Kay Voges über seine Zeit als Schauspielchef in Dortmund

Kay Voges, geboren 1972 in Düsseldorf, wurde 2010 Intendant des Schauspiels Dortmund. Im Herbst übernimmt er die Leitung der Volksbühne Wien. Foto: Hupfeld

Dortmund – Zum Ende dieser Spielzeit verlässt Schauspielintendant Kay Voges das Theater Dortmund. In zehn Jahren hat er die Bühne überregional profiliert. Zwei Produktionen wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen, Voges‘ Inszenierung „Die Borderline Prozession“ und Ersan Mondtags Arbeit „Das Internat“. Und er steigerte die Auslastung dess Hauses von 70 Prozent am Anfang auf 75 in der Spielzeit 2018/19. Voges entwickelte Spielweisen zwischen den Genres. Theater wurde experimentell zum Beispiel in der „Parallelwelt“, die die Dortmunder Bühne über eine Standleitung mit dem Berliner Ensemble synchronisierte. Von 2015 bis 2017 wurde das Schauspielhaus umgebaut und saniert. Die Zeit in der Ausweichspielstätte Megastore nahm Voges als kreative Herausforderung an. Im Interview mit Ralf Stiftel blickt Voges zurück.

Als Sie anfingen, war das ein Einschnitt. Wie reagierte das Publikum?

Voges: Mein allererster Auftritt in Dortmund war bei den Theater- und Konzertfreunden. Ich wurde fünf Minuten lang ausgebuht. Das war, weil wir keine Einigung fanden mit den Machern der „Liebesperlen“ und das absetzen mussten. Und geliebte Ensemblemitglieder haben das Haus verlassen. Als dann zum ersten Mal der Vorhang aufging bei der Theatergala, war ich erleichtert, dass es einen tollen Applaus gegeben hat für das Ensemble. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen schnell gemerkt haben, dass wir es wirklich ernst meinen. Bei „Woyzeck“ standen nicht irgendwelche Schnösel auf der Bühne, die die Welt erklären, sondern Menschen, die gelitten haben, damit andere Spaß haben.

Ihre Inszenierung des „Woyzeck“ war noch relativ konventionelles Schauspiel. Später haben Sie mehr experimentiert. Haben Sie Ihre Arbeit in Dortmund planmäßig vorangetrieben oder war es mehr eine Entwicklung von Schritt zu Schritt?

Voges: Ganz wichtig für meine Regieentwicklung war das Stück „Einige Nachrichten an das All“ von Wolfram Lotz. Darin kamen zwei Beckett-Figuren vor. Dann haben wir gleich Becketts „Endspiel“ hinterhergeschoben. Ohne Beckett wäre wiederum das „Goldene Zeitalter“ nicht möglich gewesen. Wir haben immer überlegt, wie machen wir gegenwärtiges, relevantes Theater. Was sind gerade die politischen Situationen, auf die wir reagieren. Wir haben mit Aktivisten gearbeitet wie dem Peng-Collectiv und dem Zentrum für politische Schönheit, später haben wir „Trump“ gemacht und Moritz Riesewiecks Recherche „Nach Manila“ herausgebracht. Es ging darum: Wie erzählen wir Gegenwart?

Ein wichtiger Teil Ihrer Arbeit war das Digitale…

Voges: Das war eine schon manisch verfolgte Leidenschaft…

Gilt noch das „Dogma 2013“? Darin hatten Sie 2013 für Ihre Inszenierung „Das Fest“ Regeln für den Filmeinsatz auf der Bühne formuliert.

Voges: Ja, das gilt noch, wenn es je gegolten hat. „Das Fest“ war auch eine ganz wichtige Arbeit. Da haben wir erstmals radikal das Verhältnis von Bild und Abbildung durchdiskutiert. Sieben Wochen lang ist das Ensemble dem Kameraroboter nachgelaufen, stand sich auf den Füßen, trat sich in die Hacken. Die Sichtbarmachung von Herstellung und Wirkung hat sich durchgezogen immer wieder. Und wenn wir in „hell“ Dunkelheit haben und dann ein Bild sehen, das gemacht worden ist von etwas, das wir nur als Schattenriss erahnen, dann ist das noch die gleiche Fragestellung wie Dogma 2013, aber auch eine Weiterentwicklung. Auch die Arbeit der „Sputnics“, der erste Live-Animationsfilm „Die Möglichkeit einer Insel“, ist aus diesen Gedanken entwickelt.

Was kann den Digitalisierung am Theater sein? Wo liegen die Grenzen?

