Interview

Braucht es einen Führerschein für E-Scooter? Das sagt Experte

Seit Mitte Juni sind E-Roller auf deutschen Straßen zugelassen - viele Fragen scheinen aber noch unbeantwortet. Das sagt ein Experte für Mikromobilität über den Einsatz von E-Scooter.

Schon seit über 20 Jahren beschäftigt sich Wim Ouboter mit Mikromobilität. Der 59-jährige Schweizer baut mit seiner 1998 gegründeten Firma Micro Mobility Systems inzwischen über 50 verschiedene Mobilitätsprodukte. Wir sprachen mit ihm über die Vor- und Nachteile sowie über Gegenwart und Zukunft der E-Scooter.

Experte spricht über Vor-und Nachteile sowie Umweltfreundlichkeit von E-Scootern

Volker Pfau: Wie verändern E-Scooter den Nahverkehr in Städten? 

Wim Ouboter: Die E-Scooter entlasten die öffentlichen Verkehrsmittel speziell für kurze Strecken und sie nehmen Uber einen Teil des Umsatzes weg.

Welche Vorteile haben sie, welche Nachteile? 

Ouboter: Ganz generell haben E-Scooter sehr viele Vorteile: Sie sind günstig, schnell und bieten ein besonderes Fahrerlebnis. Wenn es ein eigener E-Scooter ist, kommt noch die portable Mobilität hinzu. Einfach zusammenfalten und ins Büro oder die Wohnung mitnehmen. Nachteile entstehen vor allem dann, wenn zu viele E-Scooter die Gehwege blockieren oder die Nutzer die Fahrzeuge nicht korrekt benutzen. Ein weiterer Nachteil ist, dass sie keinen Wetterschutz bieten, aber dann geht es eben damit ab in die Öffentlichen.

Kann man als Verleiher E-Scooter ein gewinnbringendes Unternehmen betreiben? 

Ouboter: Das Verleih-Modell lässt sich nur quersubventionieren und ist aus meiner Sicht langfristig kein Geschäft. Aber es ist eine gute Geschichte für eine Firma, die an die Börse will.

Wie umweltfreundlich sind E-Scooter (unter Berücksichtigung von Herstellung, Unterhalt, Entsorgung)? 

Ouboter: Ein eigener E-Scooter verbraucht wenig Energie und ist nicht nur in der Produktion, sondern auch im Gebrauch sehr nachhaltig. Wichtig ist es aber eine Marke zu kaufen, die auch Service anbieten kann. Sonst wird es schnell zu einem Wegwerfprodukt. Miet-Scooter sind in Sachen Nachhaltigkeit eher kritisch zu sehen, da sie nicht allzu lange genutzt werden und außerdem nachts zum Aufladen mit herkömmlichen Fahrzeugen eingesammelt werden.

Welches ist die scooterfreundlichste Stadt in Europa? 

Ouboter: Meiner persönlichen Erfahrung nach München, wenn es die "Velo-Kamikaze" nicht geben würde. Gleich danach kommt Zürich, die Stadt hat die schönsten ebenen Fahrbeläge hat und kein Kopfsteinpflaster welches das Fahrvergnügen trübt.

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Mikromobilität - Chancen und Hindernisse

Wie weit ist Deutschland im Vergleich mit anderen Staaten in Bezug auf die Mikromobilität? Was ist gut, was könnte besser sein? 

Ouboter: Es hat in Deutschland sehr lange gedauert bis die Mikromobilität Einzug gehalten hat. Nun ist wichtig, diese neue Art der Mobilität nicht mit zu vielen Einschränkungen und Vorschriften im Keim zu ersticken. Ich persönlich finde ja schon ein Nummernschild etwas lächerlich, aber das liegt vielleicht daran, dass ich seit mehr als 20 Jahren mit einem Scooter unterwegs bin.

Haben E-Scooter eine Zukunft oder wird es bald ein anderes Antriebskonzept geben? 

Ouboter: Nein, für einen E-Scooter ist Elektro der beste Antrieb. Aber es geht natürlich auch mit Muskelkraft. Der E-Scooter oder das E-Kickboard helfen, diese Gattung von Mobilität cool und salonfähig zu machen.

Welche Formen der Mikromobilität sind für den Bereich der Vorstädte möglich? Kann es auch im ländlichen Bereich Mikromobilität geben? 

Ouboter: Strecken unter 5 km sind ideal für einen E-Scooter, das kann der Weg zur nächsten Bushaltestelle in der Stadt oder zum Bahnhof auf dem Land sein, ebenso wie für große Areale wie Firmengelände oder Flughäfen. Egal wo die E-Scooter zum Einsatz kommen: Die Menschen sind dreimal schneller unterwegs und daher effizienter.

Was sind die größten Hindernisse bei der Weiterentwicklung der Mikromobilität: Gesetze, Kosten, Technik? 

Ouboter: Gesetze, die über das Ziel hinaus schießen. Es ist doch nur ein Tretroller mit einem kleinen Motor und kein tonnenschweres SUV mit Luftverschmutzermotor. Technik und Kosten stellen aus meiner Sicht kein Hindernis dar. Wir haben ausgerechnet, dass sich ein eigener E-Scooter für Pendler schnell rentiert. Ein eigener E-Scooter wie ihn BMW, Mercedes oder Audi zusammen mit ihren Autos anbieten oder direkt vom Hersteller wie z.B. Micro ist immer noch die beste Lösung und viel nachhaltiger als die Mietroller, die die Gehwege versperren. Portable Mobilität wird – wie es das Wort schon sagt – mitgetragen in die Wohnung, das Büro oder das Auto.

Ist es sinnvoll, die Vorschriften für E-Scooter zu verschärfen und einen Führerschein zu fordern, um die Fahrt sicherer zu machen? 

Ouboter: Schulung ist auf jeden Fall sinnvoll. Das gilt für E-Bikes ebenso wie für E-Scooter. Aber bevor es dafür einen Führerschein braucht, sollte eher die Geschwindigkeit auf den deutschen Autobahnen mal hinterfragt werden. Ein Führerschein ist aus unserer Sicht auf keinen Fall notwendig.

Interview: Volker Pfau

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