Kulturschaffende im Exil

Westfälischer Kunstverein zeigt Ève Chabanons Installation in Münster

Installationsansicht in Münster: Ève Chabanons „Chapter 3“ mit Bildschirmen, einem Tisch aus Gips, einem Stuhl mit Seidentuch und einer „Rechenmaschine“, die Keramikelemente und eine Text-LED-Tafel aufnimmt.
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Installationsansicht in Münster: Ève Chabanons „Chapter 3“ mit Bildschirmen, einem Tisch aus Gips, einem Stuhl mit Seidentuch und einer „Rechenmaschine“, die Keramikelemente und eine Text-LED-Tafel aufnimmt.

Ève Chabanon ist noch nicht fertig. Die französische Künstlerin hat im Kunstverein Münster eine Zwischenstation aufgeschlagen.

„Chapter 3“ nennt sie die Installation und Ausstellung, die Stühle mit bedruckten Seidentüchern, fünf Bildschirme, einen Tisch aus Marmorimitat (Gips), Videobilder, Textpassagen auf französisch und Übersetzungen auf LED-Kacheln anbietet. Es sind Fragmente eines Projekts. Wie transportiert die belgische Künstlerin ihre Arbeit und Mitarbeit?

Seit 2016 beschäftigt sich Chabanon mit dem Mehrwert in der kapitalistischen Gesellschaft. Die Differenz zwischen dem natürlichen Wert eines Produkts (Material, Lohn) und dem Marktpreis macht eine Gewinnspanne, den Mehrwert, aus. Diese Kalkulation vom Mehrwert im marxistischen Verständnis trifft für kulturelle und künstlerische Arbeit aber nicht zu. Chabanon hat sich den „non-producer“, wie sie die Menschen nennt, gewidmet, die Verdienstprobleme haben und keinen Mehrwert erwirtschaften können. In der Region von Paris hat sie ihr diskursiv-performatorisches Langzeitprojekt begonnen. Sie war von der Stiftung Lafayette Anticipations gefragt worden, ob sie mit Migranten arbeiten möchte. Ein Ausstellungsprojekt war geplant. Chabanon traf sechs Migranten, die in ihren Herkunftsländern kulturell und künstlerisch gearbeitet hatten. In Paris angekommen blieben ihre Qualifikationen aufgrund des Sprachproblems ungenutzt. Was lässt sich in Paris machen?

Chabanon will, dass die Migranten sichtbar werden, als Kulturschaffende im Exil. Das Fördergeld für ihr Projekt floss in die gemeinsame Arbeit. Mit Abou Dubaev, einem Stuckateur aus Tschetschenien, ging sie in den Baumarkt und half, den Gips zu finden, mit dem der Handwerker einen Tisch bauen konnte. Der mächtige Tisch imitiert den Baustoff Marmor, eine tschetschenische Tradition. Es mussten Rechnungen geschrieben werden, es gab ein Arbeitszeugnis, und so half Chabanon dem Flüchtling Abou Dubaev.

Die Migranten kommen aus Syrien, Burundi, ein Kurde aus der Türkei zählt dazu und eine Uigurin, die aus einer Musikerfamilie stammt, und sie wollen alle einen Film drehen. Dass Ève Chabanon dabei Auseinandersetzungen erlebt hat, hält sie als Schriftfetzen auf ihren Seidentüchern fest: „Flocken in meinem Gehirn“, „wir sprechen nicht, wir schreiben“, ist dort zu lesen.

Aus den Workshops, die sie seit Jahren mit ihren „Kollaborateuren“ durchführt, sind im Westfälischen Kunstverein Statements auf französisch zu hören. Auf LED-Kacheln werden in Laufschrift die Aussagen der Flüchtlinge übersetzt. Man lernt Olivier Iturerere aus Burundi kennen. Ein Filmproduzent, der in seiner Heimat gefährdet ist. Beim Geheimdienst wurde er von einem Freund verhört. Er kam auf eine schwarze Liste, weil seine Filme dem Regime missfielen. Iturerere ermittelt in Archiven, warum die ethnische Gewalt zwischen Hutu und Tutsi das Leben in Burundi bestimmt. Ihm droht Gefängnis. Und von zehn Inhaftierten in Burundi überleben nur zwei die Haftbedingungen. Wer den Text liest, erfährt sehr persönliche Geschichten. Auch das ein Filmproduzent in Burundi gut verdient. Aber schon wer in Ruanda oder im Kongo gearbeitet hat, der muss bei seiner Rückkehr mit Gefängnis rechnen. Olivier Iturerere bewarb sich in der französischen Botschaft für ein Filmstipendium und konnte so der tödlichen Haft entkommen. In Frankreich hilft ihm Ève Chabanon, um eine Chance zu haben.

In einem Raum des Kunstvereins ist ein Dialog als Wandtext zu lesen, der letztlich ein übergeordnetes Thema hat: Wie schwer ist es, eine Geschichte zu erzählen, wenn die Erzähler aus verschiedenen Kulturen kommen. Chabanon plant ein Stück mit dem Schauspieler und Regisseur Aram Ikram Tastekin zu entwickeln. Der Kurde hat fürs Theater, für Film, Kino und Fernsehen gearbeitet. Er hat dem international gefeierten Regisseur Peter assistiert. Seit 2017 wird er von einer Agentur für Künstler im Exil vertreten.

Der Kunstverein Münster schaltet sich in diesen Prozess ein. Direktorin Kristina Scepanski arbeitet mit dem französischen Institut Bétonsalon – Centre d’art et de recherche in Paris zusammen. Bereits 2014/15 gab es eine Kooperation. „Es könnte vorwärts gehen in seinem Leben“, sagt Scepanski, die das Theaterprojekt mit Aram Ikram Tastekin fördern will.

Im Kunstverein sind noch Keramiken von Ève Chabanon zu sehen, die auf ein Gestell aus Eichenholz gezogen sind. Es nimmt in seiner Gestalt, die an eine überkommene Rechenmaschine denken lässt, die LED-Kacheln auf, auf denen die Übersetzung als Text läuft. Außerdem sind getöpferte Trinkbecher zu sehen, die zum Verkauf angeboten werden.

Hintergrund ist wieder eine Wertfrage. Sie basiert auf Sophie Crass’ Berechnungen. Crass beschäftigt sich seit den 60er Jahren mit dem Kunstmarkt und stellt fest, dass die erste dem Künstler wenig einbringt, da Material und Zeit investiert worden sind. Aber die letzte am Ende der Wertsteigerung bringt dann als Kunstwerk vielleicht 500 Euro ein. Ob das Publikum im Kunstverein hilft, diesen Mehrwert zu fördern, wird die Ausstellung zeigen.

Für die Künstlerin Ève Chabanon, die in Brüssel lebt, ist es die erste Einzelausstellung in Deutschland.

Bis 4. 10.; di-so 11 – 19 Uhr; Tel. 0251/46157; www.westfaelischer-kunstverein.de

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