Uraufführung von Martin Heckmanns’ „Es wird einmal“ in Bochum

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Aussicht auf neue Aufgaben: Martin (Matthias Kelle), Sophie (Therese Dör) und Hermann (Günter Alt, rechts) in der Uraufführung „Es wird einmal“ von Martin Heckmann in Bochum. Die Hospitantin, gespielt von Kristina Peters, bemüht sich (ganz links).

Von Achim Lettmann -  BOCHUM Es flackert, wenn Kristina Peters spricht. Sie ist die Hospitantin, die weitergibt, was andere ihr sagen. Sie nimmt das auf, was die Bühnenwelt groß machen soll. Sie flackert am Schauspielhaus Bochum, wo Peter Heckmanns’ Stück „Es wird einmal“ uraufgeführt wurde.

Sie verströmt guten Willen, Zuversicht und Mut. Ihr Monolog will das Theaterspiel als Befreiung werten, es soll um die „kommende Gemeinschaft“ gehen, nicht weniger. Und es soll jemand zu sehen sein, der für uns alles spielt. Ein Jedermann. Bei Peters klingt selbst die Programmatik frisch. Es darf auch ein bisschen duselig sein: „Atem, Geist und Spiritus“. Hauptsache, man ist mit dem Herzen dabei. Das wirkt sympathisch, wie sie eine Wasserflasche als Leuchtsignal hält – statt Fackel „aus versicherungstechnischen Gründen“. Die Hospitantin schiebt die große Kunststoffbrille immer wieder auf die Nase. Ein modisches Must, das sie versucht zu tragen, wie alles an diesem Theaterabend, was noch kommen wird. Ein Versuch.

Intendant Anselm Weber hat die Uraufführung Heckmanns ganz zeitnah angelegt. Die Figuren in den Kammerspielen suchen nicht nur eine Rolle, für die sie beim Regieguru Obermann vorsprechen. Sie suchen sich immer auch selbst. So wird die Rollenarbeit zum Lebensmotiv erweitert. Wer sind wir, und was leistet die Verwandlung? Obermann selbst erscheint gar nicht.

Der Zuschauer wohnt der Probenarbeit bei. Hermann Feuchter (Bühne) hat einen schwarz-weißen Laborraum gebaut und ein großes Loch in die Decke geschnitten, so dass etwas Nachthimmel und Wolkenbildung sichtbar werden, ebenso wie ein Gefühl, das Observation denkbar ist. Die Allmacht.

Religöse Traditionen, wie im historischen Mysterienspiel oder dem „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal, animieren Heckmanns aber nicht. Der Dramatiker, der zu den namhaften Gegenwartsautoren zählt, agiert im Theatermilieu. Hermann, ein älterer Darsteller, arbeitet an Grabbes „Don Juan und Faust“. Er hofft, dass Obermann ihn auswählt, für sein „performatives Projekt“. Während Günter Alt den Hermann als geistvollen Theatermenschen gibt, der dünnhäutig und bissig gegen jüngere Kollegen in Stellung geht, nimmt der Text von Martin Heckmanns die Theaterwelt in den Schwitzkasten. Ignoriert das Prozesshafte im Spielbetrieb nicht längst die Demontage von außen? „Wir sprechen nicht über Geld“, schnauzt die Regieassistentin Dora einmal und will das Theater als „heiligen Ort“ isolieren. Jeder im Publikum weiß, dass gerade das auch in Bochum Thema ist. Minna Wündrich spielt die Dora, die verlängerte Hand des Altmeisters, mit der Kraft einer Dompteurin, der die Tiere entlaufen und deren Überzeugung verblasst. Wie soll dann die nächste Nummer aussehen? Es bleiben Bemühungen.

Auch Martin spricht vor. Dem „Performer“ fehlt die Basis der Theaterklassiker. Matthias Kelle spielt ihn als wendigen Kopfmenschen, der Ideen umsetzt und dabei Darstellung schnell mit Provokation verwechselt. Als König flüchtet er nackt mit einem Sprung von der Bühne, der in der ersten Reihe für kurzes Entsetzen sorgte. Regisseur Anselm Weber klopft solche Spielklischees ganz souverän auf ihren Unterhaltungswert ab.

Und probiert wird, was die Probanten hergeben. Ein dionysisches Zwischenspiel mit Urschreitherapie, ein Improtheater, das Muskelschwache zum Wettrennen auffordert, Konsum im Kaufhaus, Kanzler Kohl, Heidi Klum... es sind Szenen, die bewegen, amüsieren, verwundern, weil die Spielversuche immerwieder ins Absurde geführt werden. Vergeblich wirkt das am Ende alles. Und Martin ist es vorbehalten endlich einen trefflichen Satz zu sagen: „Alles geht unter, aber wie wir gespielt haben, das bleibt in der Luft.“ Das tut auch Sophie gut, die die „Schönheit“ gespielt hat und nur an Profil gewinnt, wenn sie Rollen annimmt. Therese Dör gibt diese verunsicherte junge Frau, die unehelich auf die Welt kam und eine Kindheit in Westfalen erduldete. Dies ist süffisant eingebaut, ja, aber in der optimierten Gesellschaft bleiben Störfälle Handicaps, wenn sie die Persönlichkeit betreffen. Sophie wird es mit Martin versuchen. Ein Kuss zeigt, dass man sich im Theater doch noch auf etwas verlassen kann. Die Liebe, noch so ein Versuch. Heckmanns Stück streut in Bochum am Ende leise Hoffnungen, auch weil ein Kind auftritt, dass alle Fragen weitertragen wird.

Das Stück

Ein spöttischer Versuch über das Schauspiel an sich, und in welcher Form das Theater heute ist.

Es wird einmal von Martin Heckmanns am Schauspielhaus Bochum.

18., 22., 27. Dezember, 12., 18., 25. Januar; Tel. 0234/3333 5555 www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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