Vittorio Magnago Lampugnani schreibt über „Bedeutsame Belanglosigkeiten“

Vittorio Magnago Lampugnaniitalienischer ArchitektFoto: Marvin Zilm

Einst waren sie unentbehrlich für die Kommunikation mit der Ferne: Telefonzellen. Schon 1907 gab es im Deutschen Reich fast 6000 Telefonhäuschen, weiß Vittorio Magnago Lampugnani. Heute, in Zeiten des omnipräsenten Mobiltelefons und Smartphones, findet man diese „Mikroarchitektur“ kaum noch im Stadtraum. Dabei war sie im guten Jahrhundert ihrer Existenz fester Bestandteil des Alltags. In Filmen nutzten Regisseure wie Alfred Hitchcock („Die Vögel“, 1963), Don Siegel („Dirty Harry“, 1971) und Joel Schumacher („Nicht auflegen“, 2003) sie spannungssteigernd als Zufluchtsort oder als Falle. Vorbei.

Der italienische Architekt Lampugnani blickt in seinem Buch „Bedeutsame Belanglosigkeiten“ auf das, was die modernen Städte bewohnbar macht, was sie kennzeichnet, was sozusagen ihre Möblierung bildet. „Kleine Dinge im Stadtraum“, so lautet der Untertitel des Buchs. Dabei geht er von einem eigenartigen Phänomen aus: Betrachtet man Fotos zum Beispiel aus Paris oder Wien, die nicht die Wahrzeichen abbilden wie den Eiffelturm oder den Stephansdom, so erkennt man oft trotzdem, wo das Bild aufgenommen wurde. Es liegt eben daran, dass Fassaden auf eine bestimmte Weise gestaltet wurden, dass eine bestimmte Art Laternen da steht, wie der Eingang zur Metro aussieht.

An den Mikroarchitekturen und Stadtmöbeln lässt sich geradezu eine Kulturgeschichte des Alltags in den Metropolen schreiben. Und genau das macht Lampugnani in seinem ebenso lesenswerten wie mit vielen historischen Fotos schön gestalteten Buch. Dass man ein bestimmtes Element braucht, merkt man oft erst, wenn man es nicht mehr findet. Nichts ist in diesem Zusammenhang Lampugnani zu gering. Er betrachtet den Schachtdeckel – im Buch sieht man ein Beispiel aus der Römerzeit – ebenso wie den Poller, mit dem ebenfalls schon in der Antike Tore und Hausecken vor Fahrzeugen gesichert wurden. Ampeln regeln den Verkehr, Abfallkörbe sorgen für Sauberkeit, Straßenschilder schaffen Orientierung. Und auch der Bodenbelag hat seine Bedeutung. Pflastersteine und Asphalt sorgten dafür, dass man sich sicher bewegte und nicht im Schlamm versank.

Der Autor greift oft aus bis in die Antike. Aber der Schwerpunkt seiner Darstellung liegt auf den europäischen Metropolen des 19. Jahrhunderts. In dieser Umbruchsepoche fand die moderne Großstadt ihre Gestalt durch visionäre Planer wie zum Beispiel den Baron Georges-Eugène Haussmann, der von 1853 bis 1870 als Präfekt Paris komplett umgestaltete. Lampugnani schaut weiter bis in die Gegenwart, oft mit einem nostalgischen, dann wieder mit kritischem Impetus. So sagt er, dass Uhren heute in der Welt der Reklame aufzugehen scheinen. „Ist auch Zeit ein Produkt, eine Ware geworden, die wie alles, was uns umgibt, standardisiert, vermarktet und unlauter den Bürgern oktroyiert wird?“

Oft zeugen die kleinen Dinge von Grundbedürfnissen, die man sonst nicht in den Blick fasst. Jeder Mensch muss trinken. Schon im alten Rom existierten 1352 Trinkwasserbrunnen, zitiert Lampugnani einen Stadtführer aus dem 4. Jahrhundert. Er schildert die existentielle Bedeutung, die die Verfügbarkeit von Wasser in großen Städten hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die öffentlichen Pumpen in Berlin di wichtigste Trinkwasserquelle. Und Lampugnani erinnert an den britischen Philanthropen Richard Wallace, der Ende des 19. Jahrhunderts der Stadt Paris öffentliche Brunnen schenkte, die er selbst gestaltete. Bis heute findet man die Wallacebrunnen in der Seine-Metropole.

Trinken konnte man auch an der Trinkhalle, eine weitere Erfindung des 19. Jahrhunderts. Sie entwickelten sich aus den Ausgabestellen für Heilwasser in den Kurorten. Die Städte versuchten, mit den Trinkhallen dem Alkoholismus entgegenzuwirken. Statt Bier und Schnaps sollten Arbeiter Brausen, Tee, Milch und Kaffee konsumieren. Bald allerdings wurde das Angebot ausgeweitet, Tabak, Zigaretten, Nahrungsmittel kamen hinzu. Im Buch findet man das Bild eines Milchhäuschens aus Regensburg ebenso wie das berühmteste „Nicht-Gebäude“ der Architekturgeschichte, die Trinkhalle in Dessau, die Ludwig Mies van der Rohe 1932 entworfen hat.

Hochbedeutsam ist auch die öffentliche Toilette, die es schon im alten Rom gab, als Großlatrinen mit bis zu 80 Sitzen. Hier gab es einen Rückfall: Im Mittelalter entleerten sich die Stadtbürger auf den Straßen, mit den verheerenden Folgen. Auch hier dauerte es bis ins 19. Jahrhundert, dass Stadtplaner öffentliche Latrinen aufstellen ließen. In Paris wurden die Urinale gleich noch als Anschlagsflächen für Reklame genutzt. Ende des 19. Jahrhunderts gab es rund 1700 Pissoirs, die oft auch als Treffpunkte für Homosexuelle dienten. Der Volksmund fand hübsche Namen für die Einrichtungen: In Berlin nannte man die Pissoirs „Café Achteck“ oder, nach dem damaligen Polizeipräsidenten, „Madai-Tempel“.

Lampugnani vermittelt in seinen Betrachtungen über die „Kleinen Dinge“ eine Menge an kulturhistorischen Realien. Und er weist unermüdlich darauf hin hin, dass die Gestaltung des öffentlichen Raums nicht gleichgültig ist. Er beklagt den Wandel des Stadtraums: „Er ist zu einer Bühne geraten, vollgestellt mit Requisiten, die den Rahmen für die affektierte Inszenierung der Wohlfühlstadt und des globalisierten Konsums abgeben.“

Vittorio Magnago Lampugnani: Bedeutsame Belanglosigkeiten. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin. 192 S., 30 Euro

Quelle: wa.de

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