Winkelmanns „Jede Menge Kohle“ im Grillo-Theater essen

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Zukunftspläne für zwei: Ulli (Silvia Weiskopf) und Katlewski (Jörg Malchow) in der Uraufführung des Stücks „Jede Menge Kohle“ am Grillo-Theater Essen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN ▪ Ach, ist das nicht schön!? Aus dem Geschosswohnungsbau strahlt eine Etage am Essener Schauspiel heimelig hervor: Küche mit rosa Fliesen, Jugend-Zimmer mit Mickey-Maus-Telefon und über dem braunen Velours-Sofa prangt das Bergpanorama in Öl.

Welche Figuren im Gelsenkirchener Barock gedeihen, kann man sich schon vorstellen. Lorena Díaz Stephens und Jan Hendrik Neidert (Bühne/Kostüme) haben die 80er sorgsam zurückgeholt. Aber eigentlich macht es sich Adolf Winkelmann in dieser Folklorewelt nicht bequem. Der Filmemacher, der 1981 „Jede Menge Kohle“ drehte, lässt einen Bergmann auftreten, der durch das Stollensystem von Recklinghausen nach Dortmund irrt und entkräftet zusammensackt. Er ist ein Aussteiger, ein Heimatrebell, wie man später lernt.

Regisseurin Caroline Stolz lässt Bergmann Katlewski auf der Empore des Grillo-Theaters straucheln. Völlig ausgetrocknet muss der Kumpel bei der Uraufführung erstmal Wasser trinken, bevor er nach Bier und Kotelett verlangt. Jörg Malchow spielt den wortkargen Katlewski, der etwas quer zur eigenen Sinnsuche steht und gefallen an Ulli findet. Silvia Weiskopf kann der jungen Frau, die nicht an Küche und Heirat denkt, jenen Eigensinn einhauchen, der sie aus der Ruhri-Generation herauslöst. Die Zeiten ändern sich. Das war bereits die Botschaft, der Adolf Winkelmann ein filmisches Ehrenmal setzte. Damals entwarf er im Stil der Autoren-Regisseure des Neuen Deutschen Films einen kruden Realismus und zählte die Klischees des Ruhrgebiets ruppig, aber liebevoll an.

In der Bühnenfassung federt Regisseurin Stolz den schnoddrigen Abgesang auf‘s Revier allerdings ab. Sie lässt mehr Herzenswärme zu und romantisiert, wenn Mutter Ilse (Ingrid Domann) unter ihrer Trockenhaube zum Frauenklatsch bittet. Das ist nett vorgetragen. Ehemann Hermann (Sven Seeburg) kommt mit den Mülltüten zurück, statt sie im Container zu entsorgen. Ein Running-Gag wie der Rentner mit dem Hündchen aus dem Fahrstuhl. Die Hausmeisterin bellt nicht wenig frech. Und das nicht alles gut ist, was von oben kommt, wird auch klar: „Scheiß Tauben!“ Einige schöne Einfälle haben Caroline Stolz und Carola Hannusch, die die Bühnenfassung schrieben. Die spot-artige Erzählweise des Films ist nur holprig in Szene zu setzen. Es helfen aber die handgemachten Geräuschkulissen, um die Aufmerksamkeit fürs Theaterspiel zu erhöhen. Über die Stullendose wird geschrappt, der Straßenbesen raschelt, im Kaffeebecher klingelt der Löffel, aus dem Wasserkessel dröhnt der Rhythmus, und die Ukulele singt dazu: „Sonne am Tag und ‘n Schatz in der Nacht.“ Das tut gut. Aber ein echtes Wohlfühl-Motto kann Henning Beckmann (Musik) nicht einstudieren. Katlewski verlangt nach einer Kettensäge, und deren Arbeitsgeräusch passt nicht zum Takt des Volkstheaters.

Der Bergmann will sein privates Chaos übertage klären: Die kaputte Ehe überwinden und Schulden begleichen („Wenn‘s um Geld geht, auf diese Schweine können sie bauen“). Dafür braucht er Kohle, jede Menge, so dass er sich als Wachmann und Lkw-Fahrer versucht. Weshalb er allerdings einen Rückspiegel kaputt fahren muss, wird pfiffig inszeniert, aber nicht für jeden verständlich, dem die Film-Erinnerung fehlt. In Essen werden die Reminissenzen ans Ruhrgebiet von Udo Lindenbergs Anarcholied „Der Malocher“ über die Laubenpieper-Idylle bis zur Tristesse gedreht: „Wie ein alter Streb so leer kann das Leben sein.“ Stimmt.

Katlewskis Kettensägenmassaker ist in Essen kein Trash mehr, keine Tabula rasa, keine Befreiung. Hier klappen Lampe, Regal und Couch nur zusammen – sie werden noch für die nächste Aufführung gebraucht. Am Ende muss Katlewski wieder unter Tage, weil es ihm im Ruhrgebiet nicht mehr gefällt. Heutzutage ist der Ausweg zunehmend verwehrt. In Hamm hat gerade das Bergwerk-Ost geschlossen.

9., 24., 30. Oktober, 6. November, 2., 18., 23., 29. Dezember; Tel. 0201 / 8122 200; http://www.schauspiel-essen.de

Quelle: wa.de

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