Tomo Sugao inszeniert Puccinis Oper „Turandot“ in Dortmund

Grausam aus Verzweiflung: Szene aus „Turandot“ in Dortmund mit Stéphanie Müter und Andrea Shin. Foto: Hickmann

Dortmund – Für jeden, der Oper liebt, gibt es ein Werk, das ihn an der Oper zweifeln lässt. Giacomo Puccinis „Turandot“ ist ein solcher Kandidat: emotional druckvolle Musik in virtuoser Verblendung von modernen Effekten und dem, was Puccini als „exotisch“ in seiner Musik verarbeitete. Eine Szenenfolge, die es mit jedem Thriller aufnehmen kann. Aber ein von Anfang an unmögliches Ende: Die grausame Prinzessin lässt alle ihre Freier töten, aber verliebt sich Hals über Kopf in den ersten, der auf die Lösungen kommt. Warum, bitte?

An der Oper Dortmund ist „Turandot“ in einer Inszenierung des Regisseurs Tomo Sugao zu sehen (gespielt wird der Schluss von Franco Alfano). Es ist, das sei vorweggeschickt, ein mitreißender Opernabend, der ein dunkles, brutales Märchen in opulenten Chinabildern auffächert. Die Dortmunder Philharmoniker unter GMD Gabriel Welt können zupacken, aber die rätselhafteren, zurückgenommenen Stellen wie die Mondszene im ersten Akt bekommen einen Schimmer wie von Sehnsucht nach einer heilen Welt.

Sugao macht es so: Er erzählt von einem Reich, in dem von Urbeginn an alles faul ist. Die Idee kommt aus Turandots Arie „In questa reggia“. Darin beschreibt sie, wie vor 1000 Jahren eine Ahnin geraubt, missbraucht und ermordet worden war. Sie, Turandot (Stéphanie Müther), will frei sein und keinem Mann gehören. Daher die tödlichen Rätsel. Um ihre Besessenheit herum hat sich ein Blutkult im Volk gebildet. Das hechelt jedem neuen Opfer entgegen, leckt dessen Blut und nagt noch die Knochen ab. Der Chor wurde ausgezeichnet einstudiert von Fabio Mancini.

Den Grund für all das deutet Sugao während der Szene mit den Hoffunktionären Ping, Pong und Pang an (Morgan Moody, Sunnyboy Dladla und Fritz Steinbacher). Die drei Herren haben sich als Strippenzieher auf Kosten des altersschwachen Kaisers Altoum (Hannes Brock) und einer unerfahrenen Prinzessin etabliert. Offenbar haben sie das Mädchen durch Missbrauch eingeschüchtert. Ein alter ego spielt mit Puppen. Später bilden die Puppen eine Art Scheiterhaufen um einen goldenen Drachen, ein Kaisersymbol. Plakativ, aber beeindruckend. Wie fette Spinnen sitzen die drei Herren im Unterbauch des düsteren Palastes, umgeben von Kissen, roten Lampions und Opiumpfeifchen (Bühne: Frank Philipp Schlößmann, Kostüme: Mechthild Seipel). Zu dieser finsteren Geschichte passt der Palast als Henkersparadies in düsterem Blutrot und Schwarz, in dem der Kaiser wie eine bereits leblose Goldpuppe erscheint und Turandot wie eine Statue.

Wie zerlumpte Fremdkörper tauchen Timur (Karl-Heinz Lehnert) und Liù (Sae-Kyung Rim) auf, der geschlagene König der Tataren und seine Sklavin, die Calaf liebt. Der wiederum ist besessen davon, Turandots Rätsel zu lösen. Warum, wird am Ende klar: Er übernimmt die Kaiserwürde vom nun dahingeschiedenen Altoum. Turandot wird in die passive Frauenrolle zurückgestoßen und geht traurig ab. Noch so ein trauriger Sieg des korrumpierten Patriarchats. Nur Skizze bleibt leider die Idee, dass Calaf nach der Macht greift, um die Niederlage seines Vaters zu kompensieren.

Liù bleibt die Frau in Idealgestalt: liebend und opferbereit. Rim erfüllt ihre Rolle mit Strahlkraft und jugendlichem Timbre. Sugao stellt sie als Calafs guten Engel dar, der ihm sogar während der Rätselprobe auf die Sprünge hilft. Diese Konstellation löst er aber nicht auf.

In der Titelrolle gelingt Stéphanie Müther die Balance zwischen eisig funkelnder Kälte und menschlicherem Flehen. Sie stellt überzeugend die von Grund auf zerstörte Prinzessin dar, die nichts kennt und versteht außer Macht. Andrea Shin gibt einen lyrischen Calaf. Für die Massenszenen fehlt es ihm ein wenig an Durchschlagskraft, doch er bietet metallisches Heldentum und Schmelz für die Rätselszene auf, und für die Arie, die im Publikum einige kurz mitsummen: „Nessun dorma“.

22.2., 3., 13., 16., 22., 28., 31.3., 7.4., 3.5.,

Tel. 0231/ 50 27 222

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Quelle: wa.de

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