Stef Lernous inszeniert Wildes „Salome“ mit Musik von Tom Liwa

Ein letzter Flirt mit dem Kopf des Propheten Jochanaan: Szene aus „Salome“ am Theater Oberhausen mit Daniel Rothaug und Ronja Oppelt. Foto: Palmer

Oberhausen – Unterschiedlicher könnten die beiden nicht sein. Hier der irrlichternde Rotschopf. Salome springt katzengleich auf den großen Plastiktank, kauert darauf wie ein Raubtier, fordert wie ein trotziges Mädchen, was ihr die Laune eingibt, eine Prinzessin im Sumpf, die noch mit der Bierdose in der Hand Machtbewusstsein und Verführungskraft ausstrahlt.

Da der spießige Buchhalter der Sünden. Jochanaan legt wahres Feuer in seine Anklagen der Unmoral, aber er spricht erst, nachdem er seine Krawatte gebunden hat. Er sieht so bieder aus, schillert aber kaum weniger als die verführerische Hexe, die sich in ihn verguckt. Er weicht angestrengt ihren Blicken aus. Aber sie entfacht Hitze in ihm, so dass er sich mit der Bibel Kühlung im Schritt zufächeln muss.

Der belgische Theatermacher Stef Lernous macht am Theater Oberhausen aus Oscar Wildes symbolistischem Einakter „Salome“ auch eine schwüle Liebesgeschichte zwischen zwei unvereinbaren Charakteren. Das ist seine Spezialität: Er bricht Klassiker auf ganz elementare Empfindungen herunter. Vor drei Jahren inszenierte er in Oberhausen eine animalisch wilde Fassung von „Lulu“ mit der Musik der Tiger Lillies. Nun ist er wieder da, und sein neuer Streich steht dem damaligen Theatercoup kaum nach.

Diesmal arbeitet er mit dem aus Duisburg stammenden, in der Nähe von Soest lebenden Musiker Tom Liwa zusammen. Die beiden schrieben dem Ensemble 13 Songs zwischen Folk, Country, Blues auf den Leib. Das ist mehr als nur eine Zugabe. Die Musik, von der vorzüglichen Band um Liwa suggestiv vorgetragen, treibt mit ihrem melancholischen Grundton die Handlung entscheidend voran. Sei es, dass der Page die gestorbenen Götter aus der Geschichte verabschiedet („vermutlich Richtung Bahamas“), sei es, dass Herodes schmachtet „Tanz für mich Baby“.

Zwei Stunden lang wird nun die Geschichte von der Prinzessin erzählt, die vom Propheten verschmäht wird und daraufhin für den König ihren Schleiertanz aufführt. Als Belohnung bekommt sie den Kopf Jochanaans in der Silberschüssel. Die biblische Erzählung ist schon bei Wilde erotisch zugespitzt. Lernous macht sie noch mehrdeutiger. Er verlegt das Geschehen in ein Camp irgendwo im unkrautüberwucherten Nirgendwo (Bühne: Sven van Kuijk), das an die US-Südstaaten erinnern soll. „Salome“ spielt im Milieu des „White Trash“, der Unterschicht, die Trump an die Macht gebracht hat. Der biblische Herrscher Herodes ist der abgerissene Patriarch einer Sippe von Habenichtsen, die ihre Zeit vor allem mit Abhängen und Dosenbier verbringen. Alle begehren Salome, und wenn Herodes seine Stieftochter um den Schleiertanz bittet, dann ist die inzestuöse Gier unübersehbar. Lernous greift gar nicht sehr in den Text ein, und doch wird das Geschehen mit dem schwülen Fieber von Tennessee-Williams-Dramen aufgeladen. Der Prophet schillert da als sehr irdische Figur, dem die Reize der Salome durchaus unter die Haut gehen und in dessen Predigten der Ton populistischer Wahlkampfreden mitschwingt.

Das Ensemble macht diese originelle Deutung rund mit einem beherzten Spiel. Ronja Oppelt verleiht der Salome die Züge einer Soziopathin, unberechenbar und launisch. Sie macht das Unglück der Figur sichtbar, aber wenn sie dem Tetrarchen vorhält: „Du hast es versprochen“, nölt sie wie ein Schulgör. Und wenn sie mit dem Kopf des Propheten spielt – ein netter optischer Gag mit dem Plastiktank –, dann mischt sie fein den Triumph und die Enttäuschung.

Daniel Rothaug gelingt es, dem so biederen Jochanaan ein verstörendes Charisma zu verleihen. Auch dieser Prophet ist ziemlich Psycho. Das gilt ebenso für das Herrscherpaar: Torsten Bauer ist ein grandios schmieriger Herodes, der im einen Moment schneidend kommandiert, ein echter geiler Patriarch, der aber rasch zum armen Würstchen schrumpft, als er Salomes Forderung vernimmt. Susanne Burkhard gibt die Herrschersfrau Herodias als schiefmäulige, frustrierte und desillusionierte Schlampe. Hinzu kommen die beiden Neben- und Dienerfiguren, ebenfalls wunderbar schillernd, Lise Wolle als unglücklich in Salome verliebter Offizier Narraboth, der sich blutig umbringt, aber gleichwohl munter weitersingt, und Clemens Dönicke findet als Page ebenso traurige wie abgeklärte Töne für Verlust und Schmerz. Großer Jubel für eine eigenwillige und berührende Klassikerdeutung.

Salome am Theater Oberhausen. 1., 6., 22.2., 9., 20., 24.3.,

Tel. 0208/ 85 78 184

www.theater-oberhausen.de Alle 13 Songs des Stückes wurden mit Tom Liwa, der Band und den Darstellern eingesungen. Die CD gibt es im Theater für 10 Euro.

Quelle: wa.de

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