Thomas Noone und seine „Medea“ in Münster

Frauen voller Gegensätze: Leander Veizi tanzt Glauke und Elizabeth D. Towles (rechts) die titelgebende Medea am Theater Münster. Foto: berg

Münster – Was der Mund nicht sagen kann, sagt der Körper. Deshalb ist es eine solche Versuchung, die großen mythischen Stoffe mit Tanz zu erzählen. Wenn ein Körper zu Boden prallt, erzählt das auf eine direkte Weise von Zurückweisung und Wut, wie es ein gesprochener Satz nie könnte.

Am Theater Münster fasst Choreograf Thomas Noone die Geschichte von „Medea“ in schnelle, spannende Begegnungen, in denen kaum wirklich Nähe entsteht, außer der Nähe eines Stoßes oder Schlages. Das Tempo ist hoch, die Spannung bleibt hart. Mit Euripides hat Noones „Medea“ noch die Konstellation gemein, so sehr hat der Choreograf die Geschichte abstrahiert. Noone schuf auch vor vier Jahren „Descent“, einen Tanz-Abend über Orpheus und Eurydike in Münster.

Elizabeth Towles tanzt die Titelrolle ausdrucksvoll und risikofreudig. Sie beginnt den Abend mit einer Tanztheatersequenz, ohne Worte schreiend. Ihre Medea ist von Beginn an die Verlassene und weiß es auch. Ihr Mann Jason hat sich längst abgewendet. Ihre Kinder (Maria Bayarri Perez, Raffaele Scicchitano) sind ihr fremd. So bleibt es bis zum bitteren Ende, als angedeutet wird, dass die ganze Episode vielleicht dem Wahn einer Vereinsamten entsprang. Noone nutzt den „Medea“-Stoff als Sprungbrett für mitreißende Tänzer-Darsteller, die davon erzählen, wie unmöglich Begegnung ist.

Towles ist eine trotzige, wütende Alleingelassene. Jason, zunächst etwas steif getanzt von Leander Veizi, steigert sich in stolze, kühle Duette mit Glauke, der Frau, die ihm König Kreon nach seiner Heimkehr von seinen Heldentaten als standesgemäße Gattin zugedacht hat. Der Abend ist auch nach Typen spannend besetzt: Der kleinen, ausdrucksstarken Towles steht die große, selbstsicher-distanzierte Tarah Malaika Pfeiffer in unschuldigem Himmelblau (Kostüme: Marc Udina Duran) als Glauke gegenüber. Keelan Whitmore tanzt überlegen Glaukes Vater Kreon. Fünf weitere Tänzer übernehmen die Rolle des antiken „Chores“, der die Handlung begleitet. Vom Goldenen Vlies ist bei Noone noch ein goldenes Halsband geblieben, das Medea als Marker für ihre Außenseiter Rolle trägt.

Unheimlich spannungsvoll gelingen die Gruppenszenen, in denen Noone Synchronizität einsetzt, um von Machtverhältnissen zu erzählen. Es gibt tief berührende Szenen wie diese: Medea versucht, sich gegen die Vereinnahmungsversuche Glaukes und Kreon durchzusetzen, doch sie hat keine Chance. Sie muss den von ihnen vorgegebenen Bewegungen folgen, sich ihnen unterordnen. Fließende, schnelle Sequenzen wechseln sich spannend ab mit gehaltenen Posen oder mit ruckartig zurückweisenden Gesten. So reißt die Spannung nie ab.

Jim Pinchen hat dazu einen Soundtrack geschrieben, der die Spannung füttert. Statik schnurpselt und platzt wie Luftblasen. Synthesizer treiben. Eine Violine schwingt sich auf, taucht wieder ab. Es klingt, als würden Zupfinstrumente mit leerer Saite angeschlagen. Am besten, man betrachtet Noones „Medea“ als eine Art Teilchenbeschleuniger: Die Personen werden aufeinander geschossen. Eine Kollision folgt auf die nächste. Das lebt vom Tempo und von starken Tänzer-Darstellern.

Edda Breski

Der Tanz

Aus dem „Medea“-Stoff entwickeln mitreißende Tänzerdarsteller schnelle Sequenzen und die Unmöglichkeit von Begegnungen.

Medea am Theater Münster. 23., 26., 31. 10.; 2., 13. 11.; 5., 13., 20., 25. 12.; 1., 6. 2. 2020; Tel. 0251 / 59 09 100; www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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