Voges: Das Theater hört meines Erachtens dann auf, wenn es nicht mehr um den Menschen geht. Technologisch sind die Mittel der Vernetzung nur an der Oberfläche gekratzt worden, selbst bei dem, was wir in der „Parallelwelt“ gemacht haben. Wie kann man mit Robotern und Künstlicher Intelligenz arbeiten, das sind Fragen, die man klären kann. Die Geschichten von „Frankenstein“ oder „Prometheus“ bekommen ganz neue Bedeutung, wenn man sieht, was jetzt Wirklichkeit geworden ist. Therapiesitzungen laufen extrem effektiv, wenn sie mit einer künstlichen Intelligenz gemacht werden, weil Menschen da weniger lügen als vor anderen Menschen. Da stellt sich die Frage, ist das eine Entwicklung, die wir unterstützen wollen, oder erzählt uns das etwas über das Problem, Mensch zu sein.

Wie haben Sie die Regisseure ausgewählt, die in Dortmund arbeiteten?

Voges: Bei der Suche nach Regiekollegen und -kolleginnen galt, wer passt zum Ensemble, wer hat eine ähnliche Suchbewegung. Wir wollten diejenigen, die nicht ein rein repräsentatives Theater machen, sondern auf die Suche gehen nach neuen Formen. Und im besten Falle waren das eben Menschen, die anders waren als ich. Das war ja wirklich etwas Besonderes, dass wir im kleinen Dortmund eine Reihe von Regisseuren gehabt haben, die früher oder später beim Berliner Theatertreffen gelandet sind, und die gekommen sind, obwohl dieses Theater nicht die finanziellen Möglichkeiten hat, Kollegen wie Ersan Mondtag, Thorleifur Örn Arnarsson, Claudia Bauer einzuladen. Ich glaube, es war im Endeffekt das Ensemble, das den Ausschlag gegeben hat.

Was waren Highlights?

Voges: Da kann man jetzt ganz viele aufzählen und hat immer welche vergessen. Ich bin so dankbar und glücklich, dass ich einem Künstler wie Jonathan Meese auch ein Zuhause geben konnte für seine Kunst.

Was nehmen Sie mit aus Dortmund?

Voges: Wenn ich eins gelernt habe in Dortmund: Theater ist keine One-Man-Show, wo man sich hinstellt und sagt, wie die Welt funktioniert, sondern eine kollektive Arbeit und Kunst. Was ich an Menschen, Regieteams, Schauspielern getroffen habe, das war eine zehn Jahre lange bewusstseinserweiternde Fortbildung.

Wo sind Sie gescheitert?

Voges: Ja, scheitern konnten wir auch. Nicht, dass wir gern gescheitert wären. Wenn es so weit kommt, dass eine Produktion nicht herauskommt wie die „Nibelungen“, dann ist das ein Riesenscheitern. Aber das muss möglich sein. Oft haben wir gedacht, man hätte besser ein anderes Regieteam, eine andere Besetzung gewählt. Die Hätte-Liste ist lang. Aber Namen nenne ich Ihnen jetzt nicht.

Ist Wien für Sie Neuanfang oder Fortsetzung Ihrer Arbeit?

Voges: Wir werden nicht Dortmund eins zu eins nach Wien übertragen. Aber die Grundfragestellung, wie macht man Theater für die Gegenwart, diese Suchbewegung wird gleich bleiben. Aus dem Team werde ich sieben Schauspieler mitnehmen, auch Mitarbeiter aus der Technik, ein paar lassen wir zurück. Das war eine schwierige Entscheidung. Aber jetzt kommen neue Leute dazu, es gibt eine neue Mischung.

Sie bleiben als Leiter der Akademie für Theater und Digitalität Dortmund verbunden. Wie werden Sie Kontakt halten?

Voges: Ich werde beraten, im Aufsichtsrat, in Jurys, als Dozent. Ich werde sicher vier Mal im Jahr nach Dortmund kommen und versuchen, der Akademie zu helfen. Ich werde hier noch einige Tränen vergießen. Ich habe die Menschen und diese Stadt sehr in mein Herz geschlossen. Auf Wiedersehen zu sagen, habe ich mir ausgesucht, aber es fällt nicht einfach.

Mit einem „Showdown“ verabschiedet sich das Team um Kay Voges. Die erste von acht Premieren ist am Sonntag. 23.2. Enoch Arden, Versepos von Alfred Tennyson, Regie: Bjarne Gedrath 28.3. Delirium zu zweit auf unbestimmte Zeit, Groteske von Eugène Ionesco, Regie: Paolo Magelli 18.4. Tausend deutsche Diskotheken, Bühnenfassung von Michel Decars Roman, Regie: Björn Gabriel 8.5. Glaube, Liebe, Hoffnung von Horváth, Regie: Jan Friedrich 9.5. Die Hamletmaschine, neue Fassung mit dem Sprechchor, Regie: Uwe Schmieder 10.5. Fungus – Pilz des Grauens, Horror mit Jörg Buttgereit 30.5. Das Bild-Zeitungs-Projekt mit dem Sprechchor, Regie: Roman Senkl 5.6. Alles muss raus, das Ensemble blickt auf seine Rollen zurück, Regie: Ed. Hauswirth 13.6. Abschlussgala Tel. 0231 / 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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