Theater: „Marketplace 76“ bei der Ruhrtriennale

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Orange, die Farbe der Wissenden: Szene aus „Marketplace 76“ in der Jahrhunderthalle Bochum. ▪

BOCHUM ▪ Dieses Theaterstück handelt von schlimmsten Vergehen. Der Klempner verschleppt ein junges Mädchen und versteckt es 76 Tage lang. Man sieht auf einem großen Flachbildschirm ins Versteck, und die extremen Nahaufnahmen von ihrem Schlüpfer, der freie Blick auf den nackten, bulligen Mann, seine Befehle, ihre verzagten Erwiderungen, bringen die Vorstellung des Zuschauers erst richtig auf Touren. Von Ralf Stiftel

Was die Needcompany in ihrer Uraufführung bei der Ruhrtriennale verhandelt, will man eigentlich nicht auf der Bühne sehen. Unverkennbar übersetzt das belgische Ensemble den Fall des Mörders Marc Dutroux in ein Lehrstück in Brecht‘scher Tradition. Der Autor, Regisseur und Erzähler führt in den Abend: „Stellen Sie sich vor“, spricht er das Publikum an.

„Marketplace 76“, eine Koproduktion mit dem Burgtheater Wien und dem Holland Festival in Amsterdam, spielt in einem Dorf. Man findet symbolhaft reduziert einen Querschnitt der Gesellschaft, Lauwers bezieht sich auf Lars von Triers düsteren Film „Dogville“. Ein Verbrechen reicht nicht. Das Dorf wird von Katastrophen heimgesucht: Vor einem Jahr fielen einer Explosion 24 Menschen zum Opfer, darunter mehrere Kinder. Der Jahrestag soll mit einem Trauerritual begangen werden. Just in dem Moment fällt der Sohn der Bäckerin aus dem Fenster und stirbt. Dann schlägt der Klempner zu. Und dann geht es darum, was die Dorfgemeinschaft mit dem Täter macht.

Befremdlich ist der makabre Humor, mit dem Schuld, Tod und Strafe in der Bochumer Jahrhunderthalle vorgeführt werden. Alle Akteure sind auf der Bühne, schieben Kulissen, singen, tanzen. Als Lauwers von der Gasexplosion erzählt, von herumfliegenden Körperteilen, nimmt er seine eingängliche Aufforderung zurück. Wenn man diese Bilder noch nicht aus dem Fernsehen kenne, solle man sie sich lieber nicht vorstellen: „Dies ist Theater.“ Die Needcompany versteht ihre Arbeit als therapeutisch.

So werden die Symptome einer krisengeschüttelten Gesellschaft nicht einfach abgebildet. Immer wieder treten die Darsteller aus den Rollen. Dann singen sie ein Lied, tanzen musicalhafte Choreografien, machen einen grellen Scherz mit Möwenscheiße.

Der Abend hat den archaischen kathartischen Witz alter Moritaten und des Grand Guignol. Der tote Sohn der Bäckerin und Bruder der misshandelten Pauline spielt als große Puppe mit. Aus dem Himmel fällt ein Boot, angeblich von einem Sturm hergetragen, darin sitzt ein „Schieler“, Squinty, mit magischen Fähigkeiten. Er hat einen Bruder im Geiste, den Straßenkehrer. Orangene Overalls kennzeichnen die Narren, die Wissenden, die nicht in den finsteren Zwangsvorstellungen Befangenen. Sie nennen sich Boatpeople, wie einst die Flüchtlinge aus Fernost. Pauline streift das Orange später über.

Der Klempner, dessen Tod die Dörfler schuldhaft in Kauf nehmen, hat einen Auftritt als schleichender Spinnenmann, ehe er sich weiße Knochen auf den Leib schminkt, ein wandelnder Tod, ein memento mori.

Die auf den ersten Blick so lockere Form, in der die Needcompany ihren Stoff vorstellt, versucht, Distanz zu schaffen, Reflexion zu ermöglichen. Wie geht man mit der Klempnersfrau Kim-Ho um, die von dem Verbrechen wusste? Sind 76 Tage strenge Einzelhaft eine angemessene Buße? Die Truppe formuliert solche Fragen und setzt sie gegen eine verständliche, aber blinde Empörung, wie sie zur Zeit die vorzeitige Entlassung von Dutroux‘ Frau und Komplizin Michèle Martin auslöst.

Die Antworten der Needcompany mag man als naiv empfinden, so sympathisch ihr Beharren auf Humanität ist. Bei ihnen löst sich, fast wie in den Tagen der Hippies, alles in Liebe auf. Kim-Ho, die sich als heilige Hure entpuppt, gebiert ein Kind, das als meterhohe Aufblas-puppe wie ein Comicbuddha über der Szene wackelt. Das Stück krankt am Fehler vieler Gleichnisse und Fabeln: Es vereinfacht. Aber wie das Ensemble komplexe Fragen von Schuld und Sühne erkennbar macht, das zeugt von vitaler Kraft seiner Bühnenkunst.

Quelle: wa.de

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