Zehn Bücher, die uns auffielen bei der 69. Frankfurter Buchmesse

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Typisch 80er Jahre: Das Gartenidyll mit Windmühle nahm der Fotograf Reinhard Krause 1984 in Essen-Karnap auf. Wir entnehmen die Aufnahme dem schönen Band „Woanders is auch scheiße“ (siehe nebenstehende Besprechung).

FRANKFURT - Immer größer, immer schöner, glaubt man den Veranstaltern, geht es mit der Frankfurter Buchmesse nur bergauf. 7300 Aussteller sind bei der 69. Ausgabe am Main. Aber dazu gehören eben auch viele literaturferne Einrichtungen wie das Tourismusbüro von Freiburg, Winzer und Salami-Produzenten in der Gourmet-Meile und die deutsche Bundesbank, die wenigstens für eins der begehrtesten Druckerzeugnisse überhaupt zuständig ist: Euro-Scheine. Und wichtige Häuser wie Steidl (der Verlag von Günter Grass) fehlen. Aber es gibt noch Lektüre satt. Hier sind wieder zehn Bücher, die uns auffielen. Der Buchhändler Ihres Vertrauens besorgt sie gern, wenn er sie nicht ohnehin auf Lager hat.

1Mehr Sommerglück geht kaum. Umgeben von einem gut gepflegten Zierblumendschungel sitzt das Paar im Garten in Essen-Karnap, 1984. Man hat viel Liebe investiert, wie die große Windmühle zeigt. Und doch zeugt Reinhard Krauses Bild von einer bescheidenen Selbstzufriedenheit, die neidisch machen kann. „Woanders is auch scheiße“ heißt der opulente Band mit rund 200 Aufnahmen aus dem Ruhrgebiet der 1980er Jahre. Nicht nur der Titel ist ein Zitat von Frank Goosen, der Bochumer Autor steuerte auch ein erinnerungsschweres Vorwort bei. Im Zentrum aber stehen die vielen Fotos, die Krause, geboren 1959 in Essen, später Reporter für die Nachrichtenagentur Reuters, zwischen Hamm und Moers machte. Die Negative hat Krause dem Ruhrmuseum in Essen geschenkt. Am Mittwoch, 18. Oktober, 17.30 Uhr, werden sie dort vorgestellt. Der Fotograf und Frank Goosen sind anwesend. Man findet in dem Buch viel Typisches und viel Skurriles, Spielmannszüge beim Schützenfest, rauchende Stahlhütten, Wühlerei am Kaufhausgrabbeltisch, die misstrauische alte Dame in der Straßenbahn, einen Opa auf Rollschuhen, knutschende Pärchen, Szenen am Kneipentresen. Die Fotos fand Krause in Umzugskartons wieder. Wilfried Bienek sucht in den Bildzeilen zu sehr die Pointe, und etwas Ordnung hätte auch nicht geschadet (warum sind die Fotos von der Eröffnung des Pink Palace quer durch den Band verstreut?). Den Reiz des Bandes schmälert das kaum. Er löst tatsächlich Erinnerungen ohne Ende aus an ein „quietschbuntes, neonfarbenes Jahrzehnt“ (Goosen), das bei allen Krisen doch von einer naiven Lebensfreude erfüllt war.

