Stefan Wolle schildert den „Aufbruch nach Utopia“

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Das gutbürgerliche Wohnzimmer (hier eine Museumsinszenierung aus Wittenberg) gehörte zu den uneingelösten Versprechen der DDR, von denen Stefan Wolle in seinem Buch „Aufbruch nach Utopia“ berichtet. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ 1980 sollte es so weit sein: Der Kommunismus errungen, der Kapitalismus beschämt, Schönheit, Glück und Wohlstand für alle – aber ohne die gruseligen Begleiterscheinungen von Ludwig Erhards Marktwirtschaft, wie sie die Defa-Filme ausmalten: Neid, Gier, Menschenhandel, Mord... Einen „Aufbruch nach Utopia“ schildert Stefan Wolle in seinem Band über die DDR in den 1960er Jahren.

Der Historiker knüpft an seinen Bestseller „Die heile Welt der Diktatur“ an (1998), der den SED-Staat in den 70er und 80er Jahren porträtierte. Erneut zeichnet er ein materialreiches und höchst unterhaltsames Panorama, dessen Befremdlichkeiten er auch als Zeitzeuge (Jahrgang 1950) erhellt. Nebenbei widerspricht er dem dürren Desinteresse des Bielefelder Sozialhistorikers Hans-Ulrich Wehler, der in seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ (2008) über die DDR als „sowjetische Satrapie“ hinwegging.

Mit historistischem Interesse behandelt Wolle den Enthusiasmus der Jahre zwischen Mauerbau 1961 und der Ablösung von Staatschef Walter Ulbricht durch Erich Honecker 1971. Dabei begnügt er sich mit einem schmalen Anmerkungsapparat und blendet Forschungsliteratur ebenso aus wie die Deutschland- und Außenpolitik der SED. Wichtiger aber sind die vielen bunten Alltags-Fundstücke, mit denen er den offiziösen Jubel kontrastiert. Die reichen von der Kartoffelversorgung im FDJ-Ferienlager über Schlagertexte, Kinderbücher, Witze und den Beton-betonten Städtebau bis zur ersten großen Überraschungsshow im deutschen Fernsehen: „Mit dem Herzen dabei“, 1964 erfunden, um verdiente Werktätige auszuzeichnen.

Zukunftseuphorie und Wissenschaftsglaube prägen – wie im Westen – die Zeit. Als Idole werden der Griechengott Prometheus und der Kosmonaut Juri Gagarin idealisiert. Dabei hält Wolle Ulbrichts Parole vom „Überholen ohne einzuholen“ für gar nicht so lächerlich, wie sie nach dem Scheitern der DDR wirkte: „Es war wohl der letzte Versuch, die Utopie vom weltweiten Sieg des Sozialismus als Tagesaufgabe konkret zu formulieren.“ Dieser ironisch grundierte Analyseton macht das Buch zum Lesevergnügen.

Ulbricht setzt, so Wolle, auf die Überlegenheit einer umfassenden gesamtstaatlichen Planung gegenüber einem wild wucherndern Kapitalismus. Und in der Tat wird die Versorgung mit Verbrauchsgütern und Wohnraum besser. Wissenschaft und Industrie tragen ihren Teil zur entwickelten sozialistischen Gesellschaft bei: quietschbuntes Plaste-Essgeschirr, bügelfreie Blusen. Doch der Fortschritt ist fragil. Er hängt ab von den wechselhaften Rohstofflieferungen der Bruderländer oder vom Wetter, und große Lücken in der Modernisierung blieben, etwa bei der mickrigen Zahl von „Hochschulkadern“.

Kern der zaghaften Reformen ist 1963 eine dezentralere Wirtschaftspolitik. Doch verhakt sich das Neue Ökonomische System der Planung und Leitung (NÖSPL) bald in der real existierenden Bürokratie und wird gestutzt. Bei gleicher Gelegenheit setzt die SED-Führung im Dezember 1965 auch der Kultur enge Grenzen – verbietet zum Beispiel die gesamte Defa-Filmproduktion des Jahres. Die große Ernüchterung, die Wolle mit vielen Befunden illustriert, wird zweieinhalb Jahre später die Ausschaltung der tschechischen Reformkommunisten durch die Truppen des Warschauer Pakts: Utopia am Ende. Dass die DDR-Oberen so tun, als seien auch sie ins Nachbarland eingefallen, obwohl die Sowjets sie in Erinnerung an Hitlers Einmarsch vor 30 Jahren nicht mitnehmen, ist eine von Wolles bitteren Pointen.

Im Sommer 1968 beginnt eine Erstarrung, die auch der Machtwechsel zu Honecker nicht überwindet.

Stefan Wolle: Aufbruch nach Utopia. Alltag und Herrschaft  in der DDR 1961-1971, Ch. Links Verlag, Berlin, 440 S., 29,90 Euro.

Quelle: wa.de

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