US-Kunst aus 300 Jahren im Wallraf Richartz Museum

William H. Johnsons „Street Life Harlem“ (ca. 1939/40) bringt die Großstadt zum Swingen. Das Bild kommt aus dem Smithsonian American Art in Washington nach Köln. Museum
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William H. Johnsons „Street Life Harlem“ (ca. 1939/40) bringt die Großstadt zum Swingen. Das Bild kommt aus dem Smithsonian American Art in Washington nach Köln. Museum

KÖLN - Lässig und elegant posiert das Paar auf William Henry Johnsons Gemälde „Street Life Harlem“. Und wie der afroamerikanische Künstler da um 1940 die Stadt aus klaren, kräftigen Farbfeldern zusammensetzt, wie er die Coolness einfängt, mit der plakativen Klarheit eines Comics, das ist gemalter Jazz.

Das Bild ist im Wallraf Richartz Museum Köln zu sehen, in der Ausstellung „Es war einmal in Amerika“. Die Schau ist ein Riesenunternehmen. Die Kuratorinnen Barbara Schaefer und Anita Hachmann versuchen darin nicht weniger, als gut 300 Jahre US-Kunstgeschichte abzubilden.

Die Kultur der USA ist ja hierzulande durchaus präsent. Was einem allerdings sofort einfällt, wenn man an amerikanische Kunst denkt, sind der abstrakte Expressionismus eines Jackson Pollock und Mark Rothko und natürlich die Pop-Art von Warhol und Lichtenstein. US-Kunst aus der Zeit vor 1945 ist in europäischen Museen praktisch nicht vorhanden. Diese Leerstelle im Bewusstsein soll die Kölner Schau ein wenig füllen. Die Idee, erzählt Museumsdirektor Marcus Dekiert, entstand 2012, als das Wallraf Richartz Museum an die große Sonderbundausstellung in Köln erinnerte. An dieser Schau von 1912 orientierten sich ein Jahr später die Macher der Armory Show in New York und präsentierten einen Querschnitt durch die damalige internationale Moderne. Es gab eine lebendige Kunstszene in den USA schon vor dem abstrakten Expressionismus und Pop. Und das Publikum findet durchaus berühmte Künstler, allein vier Gemälde von dem Meister der nächtlichen Melancholie, Edward Hopper, sind zu sehen, darunter das lichtumflutete „Hodgkin‘s House“ (1928) und das markante „The City“ (1927). Zwei Gemälde von Georgia O‘Keeffe gibt es, ein prachtvolles Porträt (1898) von John Singer Sargent, zwei feine „Nocturnes“ von James Abbott McNeill Whistler. Der letzte Saal gehört Meistern des abstrakten Expressionismus mit Werken von Pollock, Rothko, Barnett Newman und Franz Kline. Ihre Bilder kamen 1958 in einer Wanderausstellung nach Europa, die Abstraktion sollte werben für eine freie Gesellschaft. Gesponsert hatte die Schau freilich die CIA.

Es ist eine der aufwendigsten Ausstellungen des Hauses, schon weil ein Großteil der Leihgaben aus den USA kommt. Und es ist ein Fest vor allem der Malerei, kommen doch Kunstwerke erstmals nach Europa, die ikonische Bedeutung für das amerikanische Selbstverständnis haben. 134 Werke spannen den Bogen von 1650 bis 1950, von der Kolonialzeit bis zum Beginn jener Epoche, in der die USA die Führung auch in der Kunstwelt übernahmen.

Der Weg dahin war freilich lang. Das älteste Bild, entstanden um 1670/80, zeigt eine Kaufmannsgattin aus Boston. Der anonyme Maler war vermutlich Autodidakt, orientierte sich aber an europäischen Vorbildern. Diese Abhängigkeit blieb lange erhalten, was ein Grund für die geringe Wertschätzung amerikanischer Kunst in Europa war. Es gab keine Akademien im „Wilden Westen“, ambitioniertere Künstler reisten nach Europa, um sich auszubilden. Samuel F.B. Morse malte 1831/33 einen Saal des Louvre. John Vanderlyn orientierte sich bei seinem Bild der Ariadne auf Naxos (1809–14) an italienischen Meistern wie Giorgione und Tizian. Sein Akt-Gemälde löste einen Skandal aus in den puritanischen USA. Auf der Weltausstellung in Paris 1867 wurden die Landschaften der Hudson River School als altbacken wahrgenommen. Die neue Sehweise der Impressionisten triumphierte über die Landschaften aus der Neuen Welt, die von spektakulären Motiven lebten wie den Niagara-Fällen, maltechnisch aber den Vorbildern zum Beispiel der Düsseldorfer Akademie verhaftet waren. Die US-Kunst war lange immer einen Schritt hinterher.

Bedeutsam sind die frühen Bildzeugnisse trotzdem, schon weil sie oft die einzigen visuellen Überlieferungen wichtiger Ereignisse sind. John Trumbulls Gemälde der „Unabhängigkeitserklärung“ (1832) ist ebenso tief im kollektiven Gedächtnis wie Gilbert Stuarts Porträt des ersten Präsidenten George Washington (um 1800). Eine spezifisch amerikanische Darstellungsweise lässt sich nicht ausmachen. Das Besondere sind die Themen, zum Beispiel Porträts von Indianers, das älteste ist Gustav Hesselius‘ Bild des Delaware-Führers Lapowinsa (1735). Genremaler widmen sich den „einfachen Leuten“, wie William Sidney Mount im Bild „Tanz auf dem Scheunenboden“ (1831).

Lange sieht die US-Kunst aus wie ein Nachhall der europäischen, weil es Kunst der Einwanderer war. Die Kuratorinnen haben dieses Wahrnehmungsproblem erkannt, einige Exponate von Kunst der Native Americans weisen zumindest darauf hin, dass die Perspektive der Schau eurozentrisch ist. So sieht man ein wunderbares Pfeifen-Paneel der Haida, eine Steinschnitzerei, und eine hölzerne Katsina-Figur der Hopi.

Auch die Afroamerikaner treten kaum in Erscheinung. Eastman Johnson porträtierte um 1859 einen Banjospieler, durchaus respektvoll, aber es ist eine pittoreske, exotische Szene für ein weißes Publikum. Die Maler der „Ashcan“-School, der Mülleimer-Schule, waren Realisten, die sich dem urbanen Leben zuwandten. Zu ihnen gehörte George Benjamin Luks, der in seinem Bild „Boxkampf“ (1910) den ikonischen Moment schildert, in dem der schwarze Champion Jack Johnson seinen Herausforderer Jim Jeffries K. O. schlug. Afroamerikanische Künstler wie William H. Johnson und Jacob Lawrence finden erst im 20. Jahrhundert ihr Publikum.

Gerade die Werke des 20. Jahrhunderts erweisen sich als Entdeckungen. Da entwickelt der Künstler Marsden Hartley eigenwillige Formen der Abstraktion in „Pre-War Pageant“ (1914), das aus sich überlagernden Kreisen und Mehrecken konstruiert ist. Morgan Russells „Synchromy“ (um 1914) ist eine abstrakte Farbstudie, eine Art Farbakkord.

Vollends spannend ist Stuart Davis‘ Gemälde „Electric Bulb“ (1924), in dem er eine Glühbirne vor der Schutzhülle aus Wellpappe porträtiert, als wär es eine antike Säule. Dieser reduzierte Blick auf die Warenwelt wirkt wie eine Vorausschau auf die Pop-Art. Hierher könnte man auch John Haberles Bild einer abgewetzten, zerschlissenen Ein-Dollar-Note (1890) packen, Trompe-l‘oeuil-Malerei, aber wunderbar lakonisch. Joseph Stella wiederum übersetzt die imposante Skyline New Yorks in eine monumentale Komposition himmelstürmender Linien („American Landscape“, 1929).

Und manche Bilder faszinieren eben, auch wenn sie vielleicht nicht an der Spitze der Avantgarde stehen, wie das Porträt einer jungen Frau mit einer Katze auf der Schulter von Cecilia Beaux („Sita and Sarita“, 1893/94).

Bis 24.3.2019, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221/ 221 211 19, www.wallraf.museum,

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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