Das Ruhrgebiet feiert eine lebhafte ExtraSchicht: „Licht an!“

Eine leuchtende Blumen-Installation dominierte die Zeche Zollverein in Essen. „Licht an“ war Motto der Extraschicht im Revier.

Von Carmen Möller-Sendler ▪ RUHRGEBIET–Farbige Lichtakzente lassen die Konturen des historischen Gebäudes hervortreten: Die Fassade der alten Zeche Waltrop erstrahlt in Rot und Blau. Davor eine gebannte Menschenmenge, die atemlos verfolgt, wie eine Gruppe BMX-Biker vor der ungewohnten Kulisse zu hammerharten Klängen auf der mobilen Rampe ihre Stunts vorführt. „Coole Show“, sagt der siebenjährige Niklas, der ganz vorn an der Absperrung steht und vorhin schon den Trike-Parcours auf dem Gelände getestet hat, „das möcht‘ ich auch können!“

Die alte Zeche ist einer von 53 Orten, die in dieser lauen Sommernacht mit mehr als 200 Events rund 230 000 Besucher zur ExtraSchicht lockten. Beschienen vom Mond und bestrahlt von einfallsreicher Lichtkunst werden den alten Industriemauern, modernen Fassaden, in die Jahre gekommenen Betonflächen – wie im Falle der RuhrUni Bochum – ganz neue Aussagen verliehen. Ein Buchstabensalat ergießt sich hier geisterhaft weiß auf schwarz über die dunklen Wände, formt zeilenweise Worte und Phrasen: Kopffigur, Tellerrand, Weltwissen, Lernort, Geistesblitze, Zugzwang... Sigrid Sandmann verleiht mit ihren Lichtinstallationen einem Ort Gewicht, der vor 100 Jahren noch keine Rolle spielte – Universitäten waren im malochenden Ruhrgebiet nicht vorgesehen und sind zwischen den Zechenstandorten im Pott ebenso neu, wie es die Ruhr Uni in diesem Jahr als Spielort ist: Zur ExtraSchicht-Premiere hat man einen „geistreichen“ Kosmos geschaffen mit ganz unterschiedlichen Stationen wie „Science Slam“, „Lesepicknick“ oder „Shakespeare am Tisch“, Spektakuläres und Schräges, was großen Anklang nicht nur bei den Bewohnern des Studidorfes findet: Bis spät in die Nacht hinein drängeln sich die Besucher.

Am Dortmunder „U“ dagegen ist es gerade ruhig. Der kleine bunte Künstlermarkt vor dem Eingang hat vorübergehend Flaute, und die Band „Los Ninos“ auf der Eingangsplattform spielt vor einem überschaubaren Publikum. „Die Leute kommen immer schubweise“, verrät die freundliche Dame am Eingang. Und sie verlaufen sich auch ein wenig auf den Etagen und den Ausstellungen und Performances, die überall in dem zur Kulturstätte umgebauten Gebäude der ehemaligen Union-Brauerei zu sehen sind.

Wer drin war, das erkennt man auch später im Shuttle-Bus zur nächsten ExtraSchicht-Station an den 3 D-Brillen, die man für einen Teil von Adolf Winkelmanns „Fliegenden Bildern“ braucht, etwa die Ruhrpanoramen im Foyer des „U“: Hinterher wegwerfen will sie keiner. Viele Besucher nutzen die ExtraSchicht, um Spielorte zu besuchen, die sie immer schon mal kennen lernen wollten – so wie die Familie, die darum bittet, sie mit ihren Brillen vor dem Panorama zu fotografieren, das gerade in Endlosschleife den emsigen Betrieb in einer Auto-Waschstraße der 50er Jahre zeigt: „Wir wollten schon seit der Eröffnung längst mal vorbeischauen, aber wir haben es einfach noch nicht geschafft!“

Gudrun aus Bochum hat heute zum ersten Mal Giora Feidman gehört: „Meine Schwester macht Klezmermusik und sagte, ich soll die Gelegenheit unbedingt nutzen, ihn in der Dortmunder Zeche Zollern zu erleben. Und sie hatte recht: Es war meine beste Veranstaltung heute Abend!“ Für Irmen Krenzer aus Ennepetal ist der Abend ebenfalls eine Premiere: Ihre Familie betreibt eine historische Werkzeugfabrik, und sie will sich heute mal ansehen, wie Industriekultur im Großformat funktioniert: „Das ist einfach unglaublich! So viele Ideen – darauf muss man erst mal kommen!“

Kurz vor zwei auf dem Campus der Ruhr Uni Bochum, Schicht mit ExtraSchicht: Mühsam presst Philipp Unger die Luft aus einem dicken, gelben Ballon, der übersät ist mit Unterschriften, Grüßen und Sprüchen: „Ein rundes Gästebuch“, erklärt er, leicht außer Atem, „das haben wir uns als Geburtstagsgeschenk an die Unibibliothek ausgedacht.“ Wir, das ist der Verein UmQ e.V., „University meets Querenburg“, der für seine Aktion einen der SchachtZeichen-Ballons aus dem Kulturhauptstadt-Jahr 2010 wiederverwertet hat. Der Ballon, der fertig aufgepumpt fast vier Meter Durchmesser hat, ist rundum eng beschriftet: Hunderte begeisterte Besucher haben sich hier im Laufe des Abends verewigt – eine gelungene Premiere für die Ruhr Uni!

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare