Ruhrtriennale startet mit William Kentrigdes „The Head and the Load“

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Imposante Figuren, wirkmächtiger Gesang: Szene aus dem Musiktheater „The Head and the Load“ unter der Regie von William Kentridge in der Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg-Nord.

DUISBURG - Eines der Leit-Themen der ersten Ruhrtriennale unter der Intendanz von Stefanie Carp ist das Wegsehen. Europa wollte und will gar nicht so genau wissen, was seine Unternehmen und Armeen auf anderen Kontinenten angerichtet haben. „The Head and the Load“ des südafrikanischen Künstlers und Opernregisseurs William Kentridge ändert nicht allein die Blickrichtung. Die große Wirksamkeit des Riesenprojekts, mit dem die Ruhrtriennale gestartet ist, liegt darin, dass Kentridge den Blick bricht, verfremdet, umkehrt und damit die Erfahrung von Krieg und Vergessen als Kunst universell erlebbar macht. Das ist ein großes Erlebnis.

„The Head and the Load“ ist eine wütende Collage, eine Fusion aus Theater, Tanz und Musik (kongenial komponiert und dirigiert von Thuthuka Sibisi) beider Kontinente. Der Titel bezieht sich auf ein Sprichwort aus Ghana: Der Kopf und die Last sind des Nackens Pein. Gemeint sind die ungezählten Afrikaner, die durch die Kolonialmächte in den Kampf gezwungen oder als Träger rücksichtslos ausgebeutet wurden. Ihre Namen kennt man nicht. Sie bekamen keine Ehrenmäler gesetzt.

Die Riesenproduktion hatte im Juli Premiere in der Londoner Tate Modern. Nun ist eine gigantische Querbühne in die Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg gebaut worden. Durch ihre riesige Längserstreckung gibt sie ein zweidimensionales Bild ab. Die Tänzer, Sänger und Sprecher erscheinen in der Draufsicht zunächst wie Figuren auf einer Filmrolle oder Schatten auf einem Fries. Auf der Wand bewegt sich eine Kunstcollage aus Projektionen von Skizzen aus dem Urwald, Wortversatzstücken, Namenslisten und Kritzeleien. Linien werden Ornamente zu Landaufteilungen und Marschrouten. Bei der Vermessung ihres Kontinents waren die Menschen Afrikas nur Personal.

Kentridge schichtet wütende Zeitbetrachtung, grobe Komik und Poesie. Einmal dreht sich ein Jahrmarkt-Schießrad. Boom, eine Teekanne wird durchlöchert. Boom: Jetzt sind es zwei dunkle, erhängte Körper. Mechanische Installationen drehen sich: Ein Propeller wird projiziert, vorne dreht sich eine handgetriebene Scheibe. Denn der Krieg in Afrika war zwar ein Krieg moderner Maschinen. Nur konnten diese Maschinen funktionieren, weil die Träger sie durch Urwald und Steppe trugen und dabei starben wie die Fliegen.

Kentridge holt Geschichte durch einen Chor der Stimmen und durch die ständige Überlagerung und Verschiebung der Bilder ins Jetzt. Eine Überseekiste fliegt auf, und darin musiziert die Musikgruppe „The Knights“. Aus einem Kriegstanz wird eine Exerzierübung (Choreografie: Gregory Maqoma). Der weiße Kommandeur ist eine Witzfigur, er balgt sich wie ein Hund um Fetzen einer Karte. Eine weiße Frau setzt sich einen schlecht gemachten preußischen Papp-Adler auf, kreischt sinnlose Vogellaute, aus dem sich deutsche Fetzen ergeben: ein Halbsatz aus der „Hunnenrede“ Kaiser Wilhelm II., aber auch Hamlet: Sein oder Nichtsein. Die vergröberte Darstellung von Stereotypen, der auf der Bühne so oft Schwarze zum Opfer fielen, wird hier umgekehrt und zur Mahnung gegen militärischen Wahnwitz.

Wenn die Aufführung einen Schwachpunkt hat, dann die deutsche Übertitelung, die sehr klein über der Bühne hängt und nicht immer mitkommt. Dabei werden neben Englisch und Französisch viele afrikanische Sprachen gesprochen. All diese gewaltigen Sätze, die Wortkaskaden, das Silbenfeuerwerk ballen sich wie eine Riesenfaust aus Sprache. Verschwiegenes verschafft sich wuchtig Raum. Konkrete Poesie trifft Comicsprache trifft Philosophie trifft Militärsatire. Kommandeure eifern, Bürokraten rechnen auf, was die Träger die Armee kosten. Ein Brief eines Reverend aus Nyasaland wird verlesen. Er verlangt, dass die Schwarzen ebenso das Recht haben sollen, im Kampf ihr Blut zu vergießen. Falsche Hoffnungen in den Kriegserfolg gab’s überall. Dennoch ist „The Head and the Load“ zwar politische, reflektierende Kunst, aber vor allem Kunst.

Sirenen schwellen ab und an: Es sind menschliche Stimmen. Ein reiner Sopran beginnt, „God save the King“ zu singen“, der Chor macht eine vokale Sinfonie daraus, dann einen Hymnus, bis der Text und die Melodie in der Wiederholungsschleife stocken und abbrechen. Aus dem Chaos und dem Vergessen lässt sich eben keine schöne Geschichtserzählung stricken. Auch in der Musik wird aus Zitaten ein lebenspralles, sorgsam in Form Gebrachtes Lebendiges. Eine Kora – eine westafrikanische Laute – führt einen Marsch, Trommeln und Blechbläser marschieren mit. Europäische Salonmusik klingt spöttisch. Satie wird zitiert, aber die Musikcollagen changieren so gekonnt zwischen Klang und Ton, zwischen Gesang und Lärm, das aus Unverwandtem wieder etwas Eigenes wird.

Edda Breski

Quelle: wa.de

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