Stefanie Carps zweite Ruhrtriennale: Theresienstadt, Techno, Operette

Moderne Interpretation eines Klassikers der Antike: Marlene Monteiro Freitas schuf die Choreografie „Bacchae – Prelude to a purge“, die bei der Ruhrtriennale zu sehen sein wird. Foto: Avezzu/La Biennale di venezia

Essen – Bis jetzt zeichnet sich noch nicht wieder ein Großstreit um die Ruhrtriennale ab. Nach der Debatte um die Ein- und Ausladung der israelkritisch positionierten Band „Young Fathers“ im vergangenen Jahr reagiert Intendantin Stefanie Carp allerdings äußerst schmallippig auf Fragen, die in diese Richtung deuten.

Bei der Programmpressekonferenz der zweiten Ruhrtriennale unter ihrer Intendanz betonte sie dagegen stark ihr Leitthema: politische Ängste und kulturelle Identitäten. Wie aufgeladen dieses Spannungsfeld ist, zeigte allerdings gerade der Streit um die „Young Fathers“.

Regisseur Christoph Marthaler, der der Triennale als artiste associé verbunden ist und 2018 für die Großproduktion „Universe, imcomplete“ zuständig war, bringt ein dystopisches Parlament auf die Bühne. Mit „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend“ wird am 21. August das Festival eröffnet. In der Produktion im Audimax der Uni Bochum verhandeln „Parlamentarier“ Brüche unserer Zeit. Marthaler, der eine Videobotschaft geschickt hatte, will den Zusammenhang zwischen Demokratieverlust und Sprachverrohung bearbeiten.

Begleitend hat er Musik von Komponisten gewählt, die unter den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Theresienstadt einsaßen, wie Viktor Ullman und Pavel Haas. Marthaler zog in seiner Botschaft eine beunruhigende Parallele zum Totalitarismus des frühen 20. Jahrhunderts und sprach von „Vergleichbarem, wenn nicht Schlimmerem“, das uns noch bevorstehen könnte.

So klingt der Grundton der Triennale 2019: düster. Tief besorgt, fragend, zersplittert. Wie Marthalers Arbeit soll sich eine weitere Musiktheaterproduktion, „Evolution“ des Ungarn Kornél Mundruczó, auf mehreren Zeitebenen mit den Zeitläuften befassen und will einen zweifelnden Blick auf die Zukunft richten. In der Jahrhunderthalle Bochum wird György Ligetis knapp halbstündiges Requiem drei Mal aufgeführt: einmal live, einmal reproduziert, einmal verzerrt. Dazu wird eine Familiengeschichte erzählt: Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wird ein Baby gefunden. In der Jetztzeit ist dieses Baby eine alte Frau. Auf der Zukunftsebene wird von ihrem Urenkel erzählt. Mundruczó hat in Ungarn eine freie Kompagnie gegründet und deutete während der Programmvorstellung an, wie schwierig deren Arbeit dort geworden sei.

Fünf Jahre nach dem Ende seiner Ruhrtriennalen-Intendanz wird ebenfalls in der Jahrhunderthalle wieder eine Arbeit von Heiner Goebbels zu sehen sein. „Everything that happened and would happen“ konstruiert Ruinen europäischer Kultur, darunter Teile des Bühnenbildes von Goebbels’ eigener Inszenierung von John Cages „Europeras“.

Auch Regisseur David Marton bringt eine Ausgrabungsstätte auf die Bühne in seiner Inszenierung von Purcells Oper „Dido and Aeneas, remembered“ in der Kraftzentrale in Duisburg, eine Koproduktion mit der Opéra de Lyon.

Kunst, die aktuelle Fragen der Zeit bearbeitet, muss sich für Darstellungs- und Darbietungsformen öffnen. So mischt der Amerikaner Tony Cokes in seiner Installation/Performance „Mixing Plant“, die in der gewaltigen Mischhalle auf Zollverein gezeigt wird, Poesie und theoretische Essays, Bilder und Sound. Er spürt unter anderem den afrikanischen Wurzeln der „weißen“ Musik Techno nach und thematisiert so das Kulturphänomen der Appropriation, der Aneignung von Elementen einer Minderheitenkultur durch eine dominierende Kultur. Die Installation „Bergama Stereo“ des türkischen Künstlers Cevdet Erek stellt den Pergamonaltar in die Turbinenhalle an der Jahrhunderthalle, tauscht aber das „Fries der Giganten“ gegen Lautsprecher aus.

