Auch Rallyeteilnahmen stehen auf dem Programm 

Abenteuer Oldtimer-Restaurierung: Welche Liebe Clemens Heddier zu alten Fahrzeugen hat

+

Lette/Dülmen. „Wenn’s sein müsste, könnte ich während der Fahrt Ölwechsel machen“, sagt Clemens Heddier und zeigt im Motorraum seines FN 2700 auf den Tank, in dem sich mehrere Liter Motoröl befinden. „Ich muss vom Armaturenbrett aus nur Öl ablassen und dann neues Öl nachlaufen lassen.“ Nicht nur dieser Ölwechsel-„Gimmick“ macht den FN 2700 zu einer Rarität. Auch sonst weiß Clemens Heddier eine Menge über das 1914 gebaute Fahrzeug zu berichten, mit dem er und seine Frau Claudia am Samstag, 7. September, an der Benefiz-Oldtimer-Tour „Emscher-Berkel-Rallye – Grenzenlos für den guten Zweck“ teilnehmen wird.

„Anfang des Ersten Weltkriegs ist der Wagen in der Fabrique Nationale d’Armes de Guerre gebaut worden – einer belgischen Rüstungsfirma, die von 1899 bis 1939 auch Autos herstellte. Von den einst 197 Fahrzeugen vom Typ FN 2700 RA II existieren inzwischen weltweit nur noch drei“, so Clemens Heddier.

1914 in Lüttich gebaut, ging das Fahrzeugchassis 1920 – wohl geordert vom argentinischen Militär – über den Atlantik. In Buenos Aires erhielt das Fahrzeug eine Karosse, die sieben Personen Platz bietet. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Atillo Santiago Porretti, ein bekannter U-Boot-Kapitän, Besitzer. 2013 konnte Clemens Heddier das Fahrzeug vom Präsidenten des FN-Clubs in Deutschland kaufen.

Das Fahrzeug zu starten ist eine richtige Prozedur

Auch der BO 175 Open Tourer (1909) aus der Fabrikation des Anfang des 20. Jahrhunderts größten Automobilunternehmens De Dion-Bouton steht in Lette im Showroom von Heddier Electronic. Ein Auto mit viel Messing und mit karbidgas-betriebener Frontbeleuchtung.

Um den FN 2700 zu starten, ist eine richtige Prozedur nötig: Benzinhahn aufdrehen, Zündung anschalten, den Vergaser fluten und dann den Anlasser betätigen. Manuell zu steuern ist dann nicht nur die „Fettheit“ des Gas-Luft-Gemischs vor allem beim Warmlaufen, sondern auch der Zündzeitpunkt – sonst gibt es Fehlzündungen. „Es kommt nicht von ungefähr, dass viele Autos früher von Chauffeuren gefahren wurden. Die hatten auch die richtige Kraft in den Beinen, notfalls stark genug auf die Bremse zu treten.“ Gebremst wurden nur die Hinterräder, und Bremskraftverstärker gab es nicht.

Bei der Rallye am 7. September bilden Clemens Heddier und seine Frau Claudia ein Team: Er sitzt am Steuer, sie hat das Roadbook im Blick. „Eine gute Arbeitsteilung“, meinen die beiden, die schon seit den frühen 1990ern das Hobby Oldtimerfahren pflegen. „Kurz nach unserem Kennenlernen waren wir in Dülmen auf dem Marktplatz bei einer Oldtimer-Veranstaltung. Da entschlossen wir uns, auch in dieses Hobby einzusteigen“, so die beiden.

Mit einer „Pagode“ fing alles an

„Ein Bekannter aus Coesfeld besorgte uns Ende 1992 einen Mercedes 280 SL ,Pagode’ aus Kalifornien, die ich ein wenig restaurierte. Als unsere Kinder kamen, brauchten wir für unsere gemeinsamen Ausfahrten mehr Platz – alleine zu fahren macht ja keinen Spaß. Die Pagode kam weg, und wir legten uns einen Citroën 11 CV zu – diese bekannte Gangsterlimousine“, blickt Clemens Heddier zurück.

Im Urlaub ging’s häufig mit dem Wohnmobil nach England, und so ergab es sich, dass dort ein Rover P4 von 1962 gekauft wurde. „Der Wagen war einen Tag vor meiner Geburt erstmals zugelassen worden – auch das machte mir die Sache interessant“, so Clemens Heddier.

