Die Serie „4100 Duisburg“ von Laurenz Berges in Bottrop

Geometrische Komposition und Zeichen des Niedergangs: Das Bild „Bahnhofstraße“ (2014) von Laurenz Berges. Foto: © Laurenz Berges / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Bottrop – Diese Tür öffnet so schnell niemand. Eine Spanplatte wurde über das Schloss geschraubt. Auf dem Holz hat die Verwitterung die Poren und die Maserung freigelegt. Eine dicke Fasermatte verdeckt ein Fenster. Man kann dieses Bild aus der Bahnhofstraße in Duisburg auf verschiedene Weisen anschauen. Es zeigt im Detail den Verfall einer Wohngegend: Ein Haus wurde dauerhaft dicht gemacht.

Der Fotograf Laurenz Berges transportiert in seiner Aufnahme diese Tatsache mit. Aber er denkt vom Bild her, entdeckt am maroden Bauwerk einen Moment der Schönheit. Dieses Wechselspiel der gedeckten, gebrochenen Braun-, Grau-, Rottöne, diese tiefenscharf eingefangenen Oberflächen, die das Auge fast zu fühlen meint mit den Rissen, der Verwitterungsglätte, dem rauen Putz, dieser Rhythmus aus sich überlagernden Rechtecken, das könnte ein abstraktes Relief sein oder eine Collage.

Zu sehen ist das Bild in der Ausstellung „4100 Duisburg“ im Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop. In der von Museumsdirektor Heinz Liesbrock und Thomas Weski kuratierten Schau wird erstmals ein Langzeitprojekt vorgestellt, bei dem der Fotograf über fast zehn Jahre hinweg die Revierstadt immer wieder besuchte und fotografierte. Rund 75 großformatige Prints sind jetzt ausgestellt.

Berges, geboren 1966 in Cloppenburg, Meisterschüler von Bernd Becher, hat mehrere Jahre in Essen gelebt. 2009 hat ihn der Kurator Thomas Weski zum Projekt „Ruhr 2010“ eingeladen, bei dem sich zum Kulturhauptstadtjahr Fotografen mit dem Ruhrgebiet befassten. Bei Berges war es Duisburg, das um 1960 gemessen am Pro-Kopf-Einkommen der Einwohner eine der reichsten Gemeinden der Bundesrepublik war, heute aber die Lasten etwa im Sozialbereich nicht mehr tragen kann. Die Schau trägt im Titel die alte, vierstellige Postleitzahl. Er fotografierte vor allem in den von Kohle und Stahl geprägten Stadtteilen: Bruckhausen, Marxloh, Beeck.

Allerdings ist Berges kein Dokumentarist, wie Liesbrock erläutert. Der Fotograf arbeitet eher langsam, beobachtet Nuancen und Details. Er folgt nicht den gängigen Narrativen des misslingenden Strukturwandels. Er geht eher vor wie ein Archäologe, wie ein Archivar, der die Risse und Witterungsspuren an Fassaden nicht normativ als Verfall schildert, sondern er nimmt sie als Patina, als Zeichen einer durchlaufenen Geschichte. So kann er eben eine eigene Schönheit entdecken, wo die objektiven Zustände durchaus prekär sind.

In der Ausstellung spricht Berges denn auch von der „charaktervollen Expressivität“ der Stadt, die ihn fasziniere. Es sind leise Bilder entstanden, und langsame. Zum einen, weil Berges sich Zeit nahm bei der Motivsuche. Zum andern, weil er mit einer Großbildkamera arbeitet, die zum Teil Belichtungszeiten von 20, 30 Sekunden verlangte. Menschen tauchen darum eher selten auf. Einmal zeigt er Herrn Scholz (2017), wie er in einem märchenhaft zugewachsenen Hinterhof in einem Gartenstuhl sitzt. Oder in einer der ebenfalls seltenen Innenaufnahmen „Theo“ (2019), der aus dem Fenster blickt. Wohin, wissen wir nicht. Das Bild lässt eine weiß leuchtende Leerstelle. In diesem Spiel mit Gegenlicht schwingt einige Romantik mit.

Ähnlich verzaubernd spielt beim „Schwarzen Diamant“ (2013), einer aufgegebenen Kneipe, der Blick durch die Bleiverglasung, in der man den Schriftzug „König-Pilsener“ lesen kann, davor das minimalistische Interieur mit der karierten, fleckigen Tischdecke und dem Stuhl mit dem aufgeschlitzten Sitz.

Die Spuren der Zeit findet Berges an Orten, die leicht übersehen werden. Ein leerer Straßentunnel („Matena“, 2010), bei dem der Asphalt sich großflächig vom darunterliegenden Pflaster gelöst hat, bei dem die linke Wand von Stockflecken gezeichnet ist, von der rechten die Fliesen abgefallen. Oder das Haus in der Bergmannssiedlung, das Berges aus der Ferne aufnahm, durch winterlich kahles Geäst hindurch (Alt-Wedau, 2010). Vorn sieht man wieder eine Straße mit rissigem Asphalt und dahinter eine zerbröckelnde Steinbank. Er zeigt drei Häuser in Bruckhausen (2014). Beim linken scheinen durch den roten Anstrich alte Flecken durch, beim mittleren weißen sind Fenster und Tür im Erdgeschoss vernagelt, beim rechten roten sieht man noch Gardinen in einem Fenster. Er dokumentiert da nüchtern den Niedergang, und der kahle Baum davor unterstreicht noch die Moll-Stimmung. Aber er zeigt eben auch den Reiz des Farbdreiklangs.

Viele Häuser und Situationen werden nicht mehr lange bestehen. Vor dem Abriss, der Stadtsanierung erweist sich Berges in seiner Serie als Bewahrer. Liesbrock nennt als Vorbilder Eugène Atget, den Chronisten des alten Paris, und Walker Evans, der die Landhäuser der US-Südstaaten festhielt. Einen ähnlich zeitlosen, aber in Motiven und technischer Bearbeitung eigenen Angang findet Berges, wenn er immer wieder Türklingeln aufnimmt, mit alten Zeitungen beklebte Balken, die hinter einer Vertäfelung zum Vorschein kamen, einen Hinterhof mit Schuppen. Blätter und Äste auf einem Gartentisch fallen ihm als von der Natur geschaffenes Stillleben auf, das kein japanischer Holzschneider schöner hätte zeichnen können.

Bis 3.5., di – sa 11 – 17, so 10 – 17 Uhr, Tel. 02041/ 29 716, www.quadrat-bottrop.de, Katalog, Verlag Koenig Books, London, 48 Euro

Quelle: wa.de

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