„Willkommen“ von Hübner und Nemitz am Schauspiel Essen

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Krise in der WG: Henriette Hölzel (von links), Silvia Weiskopf, Jan Pröhl und Stephanie Schönfeld in „Willkommen“.

ESSEN Und zum Abschluss Tiramisu. Was kann schöner sein? Eine Wohngemeinschaft hockt zusammen, speist, trinkt, quatscht und feiert die eigene unkonventionelle Lebensform – bis Benny ein Anliegen hat und eine Idee.

„Willkommen“ heißt das Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, das im Essener Grillo Theater viel Applaus bekam. „Willkommen“ ist nach seiner Uraufführung am Schauspiel Düsseldorf im Februar zum Stück der Saison avanciert. Es geht – wie der Titel schon andeutet – um Flüchtlinge, allerdings ohne tatsächlich die Tragödie abzubilden. „Willkommen“ ist eine Komödie, die Unterhaltungsstrategien ins Feld führt und keine politischen Anklagen ins Publikum schießt.

Der Dramatiker Lutz Hübner ist seit 1998 der meistgespielte Gegenwartsautor hierzulande. „Hotel Paraiso“, „Geisterfahrer“ und „Frau Müller muss weg“ (2015) zählen zu seinen Arbeiten.

Hübner und Nemitz treffen den Zeitgeist, der in Deutschland zunehmend von Ängsten geführt wird. Mal ist die Selbstverwirklichung gefährdet, weil sich die Individualisten zu nahe kommen. Mal sind Gewohnheiten infrage gestellt, weil der gesellschaftliche Umbruch die eigene Orientierung erschwert. Wie muss jeder einzelne auf Flüchtlinge, Rechtsruck, Brexit, Trump und die digitale Revolution reagieren? Das sind Kernfragen – neben den privaten.

Im Stück „Willkommen“ geht es pragmatisch in die Niederungen des Alltäglichen. „Nein“, sagt Doro, und dreht sich erstmal eine Zigarette. Sie nimmt ihr Vetorecht in der WG wahr und wehrt sich dagegen, Bennys Zimmer für ein Jahr an Flüchtlinge zu vergeben. Der Dozent geht nach New York und will untervermieten – nur der Egg Chair muss raus, weil der Sitzbezug so empfindlich ist. Dass seine humane Idee, Flüchtlingen zu helfen, leicht fällt, wird ihm später vorgehalten, da er ja zu seiner Fernbeziehung in die USA geht. Sophie, Hauptmieterin und erfolglose Fotografin, kann schon das kaum verschmerzen, war Benny (Jan Pröhl) doch ihr Kummerkasten. Aber Silvia Weiskopf legt die 35-Jährige, die ohne Freund und Familie auf Identitätssuche ist, wie eine empfindliche Sirene an, die schnell Alarm schlägt. Mit Doro gibt es Streit.

Regisseur Thomas Ladwig rückt die Gegensätze unterhaltsam ins Bild. Ganz überraschend ist es nicht, wenn sich Doro gegen arabische Männer und ihre „verächtlichen Blicke“ ausspricht, das fühlen auch viele Frauen im Publikum. So arbeitet das Stück mit Vorbehalten und Erfahrungen, ohne sie auflösen zu wollen. Oder mit Achmed, Sohn türkischer Einwanderer. Der neue Freund von Mitbewohnerin Anna kommt als Alternative infrage. Anna erwartet ein Kind von ihm. Flüchtlinge? Falscher Zeitpunkt. Zusammenziehen mit Achmed? Halil Yavuz spielt ihn als zupackenden und vollintegrieten Ruhrpott-Bürger, auf den man sich verlassen kann. Kommt es zum jungen Glück in der WG? Sophie wird das „zu eng“. Man kann allen Bedenken folgen und erlebt, wie egomanisch die Figuren sind.

Während Anna von Henriette Hölzel in wechselnde Gefühlslagen getrieben wird, machen Benny und Jonas auf gelassen. Mit Bier und männlichem Eigensinn ausgestattet, versuchen sie zu moderieren. Vergeblich. Sophie lässt sich ihr humanes Engagement nicht als psychische Störung unterschieben. Es gibt hitzige Höhepunkte, Redepausen, Streitkultur.

Ulrich Leitner (Bühne/Kostüme) hat eine lichte Wohnküche gebaut mit Blick auf Essens Hochhäuser. Die Einbauküche ist ein Sparmodell mit Tischlerplatten-Optik.

Einige Male zeigt Regisseur Ladwig, wie das Stück „Willkommen“ auch zur Farce werden könnte. Jonas (Stefan Migge) stürzt samt Kochtopf über die Balkonbrüstung, kann sich aber retten. Da im Topf noch Erbrochenes klebt, ist auch der Igittigitt-Ekel gesetzt, der nicht nur in US-Buddy-Filmen ankommt. Die Anzüglichkeiten zu Annas Männergeschmack – der katholische Andreas aus Westfalen – werden wie im Boulevard-Theater ausgekostet. Irgendwann denkt niemand mehr an Flüchtlinge. Bennys Bude soll ein Gästezimmer werden. Versöhnung ist spürbar. Entspannung.

7., 22., 31. 12.; 10., 24. 1. 2018; 10. 2.; Tel. 0201/ 81 22 200; www.schauspiel-essen.de

Quelle: wa.de

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