2000 Stunden in Rover P4 hineingesteckt

An die fünf Jahre und über 2000 Stunden seiner Freizeit investierte Clemens Heddier in die Restaurierung des Rover P4 – 1999 dargestellt in einem mehrseitigen Bericht in der Fachzeitschrift „Oldtimer Praxis“. „Ich restauriere viel lieber Autos, als dass ich sie besitze oder fahre. Daher habe ich den Rover viel zu wenig bewegt, so dass die Gummi- und Kunststoffteile litten – beispielsweise wurde die Membran der Benzinpumpe porös. Mit anderen Worten: Die Autos stehen sich bei mir kaputt.“

Spezialisierung auf Vorkriegs-Fahrzeuge

Auch der BO 175 Open Tourer (1909) aus der Fabrikation des Anfang des 20. Jahrhunderts größten Automobilunternehmens De Dion-Bouton steht in Lette im Showroom von Heddier Electronic. Ein Auto mit viel Messing und mit karbidgas-betriebener Frontbeleuchtung.

Er zog Konsequenzen und schwenkte um auf Fahrzeuge aus der Zeit vor den Weltkriegen ohne porös werdende Gummibauteile: Er restaurierte einen Berliet (Frankreich) VIL von 1932, einen Hudson Super Six (USA) von 1918, den Fabrique Nationale 2700 (Belgien/Argentinien), einen Cadillac Landaulet Coupé (USA) von 1914 und einen De Dion-Bouton B.O. 175 (Frankreich) von 1909 – das wohl einzige noch existierende Originalfahrzeug dieser Serie. Neben fachgerechter Restaurierung geht es immer auch darum, die Fahrzeughistorie zu recherchieren.

„Stachelschwein“ oder „Igel“

Aktuelles Projekt von Clemens Heddier ist die Rekonstruktion des ursprünglichen Karosserie-Aufbaus dieses „Knox Waterless“ aus dem Jahr 1903.

Aktuelles Projekt ist die Restaurierung eines Knox Waterless (Wasserlos) von 1903 aus den USA. „Das Besondere hieran ist der liegende Zylinder. Statt Kühlrippen, wie es später im Motorenbau üblich wurde, wurden damals 1500 Löcher von außen in die Zylinderbüchse gebohrt, Gewinde in die Löcher geschnitten und 1500 Gewindestangen eingeschraubt, die die Verbrennungswärme abführten. Daher wurde der Motor auch ,Stachelschwein’ oder ,Igel’ genannt“, schmunzelt Clemens Heddier. Ein kleiner Ventilator fächelt dem „Stachelschwein“ Frischluft zu.

Bedeutende Besonderheit des Fahrzeugs ist der luftgekühlte Einzylinder-Motor: 1500 kurze Gewindestangen sind in den liegend eingebauten Zylinder geschraubt, so dass der Motor genügend gekühlt wird. „Altes Stachelschwein“ und „Igel“ nannten Zeitgenossen diese Konstruktion.

Anspruchsvolles Projekt bei diesem Knox Waterless ist nun der originalgetreue Neuaufbau der Karosserie. „Als wir das Fahrzeug bekamen, hatte es eine nachträglich angebaute Pritsche. Damit ist der Knox aber nie aus der Fabrik gekommen“, so Clemens Heddier. Daher gilt es für ihn nun, eine originalgetreue Karosserie nachzubauen.

Analyse von Fotos ergibt Neubau-Proportionen

„Es gibt aber keine Maßzeichnungen oder Pläne – wohl aber mehrere Dutzend Fotos von Knox-Waterless-Fahrzeugen. Über computerunterstützte Maßanalysen dieser Fotos lassen sich Proportionen nachermitteln. Anhand dieser Daten baue ich dann die Karosserie nach. Dabei hilft mir auch CNC-Frästechnik“, so Clemens Heddier. „Und beim Promenaden-Trödelmarkt in Münster gucken wir nach alten Messingscharnieren.“

Dreh-/Fräsbank zum Bau von Metallersatzteilen, Sandstrahlkabine, Entfettungs-Tisch – die Ausstattung seiner Oldtimer-Werkstatt in Lette hilft Clemens Heddier, seine Restaurierungsprojekte umzusetzen.

Und natürlich eine professionelle Ölwechsel-Wanne. Von daher kommt er bei der Rallye im September nicht in die Verlegenheit, während der Fahrt bei seinem FN 2700 das Öl zu wechseln. „Da würde ich eine kilometerweite Ölspur legen – undenkbar“, schmunzelt er. Im Militäreinsatz im weiten Argentinien der 1920/30er Jahre hat man das sicher anders gesehen ...

Zum Thema

Benefiz-Rallye

Am 7. September sind Dutzende schöne Oldtimer bei der Emscher-Berkel-Rallye zu erleben. Ein paar Startplätze sind noch frei. Infos und Anmeldung unter www.emscher-berkel-rallye.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare