Tschechows „Kirschgarten“ am Schauspiel Dortmund

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Schüttelattacke mit Kirschen: Bettina Lieder (von links), Ekkehard Freye, Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth, Björn Gabriel und der Musiker Alexander Xell Dafov (dahinter) in der Dortmunder Inszenierung von Tschechows „Der Kirschgarten“.

DORTMUND - Er legt sich einfach auf Ljubow Andrejewna drauf – lang, feist und machtbewusst. Nach dem Verlust des Kirschgartens ist die Gutsbesitzerin wie benommen. Lopachin, der die Obstplantage gekauft hat, überwindet als neuer Herr die Leibeigenschaft seiner Vorväter und greift nach dem Selbstverständnis der gefallenen Patronin. Aber so nah er ihr auch sein will, sie bleibt unerreichbar.

Diese Rüpelei ist im Dortmunder Studio hautnah zu spüren, so unverstellt ist das Spiel, das Regisseur Sascha Hawemann hier einrichtet. Hawemann lotet mit Tschechows Figurentableau keine Paarkonstellationen aus, er will die Individuen, die Tschechow im Jahr 1900 als moderne Wesen entworfen hat, in ihrem Daseinsdebakel vorführen.

In Dortmund wird gefühlvoll und gleichsam drastisch gespielt. Warja, die das Landgut über Jahre bewirtschaftete, während Ljubow mit einem Liebhaber in Paris ihr Geld durchbrachte, geht der Niedergang ans Herz. Bettina Lieder weint die innere Not der Adoptivtochter Warja heraus. Ohne mütterliche Liebe und von Männern ignoriert, bleibt ihr nur wenig Zuversicht. In Dortmund steht sie ganz am Rand des Bühnenkastens, direkt vor dem Publikum, das wenig Platz in einem offenen Raum hat, den Wolf Gutjahr für Selbstdarstellungen mit breiten Dielenbrettern ausgelegt hat. Warja kommt einem hier sehr nah, und so ergreifend ist das Theater.

Regisseur Hawemann hat ein großartiges Ensemble, das seinem Zugriff folgt, Menschen auszustellen. Allen voran Friederike Tiefenbacher. Sie dreht den vitalen Eigensinn der mondänen Gutsbesitzerin ins Widersetztliche, ohne aufzudecken, ob die Misere tatsächlich ihr finaler Tiefpunkt ist. Wie souverän und körperlich die Tiefenbacher dem persönlichen Drama Ljubows noch einige Stationen in der Heimat zufügt, ist eine Schau. Mit ihrer Entourage aus Frankreich flutet sie den verschlafenen Gutshof, knutscht den Kontoristen, tanzt zum Gelaber ihres Bruders oder dreht sich in einem Schaukelseil, als sei alles nur Manege. Kindisch-naiv spürt sie im imaginären Wasser, dass Heimat auch ein Jungbrunnen ist. Und die Hilfe Lopachins (Frank Genser), der aus dem überschuldeten Kirschgarten Ferienhäuser machen will, kontert sie beiläufig. Als das Hoffest zur Techno-Party anschwillt, bietet sie sich nach ihrer Zeit in Paris sogar Petja „zum Kauf“ an. Der Student hat die Zukunft nur theoretisch im Griff, und Ljuba fordert ihn in ihrem erotischen Outfit obzön heraus. Sie hat die Kraft, jeden zur Kulisse ihrer Selbstsucht zu machen, selbst wenn er auf ihr liegt. Ljubow wird das Landgut verlieren, aber den Seelenzirkus führt sie an.

Mit dem Figurenspiel sprüht die Inszenierung. Der brüskierte Petja, den Björn Gabriel mit dem Mut der Verzweifelung zeigt, offenbart seine Impotenz und hofft auf ein geistige Verbindung mit Anja. Ljubows Tochter ist die Großstadtschöne, die im blassrosa Cocktailkleid Illusionen nachhängt. Merle Wasmuth lässt sie exaltiert strahlen wie depressiv erstarren, da ihr anfangs ein Lebenssinn fehlt. Solche Momente verstärkt die Bühnenmusik von Alexander Xell Dabov (Klavier, Akkordeon, Soundgerät).

Immer wieder gelingen packende Bilder. Wenn Leonid einen alten Schrank feiert und demonstriert, wie verpeilt seine Selbstbeschau ist, gibt Ekkehard Freye Ljubows Bruder ein tragisches Pflegma. Oder wenn Warja ihre Schwester Anja schultert und trägt, ist Verantwortung gemahnt, doch nur Warja lebt das. Mit dem Gutshof geht die Erbherrschaft verloren und die neue Freiheit bedeutet Unsicherheit. Aus diesem Dilemma hat Hawemann seine manisch-melancholische Dramaturgie entwickelt, die der Inszenierung immer wieder Tempowechsel verleiht. Und abstruse Bilder, wenn eingeweckte Kirschen sabernd vertilgt werden, und sich alle in Schüttelkrämpfen winden, dann ist das Bild von giftigen Früchten eine Vorahnung und ein bisschen Ekel-Theater mit Untoten dazu.

Der Niedergang des alten Russland ist der Kampf eines jeden mit sich selbst. Als Warja ihrer Schwester erklärt, dass Menschen Erziehung brauchen und Arbeit nötig ist, tut der klare Monolog richtig gut. Ein Neuanfang?

Zum Ende stellt Hawemann sein Ensemble in Pelzmänteln auf. Ein Resümee, ein Abschied im nüchternen Tonfall, ohne Selbstbetrug und ohne Liebespaare. Es hat etwas befreiendes.

Firs, der alte Diener, zieht nun den Vorhang auf allen drei Bühnenseiten wieder zu, und Uwe Schmieder, der in einer Doppelrolle zu sehen ist, spielt wie aus der Welt gefallen: „Man begreift überhaupt nichts mehr.“

Karten nur noch für 7. 3., 24. 6., 13. 7.; Tel. 0231/5027 222; www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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