„Der Sandmann“ am Theater Oberhausen

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Der Held ist fremdbestimmt: Szene aus „Der Sandmann“ mit Ronja Oppelt, Elisabeth Hoppe, Lise Wolle (von links).

OBERHAUSEN - Die Schatten tanzen bedrohlich auf den Gazebahnen, die den Spielraum im Theater Oberhausen begrenzen. Der Stummfilm lässt grüßen, man denkt an Nosferatu und andere Geister in Florian Fiedlers Inszenierung „Der Sandmann“ am Theater Oberhausen.

Aber nicht nur das: Die bekannte Schauererzählung von E.T.A.Hoffmann ist hier ein Figurentheater. Den tragischen Helden Nathanael verkörpert eine kinderkleine Puppe mit übergroßem Kopf, geführt von vier Schauspielerinnen, die abwechselnd entweder seine rationale Verlobte Clara und die verführerische Puppe Olimpia geben. Schon wie die ganze Gruppe am Anfang in einem Tango über die Bühne gleitet, ist ein feines Kunststück. Und man sieht gleich: Dieser Nathanael ist nicht Herr seiner Taten, sondern ein Ver- und Geführter, ein Getriebener.

Das romantische Gruselstück ist ja feinstes Motivgeflecht. Da ist das Kindheitstrauma: Nathanaels Vater kam bei alchemistischen Experimenten ums Leben, die er nachts mit dem sinistren Coppelius betrieb. Er verschmolz in der Phantasie des Jungen mit dem Sandmann, der bei Hoffmann kein kinderfreundlicher Einschlafhelfer ist sondern ein böser Geist, der mit dem Augenlicht die Seelen verdirbt. Hinzu kommt die Dreiecksliebesgeschichte, die Nathanael zwischen seine rationale Verlobte Clara und das Automatengirl Olimpia stellt.

In Oberhausen machen sie mit kleinen Mitteln große Bühneneffekte, wie Vaters Labor, wo er aus dem Plastikeimer eine Hand zieht und die giftgelben Gebräue brodeln, dass es eine Freude hat. Jens Burde gestaltete die Bühne mit Animationsfilmeffekten: Die Fenster in Nathanaels Studierstube werden hingezeichnet. Und Anna Polke verschwindet als Coppelius/Coppola unter weitem Mantel, Zylinderhut und Leuchtbrille. Klaus Zwick ist besonders als Automatenbauer Spalanzani mit Hinkefuß und Stock eine Wucht.

Vor allem aber Ayana Goldstein, Elisabeth Hoppe, Lise Wolle und Ronja Oppelt meistern (unterstützt von der Puppen-Co-Regisseurin Dorothee Metz) das Kunststück, gleichsam durch ihre Rollen zu rotieren, mal die Puppe zu führen, mal die um Verständnis ringende Verlobte zu geben, mal die maschinenhafte Olimpia im Metallmini, wie eine Wiedergängerin aus „Metropolis“, manchmal bilden sie eine Art Chor. Das verleiht der Aufführung einen schönen Drive.

Fiedler bewahrt in seiner Inszenierung den entschleunigten Schauer des 19. Jahrhunderts, die Wunder-Poesie, die kulturelle Distanz. Dass Hoffmanns Drama recht zeitgemäße Fragen anspricht, blitzt in kleinen Momenten auf. Spalanzanis Vortrag über den Fortschritt ist aus modernen Texten zur künstlichen Intelligenz kompiliert. Olimpia verfällt manchmal in ein Alexa-Sprech: „Ich habe dich nicht verstanden. Meintest du Petersilienbaum?“ Und Nathanael verkörpert jene Traumqualitäten, wenn er von den menschlichen Mitspielern mal getragen wird, als ob er flöge, oder auch zerrissen. Der Ich-Verlust in virtuellen Welten ist hier auf subtile Weise angedeutet, ohne die Substanz der alten Erzählung zu verletzen.

30.-11., 8., 12., 19., 22.12.,

Tel. 0208 / 8578 184,

www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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