Reinhard Krause: Woanders is auch scheiße. Emons Verlag, Köln. 240 S., 35 Euro

2Auf dem Bauernhof nimmt der Wachhund den Fuchs nicht ernst, das Kaninchen nicht und das Ferkel nicht und die Hühner schon gar nicht. „Der böse große Fuchs“ in der Graphic Novel des französischen Zeichners Benjamin Renner ist nicht besonders helle. Und er sucht sich den falschen Freund. Der Wolf schlägt vor, dass der Fuchs drei Eier klaut, weil aus ihnen Küken schlüpfen, die zu Hühnern heranwachsen, die sie verschlingen können. Der Diebstahl gelingt, schon weil dem Fuchs niemand etwas zutraut. Aber dann geht die Sache richtig schief. Die Schlüpflinge sehen im Fuchs nämlich ihre Mama. Und er entwickelt Gefühle für die süßen runden Dinger. Nur der Wolf will auf seinen Anteil nicht verzichten. So entwickelt sich das Drama um drei Kinder, die als Futter starten, aber bald so geliebt werden, dass der Ei-Napper maskiert zum Elternabend geht. Ein herrlich komisches Abenteuer mit immer neuen Verwicklungen, überwiegend in kleinen Einzelvignetten erzählt, mit einem intriganten Wolf, wehrhaften Hühnern und einem Titelhelden, den man nur ins Herz schließen kann.

Benjamin Renner: Der böse große Fuchs. Deutsch von Benjamin Mildner. avant-verlag, Berlin. 192 S., 25 Euro

3Ohio Blue Tip sind für Ron Padgett „Die schönsten Streichhölzer der Welt“. Und die zünden bei dem 1942 geborenen US-Lyriker ein Liebesgedicht: „… ich / wurde die Zigarette und du das Streichholz oder ich / das Streichholz und du die Zigarette, entflammt / zu Küssen, die himmelwärts verglühen“. Padgett hat von der Beat Generation um Jack Kerouac und Allen Ginsberg gelernt. Er hat 1970 Rolf Dieter Brinkmann in Köln besucht und ihn bei einem Übersetzungsprojekt beraten. Vor allem war er ein Autor eigenen Ranges, der aus unterschiedlichsten Motiven dichtet: Der Zeichentrickspecht Woody Woodpecker hat ebenso seinen Auftritt wie Goethe oder die großen französischen Dichter Rimbaud und Apollinaire, ihn inspiriert eine Tasse Earl Grey Tee und die Olivetti Schreibmaschine, er denkt über den Materialismus nach („Karl Marx / Ar ar“) und lässt im Langgedicht „Musikstunde“ Mozart auf Händel treffen, vermittelt durch den Hypnotiseur Mesmer. Das ist ebenso realitätsgesättigt wie phantastisch, oft voller Humor. Übersetzer Jan Volker Röhnert steuerte ein informatives Nachwort zu dieser ersten Werkauswahl in deutscher Sprache bei.

Ron Padgett: Die schönsten Streichhölzer der Welt. Deutsch von Jan Volker Röhnert. Dieterich‘sche Verlagsbuchhandlung, Mainz. 288 S., 22 Euro

4Der Titel „Blümchensex“ weckt Erwartungen, die der britische Autor Michel Allaby erfüllt. Tatsächlich geht es um die Vermehrung von Mädesüß, Feigen, Farnen. Und Blütenpracht ist laut Allaby „eine gewaltige, schamlose Zurschaustellung von Sexualorganen“. Der launige Ansatz des Pflanzenpornos hat die Funktion des Nektars in der Blüte: Er soll locken. Das mit historischen Pflanzendarstellungen bebilderte Buch ist eine seriöse Darstellung der Lebensweise von Pflanzen. Sex hat laut Allaby den Vorteil, dass vorteilhafte Mutationen eher die Chance haben, sich durchzusetzen, weil sich Gene mischen. Sex beschleunigt die Evolution. Spannend erzählt Allaby von den 31 Geschlechtern der Papaya-Pflanze, von der Jungfernzeugung beim Löwenzahn, von der Bestäubung durch Schnecken, von Alkohol-brauenden Pflanzen und Opium-süchtigen Wallabys in Australien, und vom Nutzen von Pflanzen für menschlichen Sex. Zum Beispiel gibt es in Vorderindien Vanda tessellata, deren Blüten einen Tee mit der Wirkung von Viagra ergeben.

