Samuel Finzi und Manuel Harder spielen Falladas „Trinker“ in Recklinghausen

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Samuel Finzi

Von Achim Lettmann RECKLINGHAUSEN - Riechen tut es nicht. Aber gelblich wie Kotze sieht es aus, dann wie blutiger Schleim. Es wird aus Schläuchen gepresst, die Samuel Finzi und Manuel Harder in Mundhöhe halten oder zwischen den Beinen sprudeln lassen. Die Schauspieler zeigen beide einen, den „Trinker“ von Hans Fallada.

Sie lockern die Agonie eines Alkoholikers mit etwas Ekeltheater auf. Später wird noch eine Leber zerfressen. Das wirkt ironisch, brutal, auch mal albern, aber vor allem wird das Drama um Erwin Sommer dadurch weniger bedrückend.

Regisseur Sebastian Hartmann hat am Central Theater Leipzig eine Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin herausgebracht. „Der Trinker“ nach dem Roman von Hans Fallada. Dass diese Visualisierung einer literarisch verarbeiteten Suchtkarriere nach Recklinghausen kam, liegt wohl auch an den guten Darstellern. Samuel Finzi, Theaterschauspieler in Berlin, TV-Krimiheld („Flemming“) und Kinodarsteller („Kokowääh“) ist live zu erleben. Manuel Harder, der auch selbst inszeniert, zählt derzeit zum Leipziger Ensemble und hat jahrelang am Schauspiel Dortmund gearbeitet. Ihm fällt die Trinker-Rolle des stoischen Monsters zu. Mit einem breitem Pflaster unterm Auge und strähnigen Haaren, die er über seinen Kopf streicht, stellt Harder die körperlichen Zeichen des Verfalls aus und wirkt dabei noch männlich, nicht immer abstoßend. Harder bläst den Exzess auf, wenn er nonverbal raunzt, brüllt, den Kopf schüttelt und mit rotem Gesicht erschrickt. Im Kino hat Mickey Rourke die Sucht („Barfly“) so abgebildet. Dagegen gibt Finzi den komischen Suffkopp, der mal kindisch wirkt, wenn er lallt, und seiner Frau Rache schwört, die man ihm nicht mehr zutraut: „Ich stecke ihr die Villa an.“ Dann zeigt Finzi sein zweites Gesicht, das der Alkohol ihm gegeben hat, und springt cholerisch mit Schlusssprüngen über die Bühne des Kleinen Theaters im Festspielhaus. Das dröhnt und geht an die Nerven, weil Regisseur Hartmann die Selbstaufgabe auch als Kontrollverlust und unüberhörbares Scheitern zeigen will. „Der Trinker“ ist kein Amüsierstoff.

Die Story um Erwin Sommer, der sein Lebensmittelgeschäft, seine Frau Magda und sich verliert, wird von Steve Binetti mit melancholischer Gitarrenmusik eingeleitet. Der Musiker sitzt mit baumelnden Beinen am Bühnenrand. Ein irrer Spielmann, vielleicht der Tod selbst. Mit Harder und Finzi singt er zur E-Gitarre, so dass die Fallstudie etwas aufgehalten wird von tiefgründigen Songs („In the house of death“) aus Männerkehlen.

Tempo macht dagegen das Video von Tilo Baumgärtel, das auf einen Vorhang projiziert wird. Ein Bilderstrom, grell farbig, mit Katzenfratzen, flatternden Männerköpfen und eine Straße, die mit Äxten bearbeitet wird. Ein Chaosszenario. Ein Rausch.

In Zwiegesprächen beschreiben Finzi und Harder die Suchtstationen, die Leere, den Selbsthass, den Durst, die Ohnmacht. Aber ganz traurig macht ihr Schicksal nicht, trotz einiger intimer Momente. Sie spielen typisierte Alkoholiker, die im Film- und Bühnenbetrieb immer wieder Schauwert erreichen.

Eine Windmaschine bläst über die „Trinker“ hinweg. In weißen Anzügen sind sie auch zu sehen. Im Jenseits.

21., 22. Mai; Tel. 02361/92180

Quelle: wa.de

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