Kay Voges inszeniert „Die Parallelwelt“ simultan in Berlin und Dortmund

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Wo ist hier die Hochzeit, wo nur Hintergrund? Szene aus der „Parallelwelt“ in Dortmund mit den zankenden Bräuten Bettina Lieder (oberes linkes Feld) und Annika Meier (oben rechts, unten links) sowie ihren Hochzeitsgesellschaften.

DORTMUND - Der erste Blick fällt auf eine große Projektionswand. Man glaubt, in einen Spiegel zu schauen, man sieht einen Zuschauerraum, in dem Leute ihren Platz suchen. Dann blicken sie auf. Und auf beiden Seiten der Standleitung kommen sie auf die selben Ideen: Sie winken, versuchen, Kontakt aufzunehmen. Ein Theaterexperiment verbindet das Schauspiel Dortmund und das Berliner Ensemble. Man fühlt sich so 21. Jahrhundert, weil Videotechnik und jede Menge Rechnerkapazität über 420,62 Kilometer hinweg via Glasfaserkabel ermöglichen, dass „Die Parallelwelt“ auf beiden Bühnen simultan abläuft.

Der Dortmunder Intendant Kay Voges will die Möglichkeiten der Digitalisierung für das Theater erkunden. Mit dieser Stückkreation (Text: Voges, Alexander Kerlin und Eva Verena Müller) soll das Schauspiel auf die Globalisierung reagieren. „Die Parallelwelt“ handelt von den Gefühlen, die Menschen entwickeln, wenn die wirkliche Welt, die nahe Umgebung, immer bedeutungsloser und diffuser wird und immer mehr Realität sich auf Bildschirmen abspielt, als Niederschlag von Rechenprozessen in Datenspeichern. Bei dieser Inszenierung läuft das ganz ähnlich ab: Man schaut auf eine Art Split Screen, die Bühne ist vorne geschlossen, als weiße, meistens viergeteilte Wand, auf die die live gefilmten Bilder des Stücks projiziert werden. Unten öffnen sich zuweilen ein oder zwei Fächer als reale Bühnen, wo die Schauspieler agieren und die Kameraleute. Und natürlich haben die nahsichtigen Videos meistens eine größere Präsenz als das gleichzeitig sichtbare Geschehen, das sie wiedergeben.

Die „Parallelwelt“ erzählt die Lebensgeschichte von Fred zweimal. In Berlin von der Geburt bis zum Tod, hier erleben wir Stephanie Eidt als gebärende Mutter mit den Wehen ringen. In Dortmund vom Ende zurück zum Anfang, hier liegt Uwe Schmieder in seinen letzten Zügen und spielt schmerzlich realistisch Husten, Röcheln und Schmerz. Über verschiedene Lebensstationen begleitet das Stück nun die Figur, und die pathetische, fast religiös überhöhte Anfangskonfrontation von Alpha und Omega löst sich zunehmend in komödiantische Ironisierungen auf. In Dortmund verweigert Andreas Beck als Senior-Fred im Schaukelstuhl das Abendessen, das ihm Pfleger Fred verabreichen will. In Berlin schaukelt ein Knabe und lässt sich vom Vater erklären, was „empirisch“ ist. Beide wollen nur noch zehn Mal schaukeln, ehe sie „in die Kiste“ müssen. Was beim Kind etwas anderes heißt als beim Greis. Beide Freds blicken durch ein Rollo am Fenster, das Kind fragt nach „Geistern“.

In die Erzählung sind philosophische Dialoge eingebettet, zum Beispiel unterhalten sich Schmieder und Josefin Platt als Physiker über das „Wirklichkeits-Tohuwabohu“ der Teilchenforschung, und mit Blick auf ihre Füße nennen sie die kleinsten Teilchen „Quanten“.

Den Höhepunkt erreicht der Abend, wenn sich die Lebenswege der beiden Freds kreuzen, bei seiner Hochzeit mit Stella. Der seltsame Mystery Man (Dortmund: Xenia Snagowski, Berlin: Owen Peter Read) spricht eine seltsam esoterische Trauformel – und die Synchronizität zerbricht, weil die beiden Seiten sich auf einmal wahrnehmen. Nun zanken sich die Bräute und ihre Hochzeitsgesellschaften in einem herrlich unterhaltsamen Zickenkrieg darum, wer wirklich ist und wer nur der zweidimensionale Hintergrund. Da suchen in pirandellesken Szenen zweimal sieben Personen nicht ihren Autor, sondern ihren Platz in der Welt. Und nicht mal der beherzte Weg ins Publikum hilft, denn zur blonden Zuschauerin mit dem auffälligen T-Shirt in Dortmund findet sich ein Zwilling in Berlin. Die Wahrheit wurde abgeschafft, alle sind nur noch „Quanten-Dings-Kopien“. Schließlich schwelgen noch Andreas Beck und Oliver Kraushaar versöhnlich von der besten Currywurst der Welt.

Die Handlung dieses Abends ist ja erwartbar. Auch in Berlin weiß man, dass am Ende gestorben wird. Aber der Einfallsreichtum, mit dem Details und Motive parallel, aber in unterschiedlichen Zusammenhängen eingesetzt werden, macht das wett, vom Wasser, das sinnbildhaft für den Kreislauf der Existenz steht, bis zu Schrödingers Katze, die als Geschenk in zweierlei Gestalt auftritt. Nicht alles ist gelungen. So neigt Voges zu barocker Überfülle, zu Überdeutlichkeit und zu Redundanzen. Die mit esoterischen Sprüchen begleiteten Computergrafik-Effekte, der schräge Kobold (Eva Verena Müller), der seine Gestalt vervielfacht, das hätte auch kürzer sein dürfen. Und wie nach Freds Tod die Leiche gewaschen wird und die Kameraleute da unbarmherzig draufhalten, das ist schmerzlich indiskret, ohne zur Erzählung beizutragen. Das etwas über zweistündige Stück ist auch seltsam vage, zeitlos.

Und doch gelingt Voges mit der „Parallelwelt“ etwas Neues. Er ringt dem digitalen Apparat einen unterhaltsamen Zauber ab. All die Entmaterialisierung, die Existenznöte, die Frivolitäten laufen zwar als Pixel über riesige Bildschirme. Aber erleben kann man es nur hier und jetzt, in Dortmund oder Berlin, an einem Ort, der wieder eine Aura erhalten hat.

In Berlin wurde die Premiere, auch das zeigte die Videoschalte, kühler aufgenommen. Während sie dort schon zum Ausgang strebten, standen die Zuschauer in Dortmund noch und applaudierten begeistert.

20.9., 28., 31.10., 16.11., 7.12., 2., 23.2., 28.4., 19.6.; Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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