Michel Allaby: Blümchensex. Delius Klasing Verlag, Bielefeld. 240 S., 29,90 Euro

5Vielleicht kann nur eine Niederländerin so ein Buch schreiben: Annemieke Hendriks widmet sich den „Tomaten“. Ihre Reportage handelt nicht von Rezepten. Und sie weigert sich, etwas zum Geschmack zu sagen, obwohl sie auf den Mythos der aromafreien Wasserbomben aus holländischen Treibhäusern eingeht. Allerdings klärt sie auch da auf: Kälte tötet die Tomate, zumindest geschmacklich. Wenn also eine Supermarktkette zwischendurch die Früchte kühlt, liegt es jedenfalls nicht an der Herkunft, wenn dem Kunden das Produkt nicht mundet. Hendriks arbeitet minutiös die Gerüchte und Irrtümer um eins der meist verbreiteten Nahrungsmittel ab. Sind „deutsche“ Tomaten die besten, oder italienische, spanische, polnische? Gibt es „Gen-Tomaten“? Nein, die Versuche vor Jahren wurden eingestellt, weil es billiger ist, konventionell zu züchten. Und Holland exportiert mehr Tomaten nach Italien als umgekehrt. Gewachsen sind viele aber in Spanien. Die Holländer sind nur die Dealer.

Annemieke Hendriks: Tomaten. be.bra Verlag, Berlin/Brandenburg. 288 S., 18 Euro

6„Was trinken wir? Alles!“ Der Titel des kleinen, schönen Bändchens ist ein Zitat von Brigitte Reimann, die Wodka als „literarisches Produktionsmittel“ ansah. Verlegerin Britta Jürgs hat in dem Buch Texte von trinkenden Frauen zusammengestellt, manchmal kurze Klare wie von Reimann, manchmal Längeres wie die Erzählung vom „gräflichen Milchgeschäft“ von Franziska von Reventlow. Und wer weiß schon, dass Äbtissin und Kräuterheilerin Hildegard von Bingen vor allem im Winter zum Genuss von Wein und Bier riet? Mehr als 1000 Jahre alkoholgeschwängerte Literatur kommen da zusammen, und immer wieder bezaubern Geistesblitze wie Irmgard Keuns Beschreibung von Danziger Goldwasser: wie ein „Tango im Glas“.

Britta Jürgs (Hg.): „Was trinken wir? Alles!“ Aviva Verlag, Berlin. 123 S., 18 Euro

7Es gibt Lebensfragen, die verlangen nach mehr als einer Antwort. Diese Erkenntnis führte Thomas Böhm vom Verlag Das kulturelle Gedächtnis zur Erfindung einer neuen Buchform: Gegenschuss. Dabei werden jeweils zwei Texte gekoppelt, in einer ebenso schönen wie praktischen Gestaltung. Der aktuelle Band handelt vom Erfolg im Leben. Der Jurist, Schauspieler und Romancier Erich Wulffen zum Beispiel befasst sich in seiner 1923 erstmals erschienenen Abhandlung „Der Hochstapler“ mit vielen Formen unredlichen Erwerbs – Erpresser, Heiratsschwindler, auch literarische Diebe. Wendet man das Buch, findet man einen zweiten Titel, Oswald Bauers Studie „Der ehrbare Kaufmann“, in der er schon 1906 zusammentrug, wie man mit Fleiß, Redlichkeit, Sparsamkeit, Ehrlichkeit vorankommt. In der Konfrontation entfalten diese beiden historischen Texte eine wunderbare Aktualität, so beschreibt Bauer schon vor mehr als 100 Jahren die Symptome des Burn-Out.

