Bauliche Kleinode im Buch – Dr. Ludger Schröer stellt Trafohäuschen aus dem Münsterland vor

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Das Trafohäuschen am Anna-Katharinen-Stift Karthaus in Dülmen ist einzigartig in ganz Europa, so Dr. Ludger Schröer. Aber auch andere Trafohäuschen haben Alleinstellungscharakter.

Kreis Coesfeld. Als in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auch in den Bauerschaften des Münsterlands die Elektrifizierung in Angriff genommen wurde, entstanden allein im Kernmünsterland hunderte Transformatorenhäuschen. In ihnen kamen die überland in sieben Meter Höhe gezogenen 10000-Volt-Kabel an – und von ihnen aus erfolgte die Versorgung der Kunden mit herunter transformiertem Strom. Im Zuge der Verlegung vieler Stromkabel in die Erde wurden viele der Trafohäuschen nicht mehr als Umspannstation benötigt und wurden – besonders stark in den 1970er und 1980er Jahren – abgerissen.

Ein Blickfänger ist auch dieses Trafohäuschen in Seppenrade-Ondrup an der B 474.

Über 100 der übriggebliebenen Trafohäuschen hat Dr. Ludger Schröer aus Lüdinghausen vor Ort aufgespürt und über sie und ihre Bau- und Nutzungsgeschichte ein 176-seitiges großformatiges Buch verfasst. 250-fach gedruckt, ist das Werk „Wiederentdeckt. Historische Transformatorenstationen im Münsterland“ nun für 25,90 Euro im Buchhandel, aber auch beim Autor (lu.schr@ gmx.de) und beim Zentrum für historische ländliche Baukultur im Münsterland e. V. (www.historische-baukultur-muensterland.de) erhältlich. Es ist das Ergebnis einer zweijährigen Arbeit mit viel Recherche in Literatur sowie auch in Stadtarchiven, bei Unteren Denkmalbehörden und historischen Firmenarchiven wie etwa der RWE.

Fast wie ein Hochbunker: Trafohaus in Rosendahl-Midlich.

„Die Entstehungsgeschichten vieler Trafohäuschen sind spannend. Denn in ihnen spiegelt sich der Einfluss der Heimatschutzbewegung in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wider. Die sah es kritisch, dass Industriebauten wie die Trafohäuschen in die Landschaft gesetzt werden – man sah in ihnen eine Verschandelung. Daher forderten die Akteure der Heimatschutzbewegung – vielfach Architekten –, dass sich die Trafohäuschen – wenn sie denn schon entstehen mussten – in ihrer Bauweise der Umgebungsbebauung anpassen müssen. Auch ein Steildach war Pflicht“, fasst Dr. Ludger Schröer zusammen.

Mit markant-modernen Kontrasten wirkt dieser Turm in Havixbeck-Hohenholte.

Was aus dieser Forderung wurde, zeigt sich unter anderem am Trafohäuschen in Dülmen-Weddern/Karthaus: Es wurde 1927 aus Sandstein errichtet und hat bei der Tür und den Fenstern Ziegelstein-Einfassungen. Damit greift der Turm auf die in der Nachbarschaft verwendeten Baustoffe zurück – das Ziegelmauerwerk und die Sandsteineinfassungen beim nahen Anna-Katharinen-Stift, das damals bereits stand. Und auch auf die Wandbaustoffe von Gebäuden der Domäne Karthaus. „Ich gehe davon aus, dass es so ein Trafohäuschen wie beim Anna-Katharinen-Stift in ganz Europa nicht noch einmal gibt“, meint Dr. Ludger Schröer. Ebenfalls – aber schlichter – aus Naturstein gebaut wurde ein Trafoturm im Raum Havixbeck-Nottuln. „Ich habe ein Foto von 1988 davon bekommen, den Turm aber nicht gefunden. Vielleicht weiß ja jemand, wo das Foto entstanden ist?“, so Dr. Ludger Schröer.

Inmitten von Wohnbebauung steht dieser Trafoturm in Nottuln.

Sowieso ist manch ein Trafohäuschen inzwischen eine einzigartige bauliche Rarität, die aus kulturgeschichtlicher Sicht erhalten werden müsste. Allerdings stehen gerade einmal zehn Prozent der Trafohäuschen unter Denkmalschutz. „90 bis 95 Prozent der bis dato existierenden Trafohäuschen im Münsterland sind noch in Betrieb. Aber auf Dauer wird das komplette Münsterland über Erdkabel mit Strom versorgt sein“, so Dr. Ludger Schröer. „Und dann?“ Viele Trafohäuschen werden dann – wie viele andere schon – voraussichtlich abgerissen werden – es sei denn, dass es Initiativen zum Erhalt der Türme gibt.

Beispiele für Nachnutzungen von Trafohäuschen führt Dr. Ludger Schröer in seinem Buch auch an. So etwa mit einem Elektrizitätsmuseum in einem Trafohäuschen in Schermbeck-Damm. Oder einem Mausefallenmuseum in Wallenhorst bei Osnabrück. Oder auch die Nutzung von Trafohäuschen für Naturschutz-Zwecke. „Der Eigentümer Westnetz ist relativ aufgeschlossen und hat Türme schon für einen Euro abgegeben – am liebsten an Initiativen“, so Dr. Ludger Schröer. Es gibt aber auch Privatleute, die Trafohäuschen – etwa im eigenen Garten – übernommen haben.

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