Sven Regener amüsiert mit skurrilen Figuren im Roman „Wiener Straße“

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Sven Regener

Es ist stockdunkel, als Karl und Erwin die Wohnung an der Wiener Straße inspizieren. Wo ist der Lichtschalter? Die Bude über der Café-Kneipe „Einfall“ soll trotz selten benutzter Kaminöfen zu einem neuen Zuhause für Erwins Mieter werden. Sie müssen das Quartier tauschen, weil er Platz braucht. Seine Helga ist schwanger. So geht dem Gastrobetreiber einiges durch den Kopf, und Autor Sven Regener lässt ihn seitenweise zu Wort kommen, um in die Gedankenwelt einer Figur seines Romans „Wiener Straße“ einzuführen.

Sven Regener, der mit seinen Werken zu und nach „Herr Lehmann“ (2001) Kultstatus erreicht hat, macht es lesbare Freude, diesen Monolog zu entwickeln. Regner, der nach wie vor als Sänger von Element of Crime auftritt, richtet früh ein Konfliktfeld ein, auf dem sich immer wieder Erwin Kächele als Kleinunternehmer den Unmut einiger Kreuzberger zuzieht, weil er ideologisch gesehen auf der anderen Seite steht. Letztendlich aber gehören Regeners Romanfiguren – auch Frank Lehmann zählt wieder dazu – einer Community an, die im Westberlin der frühen 80er Jahre ein Reservat genießt, in dem es mehr menschelt, als es die städtische Randlage im kalten Krieg vermuten lässt.

Die skurrilen Gestalten machen einfach Spaß. Wenn Extremkünstler H.R. Leidigt eine Grabgabel und eine Kettensäge im Baumarkt holt, ahnt man, welche Handschrift sein Gestaltungswillen trägt. Beim Konflikt mit der Kassiererin wirkt das Werkzeug bedrohlich, ist doch der Künstler auch als Choleriker schon in Erscheinung getreten. Es knistert.

Autor Regener beherrscht den Szenenwechsel und baut schrittweise Konflikte auf. Wie Erwins Nichte Chrissie um den Putzjob im „Einfall“ drum herrum kommt und doch hinter der Theke arbeiten kann, obwohl es bereits drei Zeitgenossen für diese Position gibt, ist herrlich gelassen formuliert. Regener demonstriert mit seiner Erzähltaktik, dass das Unausweichliche eben Teil des Lebens ist. Warum aufregen? Einige Streitigkeiten implodieren einfach.

Dem Roman liegt eine Alltagsweisheit zu Grunde: Wer sich aufspielt, hat schon verloren. Das Künstlerkollektiv um P. Immel verhöhnt Regener freundlich als diktatorische Clique, die so funktioniert wie ein Dorfverein bei der Jahreshauptversammlung. Kunst kommt nicht von Können. Karsten 1 oder kurz Kacki ist der Depp, den P. Immel für seine Egotrips instrumentalisiert. Einer muss das ja sein.

Der hierarchische Kitt spielt auch in Berlin-Kreuzberg eine Rolle, wo sich Hausbesetzer und Punker die Klinke in die Hand geben. Einem Fernsehteam vom ZDF wird neue Kunst in der ArschArt-Galerie vorgespielt, bis es auf der Vernissage zum Showdown zwischen Kunst und Staat kommt. Ein KOB (Kontaktbereichsbeamter) findet den Baum, der vom Straßenrand zum Objekt aufgestiegen ist... H.R. Leidigt wollte mal etwas Großes sägen.

Letztlich sind es kleinkarierte Reibereien, die sich undramatisch auflösen. Dazu beschreibt Regener ganze Szenenbilder, die als Slapstick-Performance vor dem geistigen Auge auftauchen, wie der „Massenringkampf“ im „Einfall“. Frank Lehmann, der dort putzen darf, trifft P. Immel mit dem Feudel im Gesicht, es fliegen Fäuste und so geht es weiter, bis alles beim Alten bleibt. Das ist das herrlich Banale an Regeners Erzählstoff. Der Roman stellt keine Zeitgeschichte ins Licht, sondern vermittelt einem das Milieu jener Jahre als kleine Flucht aus dem Leistungskapitalismus.

Der große Erfolg für Sven Regener liegt auch darin begründet, dass er Mechanismen beschreibt, die jeder kennt. Westberlin nahm den Zeitgeist der Bundesrepublik auf. Und Regener spitzt die Emanzipation auf den „Schwangerschaftsbauch“ von Erwin zu, der auch mal fühlen soll, wie schwer es Frauen haben. Dagegen finden Männer immer Trost im Alkohol. Ein tägliches Bedürfnis, das im „Einfall“ kulminiert oder beim Großhändler. Ganz prosaisch klingt in der „Wiener Straße“ dann auch das Glück: „Immer oben rein und unten raus“.

Es wird viel berlinert bei Sven Regener. Sehr präzise skizziert er Existenzen, die als Sozialpädagoge bezahlt werden und als Galerist am eigenen Profil feilen. Letztlich aber fühlt sich das Leben wie ein Zustand an, der nur kurzfristig beeinflussbar ist. Ansonsten herrscht Fatalismus. Das liest sich lässig, mal selbstgefällig und auf amüsante Weise sinnlos.

Sven Regener: Wiener Straße. Roman. Galiani Verlag, Berlin. 296 S., 22 Euro.

Regener liest am 14. Oktober im WDR Funkhaus in Köln.

Quelle: wa.de

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