft Musik veröffentlichen.

Einmal rund um die Welt: Zusammen mit Freundin Johanna Sparwel besuchte Valentin Brunn den Mount Fuji in Japan.

Die Weihnachtstage hat Valentin in diesem Jahr ausnahmsweise nicht in seiner deutschen Heimat verbracht. „Ich bin am 26. für eine Show nach Australien geflogen, deshalb ging das leider nicht“, bedauert der 24-Jährige. Silvester legt er in Neuseeland auf, danach geht es für ihn und seine Freundin Johanna erstmal in den Urlaub nach Thailand Energie tanken. Denn auch im neuen Jahr stehen viele Termine an –- pro Jahr spielt Valentin etwa 140 Shows. „Nach unserem Urlaub habe ich einen Auftritt in Japan, dann einen in China und dann nochmal in Australien. Aber danach geht’s erstmal wieder zurück nach L.A.“, erklärt er seinen vollgestopften Terminplan. Shows in Europa sind für das nächste Jahr auch bereits geplant. Im Juli wird er zum Beispiel auf dem weltbekannten Tomorrowland-Festival in Belgien auflegen, bei dem in jedem Jahr das Who-is-Who der Szene vertreten ist.

Die Lust an den Auftritten ist ihm bis heute noch nicht vergangen. „In Zukunft will ich viel mehr Live-Elemente in meine Shows einbauen und nicht nur die Tracks nutzen, die ich vorher im Studio produziert habe“, verrät Valentin, welche Pläne er als Virtual Riot hat.

Künstlername entstand als Jugendlicher

Virtual Riot (Virtueller Lärm) ist übrigens kein besonders durchdachter Künstlername. „Den habe ich mir ausgesucht, als ich noch sehr jung war und nicht gut Englisch konnte. Ich fand einfach, dass es gut klingt und habe mir nichts weiter dabei gedacht“, lacht er. Als er in seinem Kinderzimmer anfing, Beats zu bauen, konnte er ja kaum ahnen, dass er eines Tages um die ganze Welt fliegen würde, weil Menschen zu seiner Musik tanzen. Genau wie damals schon – bei seiner ersten Show im Keller der Fabrik in Coesfeld.

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