„Welcome to the jungle“ in der Kunsthalle Düsseldorf

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Angebot in der Kunsthalle: Die Ablage mit „Bedienerhänden“ und Rauchwaren ist nur ein kleiner Teil von Laura Limas Installation „Fumoir, 2009/18“ in Düsseldorf.

DÜSSELDORF Wie bitte?! Hier darf geraucht werden? Mitten in der Kunsthalle! Wo gibt’s denn sowas? In Düsseldorf. In der Kunsthalle liegen Zigaretten mit rosa Filter, selbstgedrehte Kippen, Zigarillos der Edelmarke Cohiba, Pfeifen, Tabak, Feuerzeuge. Dies ist ein freundlicher Anschlag auf die verinnerlichte Regel, dass das Rauchen im musealen Raum verboten ist. Die Künstlerin Laura Lima hält dem Menschen gerne vor, wie er tickt. Dabei zielt sie mit ihrer Installation „Fumoir“ (2009/18) nicht auf die verschärfte Stigmatisierung des Rauchens, sondern konfrontiert jeden Besucher mit seinem Verhalten zu dieser ins Zwielicht geratenen Kulturtechnik.

Das ist verblüffend und setzt ein Vergnügen frei, das bei Rauchern größer sein wird. Aber Limas Praxistest stößt Gedanken zum Tabakkonsums an, die schnell Gesprächsthema werden. Man spricht miteinander – in der Kunsthalle.

Die Ausstellung „Welcome To The Jungle“ will auf Paradoxien hinweisen. Denn der Mensch ist immer mehr Erwartungen ausgesetzt, sich ökologisch, mitmenschlich, umweltbewusst, fürsorglich, familiengerecht, fair, vorausschauend, gendergerecht usw. zu verhalten. Aber kann der einzelne diesen sozialen, ethischen und moralischen Ansprüchen noch folgen? Die Kuratorinnen Jasmina Merz und Anna Lena Seiser sehen in der Vielfalt an Argumenten, sein Leben zu optimieren, den „Jungle“, der undurchdringlich ist. Der Markt bietet „Urlaub nachhaltig“, fleischlose Schnitzel, Autos mit grüner Umweltbilanz, sozialverträgliches Wohnen, Freunde auf Facebook... Kann der einzelne die Welt wirklich verbessern?

Die Schau in Düsseldorf hat auch keine Lösung. Aber der Besucher soll humorvoll animiert werden, Fragen zu vertiefen. Was macht das Rauchen aus? Die Brasilianerin Laura Lima stellt abgeknickte Zigarren aus und Zigarren mit Ständerbeinen, als ob eine Kanone in Stellung gebracht wäre. Daneben sind Wurzelholzpfeifen in seltsamen Formen zu sehen, Meerschaum- und Wasserpfeifen – eine erstaunliche Vielfalt, die in unserem Alltag so nicht existiert.

Neben der Installation „Fumoir, 2009/18“ wird vor allem mithilfe von Videos dokumentiert, wie Künstler mit ihren Strategien diffizile Existenzfragen stellen. An dem Film von Jonathas de Andrade kommt man im Obergeschoss der Ausstellung nicht vorbei. „O Levante (The Uprising)“ von 2012/13 wird vom markanten Gesang eines Hirten und wilden Bildern mit Pferden und Kutschen bestimmt. De Andrade ist Brasilianer und erwirkt mithilfe eines Filmdrehs in Recife, dass die Landbevölkerung mit ihren Nutztieren in die Stadt darf. Was die Verwaltung verboten hatte, um die Modernität Recifes zu unterstreichen, führte zur Ausgrenzung dieses Teils der Bevölkerung. Sie sind vermehrt mit Pferden unterwegs, nicht mit Autos. De Andrade filmt sie nun, wie sie über den Asphalt reiten, wie ihre selbstgezimmerten Kutschwagen an den Hochhäusern vorbeischießen, wie sich ihre befristete Akzeptanz in der Stadt Bahn bricht. Es sind wilde Rennen und verwegene Reiter zu sehen, die für ihre Freiheit und Anerkennung zu einem versprengten Haufen werden. Dazu ist ein enervierender Gesang zu hören, der den Opfern einer gelenkten Plantagenwirtschaft eine Stimme gibt, und es wird von den Pferden erzählt, die Gras brauchen und hungrig sind, wie letztlich auch die Menschen.

Hier wird ein Freiraum aufrührerisch gefeiert, an anderer Stelle beschwört Oto Hudec Umweltveränderungen und Nahrungsfragen ganz einsam und intim. Der slowakische Künstler stellt sich vor den Adishi Gletscher im Kaukasus (2017) und spielt Gitarre, allein. Oder er steht für seinen „Corn Song“ (2012) vor einem Maisfeld und zwei Kühltürmen im fernen Hintergrund. Seine Mundharmonika ist zu hören, und Hudec spielt unvoreingenommen, um zu huldigen und zu helfen, wie es Naturvölker oft machen. Die Videos sind beeindruckend, auch weil sie Landschaftsbilder einer neuen Romantik transportieren.

Wer sich auf die Arbeiten in Düsseldorf einlässt, macht einfache wie vielschichtige Erfahrungen. Kristina Buchs Video (2012–2016) zu ihren drei Jahren mit einem Huhn zählt dazu und Alvaro Urbanos „Office“ (2017). Der Spanier hat ein Büro mit Zugang gebaut, das wie verlassen aussieht: Was ist passiert, wer war hier, was geschieht nun? Mit Papier und Metall als Baustoff wird die Künstlichkeit der Inszenierung noch gesteigert. Ein befremdliches Gefühl obsiegt. Außerdem sind Arbeiten von Mario Pfeifer, Cinthia Marcelle, Liu Shiyuan und Kota Takeuchi zu sehen.

Bis 21. Mai; di-so 11 – 18 Uhr; Tel. 0211/89 962 40; www.kunsthalle-duesseldorf.de

Quelle: wa.de

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