Wiener Philharmoniker unter Andris Nelsons mit Beethoven in Dortmund

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Körperlich spürbar ist das Dirigat von Andris Nelsons, der mit den Wiener Philharmonikern im Konzerthaus Dortmund gastierte und Beethovens Sinfonien acht und sieben aufführte.

Dortmund - Da ist er wieder, dieser satte, samtene, so besondere Klang der Streicher. Die Wiener Philharmoniker sind zurück in Dortmund, zum zweiten Mal (nach März) in diesem Jahr im Konzerthaus, erneut dirigiert von Andris Nelsons. Diesmal spielen sie zwei Beethoven-Sinfonien, die Achte und die Siebte. Ein Triumph.

Im zweiten Satz der Siebten, dem Trauermarsch, entfaltet das Orchester sein unnachahmliches Klangbild. Ein Breitwand-Format, für das Nelsons am Ende seine ganze Spannweite aufbietet. Erst die Bässe und die Celli, dann Bratschen und zweite Geigen, schließlich alle Streicher, Holz, Blech und Pauken: Sie verdichten das Crescendo, das Nelsons allerdings nicht mit pompöser Schicksalsduselei vollpumpt. Er formt Beethovens Motivarbeit heraus, stattet sie zunächst mit körperreichem, fülligem Klang aus. Durchhörbar und zart gestaltet er dann im Mittelteil die Linien der Holzbläser, die die Geiger regelrecht befächeln.

Nelsons lässt aber auch die massigeren Passsagen kein Hüftgold ansetzen, dazu wird zu energisch, zu behende musiziert. Das pochende Muster des Marsches ist bei ihm in eine stete Vorwärtsbewegung eingebunden, Pathos kommt erst gar nicht auf in seiner Tempodramaturgie, die er streng durchhält. Das Presto, das auf dieses ernste Allegretto folgt, geht Nelsons danach extrem schnell an, trotzdem gerät es hoch präzise und licht.

Die Siebte ist an diesem Abend die stärkere der beiden Sinfonien. Der Lette dirigiert sie im Vergleich zur Achten, die vor der Pause erklungen ist, in eher kapellmeisterlicher Manier, schlägt streckenweise sogar bloß den Takt, stützt sich dabei mit der linken Hand locker hinten am Pultgeländer ab. Die Kraftübertragung auf den Klangkörper funktioniert auch so.

Nelsons diktiert seine Lesart nicht von oben herab, sondern motiviert das Orchester, hat sich vorbehaltloses Einverständnis erarbeitet. Ständig sucht er Blickkontakte zu seinen Musikern, sieht in euphorische Mienen. Zum Applaus stellt er sich zwischen die Wiener und schüttelt rechts und links viele Hände, wenn er zur Pause in die Garderobe abgeht. Übrigens mit einem sportlichen Seitaufschwung über drei Stufen.

In beiden Sinfonien identifiziert Nelsons ein unablässiges Stürmen und Drängen. Den Werken diese ähnliche Grundverfassung abzulauschen, ist durchaus berechtigt; Beethoven komponierte sie sehr zeitnah in den Jahren 1811/12.

Nelsons bewegt sie vorwiegend im Forte. Das ist ein Grund dafür, dass die Achte nicht ganz so heiter daherkommt, eher druckvoll, zupackend, kernig. Hier arbeitet sich Nelsons zudem körperlich viel stärker ab als später in der Siebten. Seine Gesten sind dabei überaus mitteilsam. Er reckt die Faust, zupft mit den Fingerspitzen ein Sforzando heraus. Er geht in Lauerstellung, duckt sich hinter der Partitur, um sich dann breit und hünenhaft aufzubauen. Im ersten Satz der Achten dringen die Holz- und sogar die Blechbläser kaum durch die dichte Streichertextur. Nelsons fordert diesen Dampf, stampft den Takt mit dem linken Absatz – und dennoch singt diese Wucht. Umso lieblicher baut er dann das Seitenthema aus.

Denn auch das bietet seine Interpretation der Achten: Sie kontrastiert Beethovens Motive, bis hin zu verblüffenden Effekten. So klingt der zweite Satz nicht sonderlich pointiert und nadelstichig, hier tickert bestimmt kein Metronom im Untergrund. Aber die Vierundsechzigstelfigur serviert er dann wie eine Pointe. Danach, im Presto, fasst das Trio-Motiv als grüblerische Entschleunigung, bis es regelrecht feststeckt – und dann lässt Nelsons das Haupt-Thema wieder von der Leine.

Das Dortmunder Termin ist ein Zwischenstopp nach den Wiener Aufführungen und vor einer ausgedehnten China-Tournee. Nelsons tritt im Februar das Amt des Gewandhauskapellmeisters in Leipzig an. Mit seinem neuen Orchester ist er wenige Wochen später wieder in Dortmund.

Andris Nelsons dirigiert am 1. Mai in Dortmund das Leipziger Gewandhausorchester; auf dem Programms stehen Johannes Brahms’ Sinonie Nr. 4 e-Moll (op. 98) und Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur (op. 73), der Solist ist Yefim Bronfman.

Tel. 0231/22696200

www.konzerthaus-dortmund.de

Quelle: wa.de

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