Im Schauspielbereich fragen Jan Lauwers und die Needcompany nach der Legitimität weißer Künstler in einer interkulturellen Welt („All the Good“, Zeche Zweckel).

„Training for the Future“, ein Projekt von Jonas Staal, ist eine Art Lehrveranstaltung an drei Tagen in der Jahrhunderthalle. Aktivisten sollen das Publikum schulen. „Da geht es zum Beispiel um die gerechte Verteilung sinnlicher Liebe“, kündigt Carp an. Das klingt originell. Allerdings war das Vorgängerprojekt „Preenactment“ 2018 eher eine Vortragsveranstaltung.

In einer Mischung von Tanz und Schauspiel beschäftigt sich die Produktion „Congo“ im Landschaftspark Duisburg-Nord ebenfalls mit kultureller Aneignung. Zwei Uraufführungen sind im Tanzbereich geplant: eine neue Produktion von Bruno Beltrao und „Chapter 3“ der israelischen Choreografin Sharon Eyal.

Der Musikzyklus „MaschinenHausMusik“ soll Stereotype der Unterhaltung aufspießen mit der Dekonstruktion „Gefährliche Operette: Eine Wiederbelebung“. Das Chorwerk Ruhr vereint Luciano Berios 40-stimmige Komposition „Coro“ mit einer Messe des Renaissancekomponisten Alessandro Striggio. Im Popbereich kommen unter anderem die australische Singer/Songwriterin Kat Frankie und die „Woods of Birnam“.

Die Ruhrtriennale zeigt 147 Veranstaltungen bei 35 Produktionen. 19 Veranstaltungen seien Eigen- und Koproduktionen, berichtete Carp. Davon seien 14 Ur- und Erstaufführungen. Hinzu kommen Installationen wie Third Space: Das Kollektiv raumlaborberlin hatte bereits 2018 ein ausrangiertes Militärflugzeug an der Bochumer Jahrhunderthalle aufgestellt. Dieses Mal werden die Flugzeugteile ein Forum bilden. Unter dem Titel „Colours of Europe“ wird der Künstler Olu Oguibe die Glasfassade der Jahrhunderthalle gestalten.

35 Produktionen in 147 Vorstellungen zeigt die Ruhrtriennale vom 21.8. bis 29.9.. Hier eine Auswahl:

Nach den letzten Tagen, Regie Christoph Marthaler, 21.8.-1.9.

All The Good, Jan Lauwers und Needcompany, 22.8.–7.9. Mixing Plant, Installation von Tony Cokes, 22.8.–29.9.

Everything That Would Happen..., von Heiner Goebbels, 23.-26.8.

Colours Of Europe, Installation von Olu Oguibe, 23.8.–29.9. Bergama Stereo, Performance mit Cevdet Erek, 24.8.

Dido and Aeneas, Remembered, Oper von Purcell, 28.–31.8.

Congo, mit Studios Kanako, 28.–31.8.

Bacchae - Prelude to a Purge, Marene Monteiro Freitas, 29.8.–1.9.

Gefährliche Operette, Offenbach-Dekonstruktion, 4., 5.9.

Evolution, Regie Kornél Mundrzczó, 5.–14.9.

Neue Tanzkreation von Bruno Beltrao und Grupo de Rua, 6.–9.9. Die große Wanderung, H. M. Enzensberger liest, 8.9.

Kind Of, von Ofira Henig, 12.-15.9.

The Bees’ Road, von Ofira Henig und Khalifa Natour, 13.–15.9. In Vain/Kraanerg, Klangforum Wien, Sylvain Cambreling, 14.9. Rosen aus dem Süden, Klangforum Wien, S. Cambreling, 15.9.

(.....) Ein Stück, dem es scheißegal ist, dass sein Titel vage ist, von Jetse Batelaan, 18.–28.9.

Unsere Odyssee: The Lingering Now, von C. Jatahy, 19.–21.9.

Chapter 3, Choreografie von Sharon Eyal und Gai Behar, 26.-29.9.

Tel. 0221 / 28 02 10; www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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