Das Stück „Memory Alpha“ in Dortmund

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Die Videowand macht Erinnerungen sichtbar: Szene aus „Memory Alpha“ in Dortmund mit Uwe Schmieder, Christian Freund, Friederike Tiefenbacher und Caroline Hanke (von links).

DORTMUND - Vielleicht wäre es besser gewesen, das Thema Erinnerung gleich als szenischen Essay zu behandeln. Man hätte auf die seltsame Mischung von Beziehungs- und Kriminalgeschichte verzichten können. Spannend genug ist es ja, bei „Memory Alpha“ im Studio des Schauspiels Dortmund vorgeführt zu bekommen, wie wenig verlässlich das menschliche Gedächtnis ist.

Ed. Hauswirth inszeniert die Uraufführung des Stücks der Dramaturgin Anna-Kathrin Schulz. Sie hat auch „Die schwarze Flotte“ geschrieben, jenen monumentalen Monolog über die Schmuggelwege für Flüchtlinge über das Mittelmeer. In der aktuellen Produktion geht es ebenfalls um ein brisantes Thema: Die Gefahr durch das digitale Gedächtnis. Das Internet vergisst bekanntlich nichts. Das kann missbraucht werden. In China ist ein soziales Bewertungssystem geplant, das alle Menschen und ihr Verhalten erfassen soll.

Vor diesem Hintergrund spielt Schulz‘ Stück, das mehrere Stränge aktueller Erinnerungsforschung zu einer Geschichte bündelt. Da ist der Soziologe Dr. Stein (Uwe Schmieder), der vor führenden EU-Politikern in Brüssel davor, die Privatsphäre aufzulösen. Und kurz darauf erleidet er einen tödlichen Verkehrsunfall. Da ist seine Frau, die Gedächtnisforscherin Prof. Kleinert (Friederike Tiefenbacher), die in ihren Experimenten Versuchspersonen falsche Erinnerungen einpflanzt, so dass der Biologie-Student Grünfeld (Christian Freund) glaubt, er habe als Kind den Hund der Nachbarn mit dem Messer getötet. Und da ist Steins Schwester (Caroline Hanke), die an einem seltenen Syndrom leidet, an Highly Superior Autobiographical Memory (HSAM), was dazu führt, dass sie sich an alle persönlichen Erlebnisse detailliert erinnert.

Im Stück versucht Stein, den Schmieder nur in Unterhose spielt, sich an sein Ableben zu erinnern – und herauszufinden, warum er sterben musste. Ein Geist, eine personalisierte Erinnerung. Nacheinander verdächtigt er die anderen: War die Gattin eifersüchtig? Suchte der Student Rache für seine verkorkste Psyche? Oder hatte die Schwester ein Motiv?

Packend sind die Momente, in denen die realen Hintergründe des Textes ausgebreitet werden. Susanne Priebs hat als Bühnenbild eine Architektur aus Bildschirmen geschaffen. Wenn Schmieder als Stein seine Brüsseler Rede hält, sieht man ihn vor einer Wand aus Passfotos, eben den zuhörenden Politikern. Und immer, wenn er von China spricht, blitzt kurz eine parallele Galerie aus asiatischen Gesichtern auf. Wenn das Ensemble wichtige Momente im kollektiven Gedächtnis aufschlüsselt – Mondlandung, Unfall Lady Di, Terroranschlag vom 11. September 2001 –, dann erscheinen entsprechende Fotos. Eine Erinnerungsszene wiederholen Schmieder und Tiefenbacher, aber mit leicht verändertem Text, was die Unzuverlässigkeit der Erinnerung treffend verdeutlicht.

Die Konfliktlinien hingegen wirken etwas gewaltsam eingezogen. Eifersucht als Motiv eines doch recht kompliziert arrangierten Mordes? Oder ein politischer Anschlag auf einen Warner und Mahner? Solche Bausteine des Who-Done-It-Krimis werden der doch ganz ernsthaft aufgefächerten Problematik nicht wirklich gerecht.

Dass der Abend trotzdem ziemlich funktioniert, ist den engagiert und wunderbar konzentriert auftretenden Darstellern zu verdanken. Speziell wie sie mit der Videowand spielen, wie sie sozusagen den guten alten Diavortrag zu neuer Frische aufpolierten, da sah man gern und gut unterhalten zu.

13.4., 4., 20.5., 2., 22.6., 4., 12.7., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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