Erich Wulffen: Der Hochstapler/Oswald Bauer: Der ehrbare Kaufmann. Gegenschuss, Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin. 256 S., 22 Euro

8 Was treibt diesen Joseph Weynberg mehr an – die Erinnerung an seine tote Geliebte Hedy oder das Portobin, das den Schweiß treibt und sein Herz rasen lässt? Von einem der wirklich Mächtigen in der Stadt bekommt er den Auftrag, eine Frau aufzutreiben, Maude Anandin. Und die sieht wie ein Klon von Hedy aus. Es gibt Leichen. Maude und Weynberg fliehen. Hendrik Otrembas Roman „Über uns der Schaum“ um den unglücklich verliebten, drogensüchtigen Privatdetektiv ist eine Hommage an den Hard Boiled Thriller und an die série noire. Der 1984 in Recklinghausen geborene Autor, jetzt Literaturdozent an der FH Münster und Sänger der Band Messer, nutzt reichlich die genretypischen Versatzstücke aus Sex und Gewalt, Schlägereien, Schießereien, Verfolgungsjagden. Nur dass er sein Buch in einer postapokalyptischen Szenerie ansiedelt, wo der Regen giftig ist und die Ordnung verloren ging.

Hendrik Otremba: Über uns der Schaum. Verbrecher Verlag, Berlin. 277 S., 22 Euro

9David Hilpert (1862– 1943) ist heute außerhalb der Fachkreise der Mathematik unbekannt. Aber zu Lebzeiten war er geradezu ein Pop-Star seines Fachs. Er verblüffte 1900 bei der Weltausstellung in Paris mit einem Vortrag, der 23 ungelöste Probleme der Mathematik aufzählte, was Generationen von Wissenschaftlern eine Arbeitsrichtung vorgab. Er rechnete mit Albert Einstein in Göttingen die Formeln zur Allgemeinen Relativitätstheorie durch, 1915, mitten im Weltkrieg. Er förderte Frauen wie die geniale Emmy Noethen, der als Frau, Sozialistin und Jüdin eine Professur lange versagt blieb. In dem Zusammenhang fiel auch der Satz, der der überaus lesenswerten Biografie von Georg von Wallwitz den Titel gab: „Meine Herren, dies ist keine Badeanstalt“. Der studierte Mathematiker von Wallwitz schreibt so, dass auch Laien das Buch verstehen, fachliche Feinheiten steckt er in eigens gekennzeichnete Fußnoten. Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, zerstreuten sich die jüdischen und linken Schüler und Wegbegleiter Hilberts in alle Welt, und halfen wie zum Beispiel Johann von Neumann bei der Entwicklung der Atombombe.

Georg von Wallwitz: Meine Herren, dies ist keine Badeanstalt. Berenberg Verlag, Berlin. 256 S., 25 Euro

10 Dieses Buch, sagt Georg Stefan Troller, sei sein Vermächtnis. Der legendäre Reporter, der unter anderem das Pariser Journal für den WDR drehte und die Personenbeschreibung für das ZDF, hat zwischen 1953 und 1956 hunderte Fotos in den Vororten von Paris gemacht, in Belleville, Ménilmontant und der Butte aux Cailles. Er hielt die Aufnahmen für verschollen, jetzt hat seine Tochter sie gefunden. Nun ist eine stimmungsvolle Auswahl mit gänzlich unglamourösen Szenen aus diesen Randvierteln im Buch „Ein Traum von Paris“ zu sehen, Clochards an der Seine, Damen in der Kneipe, Momente mit geradezu dörflicher Anmutung, verwitterte Mauern, ärmliche Menschen, viele davon lächelnd. Dazu gibt es Texte, die Troller, wie er im Vorwort schreibt, selbst nicht mehr hatte, die seine Töchter aus dem Internet holten. Da begegnet man dem Erdnusshändler, der in Algerien zum Führer des Befreiungskampfs avanciert und am Ende doch wieder auf den Straßen von Paris landet. Und der Sängerin Barbara und vielen anderen, denn Troller suchte stets die Begegnung mit den Menschen.

Georg Stefan Troller: Ein Traum von Paris. Corso im Verlagshaus Römerweg, Frankfurt. 176 S., 19 Euro

Quelle: wa.de

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