Werkschau der Fotografin Berenice Abbott in Köln

Großstadt-Utopie in Stahl und Beton: Berenice Abbotts Aufnahme der Triborough Bridge (East 125th Street Approach), 1937, ist in Köln zusehen. Foto: The Miriam and Ira D. Wallach Division of Art, Prints and Photographs, Photography Collection; The New York Public Library, Astor, Lenox and Tilden Foundations © Getty Images / Berenice Abbott, 2020

Köln – Eine Realität gewordene Utopie aus Stahl und Beton liegt vor dem Auge des Betrachters. Mächtige Träger ragen in den Himmel. Nur wenige Autos verlieren sich auf der großzügig angelegten Stadtautobahn. Im Hintergrund qualmen Fabrikschlote, damals, 1936, noch ein Versprechen von Wohlstand und Fortschritt.

1937 fotografierte Berenice Abbott die Triborough Bridge in New York. Das Bild erscheint heute als ikonische Vision einer modernen Großstadt. Grandios fängt Abbott die zusammenlaufenden Linien der Fahrbahnen ein, sie öffnet den Blick zur unteren Etage, in deren Schatten man ein weiteres Fahrzeug mehr erahnt als wirklich erblickt. Die Metropole als labyrinthisches Gebilde aus Bauwerken und Verkehrswegen ist in diesem Foto symbolträchtig eingefangen.

Zu sehen ist das Werk in der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur in Köln. Die Ausstellung „Berenice Abbott – Portraits of Modernity“ bietet mit rund 170 Originalabzügen eine umfassende Übersicht über das Schaffen einer der prägenden Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Das Institut im Mediapark zeigt die Schau in Kooperation mit der Fundacion Mapfre in Madrid, wo die Bilder zuerst gezeigt wurden.

Berenice Abbott (1898–1991) wollte zunächst Journalistin werden, brach das Studium aber ab und wechselte zur Bildhauerei. In Paris begegnete sie dem Surrealisten Man Ray, der sie als Assistentin für sein Fotolabor einstellte. 1925 machte sie sich mit einem Fotostudio selbstständig. Sie schuf einige prägende Porträts der Künstler- und Intellektuellenszene der Goldenen Zwanziger. Ihre Fotos entstanden als spontane Auseinandersetzung mit ihren Kunden im Atelier. Gerade darum erscheinen sie so überraschend und innovativ. Die Prinzessin Marthe Bibesco blickt in die Kamera, in einem eleganten schwarzen Kleid mit einem Hut. Die Adlige tritt als moderne, selbstbestimmte Frau auf, und in ihrer Erscheinung schwingt ein Hauch Männlichkeit mit. Von Abbott stammt das legendäre Bildnis des irischen Romnciers James Joyce im weißen Smoking, auf dem er das linke Auge mit einer Klappe verhüllt (1920). Acht Jahre später fotografierte sie den Autor noch einmal, ebenso seine Frau. Sie porträtierte auch die US-Lyrikerin Djuna Barnes (der Abzug ist verblüffend klein), den Dichter André Gide den Schlagzeuger Buddy Gilmore, den Bluessänger Leadbelly. Den Autor und Regisseur Jean Cocteau zeigt sie 1927 unter einem Laken, mit einer Schaufensterpuppe im Arm, eine surreale Inszenierung. Janet Flanner porträtiert sie mit einem hellen Zylinder, um den zwei Ballmasken geschlungen wurden, so dass quasi drei Augenpaare übereinanderstehen. Auch auf diesem Porträt von 1927 ist die Geschlechteridentität uneindeutig.

In Paris begegnete Abbott auch dem Fotografen Eugène Atget, dessen Arbeiten vorbildhaft für sie wurden. Sie nahm die wohl letzten Porträts von Atget auf, wenige Tage später starb er. Und sie kaufte seinen Nachlass und machte Abzüge von seinen Platten. Ihre Interpretationen von Atgets Fotos sind ebenfalls in Köln ausgestellt.

1929 ging Abbott zurück nach New York. Auch durch die Wirtschaftskrise wurde es schwieriger, mit Porträts ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie entdeckte ein neues Motivfeld: Die Großstadt im architektonischen Umbruch. Auf der Baustelle des Rockefeller Centers lichtet sie das Linienspiel der Stahlträger ab. Sie besteigt die Wolkenkratzer und fotografiert die Straßenschluchten von oben, wie beim Blick auf die Seventh Avenue (1935), bei dem sich die Straße als lichter Streifen zwischen zwei Häuserblöcken bis an den Horizont zieht. Als Flaneurin richtet sie dann den Blick nach oben, zeigt die Fassaden, die auf den Betrachter zu stürzen scheinen, mit schmalen Himmelsstreifen („Canyon: Broadway and Exchange Place“, 1936). Solche Aufnahmen prägten den Blick auf die modernen Metropolen bis heute. Abbott kam 1935 in ein staatliches Förderprogramm, um ihre New-York-Fotos weiter realisieren zu können.

Sie suchte aber nicht nur die Totale der Monumentalarchitektur. Ähnlich wie ihr Kollege Walker Evans hatte sie auch einen Blick für das Alltagsleben, fotografierte das Leben in Vororten, den schlafenden Obdachlosen in der Bowery, den Verkäufer am Hot Dog Stand (1936), den gut gekleideten Kunden am Automatenverkauf von Kuchen (1936).

Sie ließ sich faszinieren von der modernen Warenwelt, zeigt tiefenscharf das Sortiment in „Whelan‘s Drug Store“ (1936) von Ventilatoren, Föhnen, Regenschirmen, Weckern, Seife... Die Sonderangebote eines Supermarkts entdeckt sie als Bildwert. Ihr Chronistenblick führt den Betrachter ganz nah an den Alltag von New York in den 1930ern. Aber wenn sie im Schatten der Hochbahngerüste der „El“ fotografiert und den Lichteinfall in Bahnhöfen in unendlich vielen Graustufen einfängt, dann schwelgt sie auf einmal in reinstem Impressionismus. Und sie lässt sich eine feine Pointe nicht entgehen, wenn sie das Hauptquartier der Polizei fotografiert. Genau gegenüber ist ein Waffenladen, der als Ladenschild einen großen Revolver führt. Die Waffe zielt auf das Police Department.

Schließlich stellt die Schau noch das Spätwerk vor. In den 1950er Jahren widmete sich Abbott der wissenschaftlichen Fotografie. Sie entwarf sogar Kameras. Da machte sie nicht nur – ähnlich wie Karl Blossfeldt – Nahaufnahmen von Pflanzen und Kristallen. Sie macht sichtbar, wie Wellen in Wasserbecken verlaufen und welche Muster magnetische Strömungen bilden. Und so wie der Fotopionier Eadweard Muybridge im 19. Jahrhundert Bewegungsabläufe bei Menschen und Tieren mit Mehrfachbelichtungen visualisierte, hielt Abbott fest, wie ein geworfener Ball bei Aufspringen immer kleinere Bögen zieht (1958–1961). Ihre physikalischen Schaubilder kamen in Lehrbücher.

Bis 12.7., tägl. außer mi 14 – 19 Uhr,

Tel. 0221/ 888 95 300, www. photographie-sk-kultur.de

Katalog (engl.) 52 Euro, deutsche Ausgabe in Vorbereitung beim Verlag Schirmer/Mosel, München.

Quelle: wa.de

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